Die Ausstellung KOWANZ. ORTNER. SCHLEGEL in den unteren Ebenen des Wiener Leopold Museums umkreist sehr elegant und geschichtsbewußt die MQ Libelle auf dessen Dach.
Die Konstellation ist etwas Besonderes: Die MQ Libelle, die 2020 am Dach des Leopold Museums landete, ist gleichermaßen der letzte Schlusstein, den die Architektenbrüder Manfred und Laurids Ortner gemeinsam mit der Lichtkünstlerin Brigitte Kowanz und der Medienkünstlerin Eva Schlegel in das Ensemble des Museumsquartiers setzten. Nun haben sich diese vier gleichermaßen „parterre“, also einige Stockwerke tiefer in der Ausstellung KOWANZ. ORTNER. SCHLEGEL im Leopold zusammengefunden.
Manfred und Laurids Ortner, die heute mit ihren Partnern als O&O Baukunst in Deutschland sehr präsent sind, haben das Leopold Museum, auch das nahe MUMOK und überhaupt das ganze Museumsquartier entworfen. Im zweiten Kellergeschoss des ersteren zeigt der Architekt und Maler Manfred Ortner nun seine großformatigen Kreide- und Kohlebilder.

Es sind Wandbilder in einem sehr eigentlichen Sinn, auf eine mit Wandfarbe grundierte Fläche zeichnet er mit Kreide und Kohle, Materialien, die selbst zerriebenen Baustoffen ähneln, vor allem Architektur in unterschiedensten Erscheinungsformen und Perspektiven. So wie ein Porträtmaler etwas Charakteristisches der Person herausarbeitet, sollen die Häuserporträts jene Ideen sichtbar machen, die an Ort und Stelle oft in der Vielzahl der Details untergehen. Sie sollen zeigen, was wichtig ist, so Manfred Ortner, am besten gefolgt von einer Erkundung der Gebäude (welche die Bilder nicht ersetzen können). Selten ist das so unmittelbar möglich wie hier im Museumsquartier.

Der Bilderparcours mündet in die mehr als 10 Meter unter dem Eingang gelegene untere Atriumshalle, einen imposanten, etwas irrealen Raum, der den wenigsten Wienern bekannt sein dürfte. Mit einem Blick nach oben lässt sich die Ausstellung fortsetzen. Er fällt durch die Glasböden in das zentrale Eingangsatrium darüber mit den schimmernden Riesenvorhängen der Künstlerin Eva Schlegel und weiter hinauf ins Freie durch das verglaste Atriumdach – gut 30 Meter weit. Die vertikale Struktur spielte beim Entwurf des Museums eine wichtige Rolle und soll durch die Ausstellung betont werden, erklärt Laurids Ortner.


Mit dem Aufzug und über Stiegen gelangt der Besucher auch physisch zwei Geschosse höher in das steinerne Hauptatrium mit dem Riesenschleier von Eva Schlegel. Ca. 3,5 Millionen Aluminiumkugeln auf knapp 1100 Schnüren, jede 19 Meter lang, formen die „Welle der Libelle“. In der Libelle am Dach hatte die Künstlerin den heutzutage vorgeschriebenen Sicht-und Sonnenschutz grafisch gestaltet. Nun aber wäre den Punkten langweilig geworden, und sie wollten sich bewegen, vermutet Laurids Ortner.

Die verstorbene Lichtkünstlerin Brigitte Kowanz lässt Lichtfäden durch das Atrium pirouettieren. Ihre drei Lichtkreise am Dach der Libelle verschaffen dem Museum und überhaupt dem Museumsquartier jene Fernwirkung, die manche vermisst hatten. Der ursprüngliche ortnersche Siegerentwurf für das Museumsquartier aus dem Jahr 1986 hatte einen schlanken Leseturm vorgesehen, der im Zuge der Umsetzung gefallen war. Ein boulevardmediale Kampagne dagegen war nicht ganz unbeteiligt.

Die Sichtbarkeit des gesamten Kulturensembles zu erhöhen war für Laurids Ortner ein wesentliches Ziel, das Projekt der Libelle über viele Jahre hinweg voranzutreiben. Dass er dabei auf Strategien und Interventionen des eigenen Frühwerks mit „Hausrucker und Co“ zurückgreifen konnte – pneuartige Erweiterungen oder Installationen, die aus dem Bestand förmlich herauswachsen – ist eine Pointe, die in der Ausstellung herausgearbeitet wird (Kurator Dominik Papst). Das Theoriespiel der Frühphase stärkt den späteren Monumentalbauten den Rücken. Eine schöne Kreisbewegung eines schaffenden Lebens.
Apropos Leseturm, die Fundamente sind dem Vernehmen nach noch da, hinderlich für eine neuerliche Diskussion sind nach Laurids Ortner andere Gründe: Die einen seien zu alt und vergesslich dafür, die anderen zu jung, um das Thema noch zu kennen.



Wer etwas darüber erfahren will, wie Kunst, Installation und Architektur ihr Zusammenspiel immer wieder erproben und üben müssen, sollte die Ausstellung nicht verpassen. Auch nicht, wer überprüfen will, wie zwei große österreichische Architekten in Bildern über Architektur nachdenken. Überhaupt ist hier schon zu viel geschrieben, denn ein Credo der Baukünstler lautet: Anschauen, nicht erklären.
KOWANZ.ORTNER.SCHLEGEL bis 11. Jänner 2026







