Markus Schinwald hat die Schausammlung „Wien 1900 – Alltag. Gesamtkunstwerk“ neu ausgestellt. Ein triftiger Grund mehr, öfter ins MAK zu gehen!
Wien ist die Welthauptstadt von Wien um 1900, viele Museen der Stadt zeigen Kunst aus dieser Epoche, nirgendwo aber ist sie so beheimatet wie im Wiener MAK (Museum für Angewandte Kunst). Ein Großteil der Möbel, Designobjekte und Gebrauchsgegenstände dieser Zeit wurden erstmals im damaligen „k.k. Österreichischen Museum für Kunst und Industrie“ öffentlich präsentiert, die Sammlung des MAK zählt zu den international bedeutendsten Beständen. Auch das Archiv der Wiener Werkstätte ist hier beheimatet, die Schausammlung „Wien 1900 – Alltag. Gesamtkunstwerk“ ist gleichermaßen das Signature-Piece des MAK. Seit der Direktion von Peter Noever ist im MAK Tradition, Teile der Schausammlung von internationalen, zeitgenössischen Künstlern und Künstlerinnen aus der ersten Riege neu aufstellen zu lassen. Babara Bloom, Jenny Holzer, Donald Judd, Franz Graf, Heimo Zobernig und einige andere taten es. Nun legte MAK – Direktorin Lilli Hollein ihre Kronjuwelen – die Schausammlung Wien 1900 vertrauensvoll in die Hände von Markus Schinwald. Eine gute Wahl.

„Ich bin mit großem Enthusiasmus an diese Aufgabe herangegangen und mit der Zeit viel mehr zum Historiker geworden als geplant“, so der Künstler. „Die Zeit um 1900 ist extrem fruchtbar, viele Fragestellungen der Gegenwart waren damals schon Thema, andere Zugänge sind heute nicht mehr brauchbar.“ Schon damals gab es Science-Fiction Literatur, wurden Icons erfunden und mehrmals täglich Postkarten geschickt, so häufig, dass man eine Verabredung noch am selben Tag verschieben konnte. Eine Vorform von Social Media, findet Schinwald. Unterricht und Pädagogik seien hingegen nicht mehr vergleichbar und viele handwerklichen Fähigkeiten, die Voraussetzung für die Herstellung großartiger Stücke waren, heute ausgestorben. „Der Verlust des Handwerks ist einer der tragischten Verlust“, so Schinwald. Im letzten Raum feiern Vitrinen mit originalen Beschlägen und anderen Details die Vielfalt der Handwerkskunst dieser Zeit.

Architekt Michael Wallraff hat Schinwalds vielschichtig verwobenes Konzept kongenial gestalterisch umgesetzt. Man betritt die Sammlung durch eine Rekonstruktion der Fassade des Weltausstellungspavillons 1925. Josef Hoffmanns dezente Referenz an die Klassik stößt hier lustvoll an ein psychedelisches schwarz-lila Tapenmuster von Dagobert Peche. Unmittelbar dahinter lässt eine Vitrine tief in das Depeschenbüro der „Zeit“ von Otto Wagner blicken. Wir schreiben 1902, der Holzschreibtisch mit den gekreuzten Stahlstreben ist in seiner zeitlos unmodischen, reduzierten Schlichtheit immer wieder ein Meisterwerk. Die Hörstation – ein alter Telefonapparat – erzählt, wie hierarchisch die Arbeitswelt von damals strukturiert war. Linoleum und ein Hocker für gewöhnliche Mitarbeiter, Holz für die Ranghöheren und auf der Führungsebene dann Teppiche und Messingluster.
Schinwalds Zugang ist fast filmisch. Die Objekte werden zu Darstellern in unterschiedlichen Szenen. Jeder der drei Räume hat eine andere Atmosphäre, die Exponate treten miteinander in Beziehung, um auf verschiedenen Ebenen ihre Geschichten zu erzählen. Aus der weiten Perspektive der Totalen lassen sich einzelne Aspekte bis zum Close Up heranzoomen. Die Exponate dürfen einem hier auch ganz konkret sehr nach kommen: Die neun Werkzeichnungen von Gustav Klimt für einen Mosaikfries im Palais Stoclet kann man so genau betrachten, dass sich sogar seine in Bleistift geschriebenen Anmerkungen zu diversen Details darauf entziffern lassen. Es entstand zwischen 1908 – 1911. Außerdem kommt in dieser Neuaufstellung endlich das Fries „Die sieben Prinzessinnen“ nach einem Märchen von Maurice Maeterlinck für den Musiksalon des Hauses Waerndorfer in Glasgow zur Geltung. Margaret MacDonald Mackintosh hat es 1906 geschaffen, sie war verbriefterweise früher dran als Klimt und dürfte ihn inspiriert haben. Die akustische Kulisse zu diesem Werk ist Musik. Ein optisches Erlebnis ist die Projektion originaler Schwarz-Weiß-Fotos diverser Interieurs, auf die eigens von der KI in Farbe rekonstruiert wurden. Diese extrem bunten, leuchtenden Interieurs kommen spielend an David Lynch heran. Hohes Suchtpotential!

Schinwald hat sich eineinhalb Jahre im intensiven Dialog mit den Kustoden und Kustodinnen des Hauses sehr gründlich mit der Sammlung beschäftigt und mit einem gegenwärtigen Blick verschiedene Erzählstränge durch ihre Bestände gelegt. Hier haben Frauen ihren Auftritt, sowie Provenienzforschung und die Schattenseiten großer Säulenheiliger wie Josef Hoffmann, Adolf Loos oder Peter Altenberg einen Platz, ohne ihre künstlerische Bedeutung in irgendeiner Weise zu schmälern. Antisemitismus und der problematische Umgang mit Sexualität kommen in den tieferen Informationsschichten der Seitenvitrinen und Schubladen zur Sprache.


Eines der bezeichnendsten Exponate ist das schlichte Zimmer, das Margarethe Schütte-Lihotzky für Karoline Neubacher entwarf. Einerseits ist es das erste Zimmer, das eine Frau für eine Frau plante, andererseits verdichten sich in den Biografien von Architektin und Bauherrin die Brüche dieser Zeit. Wurde erstere, die sich mit Adolf Loos auch stark in der Siedlerbewegung eingebracht hatte, zu einer glühenden Kommunistin, die im Widerstand um ein Haar ihr Leben lassen musste, so war Hermann Neubacher der erste nationalsozialistische Bürgermeister Wiens. Bekam Schütte-Lihotzky nach dem Krieg kaum mehr Aufträge, war Neubacher in Äthiopien als Berater tätig und war nach seiner Rückkehr in Salzburg als Bauunternehmer tätig. Lebenslang war er mit Josef Hoffmann befreundet, dem Wien um 1900 einige Highlights verdankt.

Dazu zählt das „Boudoir d’une grande vedette“ – die Zimmereinrichtung für einen großen Star. Eine eine blumengemusterte Chaiselounge auf verspiegeltem Boden, dazu eine Wandverkleidung aus silberbeschichtetem Holz, ein Kronluster, ein Spiegel mit Lederhocker, auf dem Oswald Haerdtls ikonische Kugelvase aus Musselinglas steht, verbreiten höchst glamouröses Flair. Dahinter winkt ein Plakat von Fritz Langs „Metropolis“ durch die Türoffnung. Das ist nur eine der vielen faszinierenden Geschichten dieser Neuaufstellung, die sich mit einer entzückenden Vitrine verabschiedet: die Kustoden und Kustodinnen bestückten sie mit einem Puma von Franz Barwig, einem Putto mit Raubkatze oder Spielzeugentwürfen der Fachklasse von Franz Čiček.





