Jedes Jahr zieht die MA 19 – die Magistratsabteilung für Architektur und Stadtgestaltung ein Resümee über das Gebaute. Eine wohlsortierte Auswahl ist unter dem Titel „gebaut 2025“ nun auch online zu sehen. Was erzählt sie über die Baukultur der Stadt?
Die Gesamtentwicklung einer Stadt im Auge zu behalten, ist keine leichte Aufgabe. In Wien lastet sie auf den Schultern der Magistratsabteilung für Architektur und Stadtgestalung – vulgo MA 19. Sie begutachtet so gut wie alles, was gebaut wird und sich irgendwie auf das Stadtbild auswirkt, prüft dessen Angemessenheit, berät bei zukünftigen Entwicklungen, schreibt Wettbewerbe aus und gestaltet so das Erscheinungsbild der Stadt ganz wesentlich mit. Einmal im Jahr prämiert die MA 19 die in ihren Augen besten Projekte des vergangenen Jahres. Zwischen zwanzig und fünfundzwanzig sind es meistens, die aktuelle Auswahl firmiert unter „gebaut 2025“ und ist nun online oder in den Bürogängen der Abteilung zu begutachten.

Wer also dereinst, sagen wir, in 50 Jahren nachschauen möchte, wie in den 2020er-Jahren an der Stadt weitergebaut wurde und was damals als zeitgemäß galt, könnte sich diese Auswahl des Fachbereichs Stadtbildbegutachtung vornehmen. Sie umfasst große und kleine Projekte, Wohnhochhäuser, Gewerbehallen, Zinshaussanierungen, Geschäftsportale, Stationsdächer, öffentliche Räume und bildet damit einen repräsentativen Querschnitt. Gut für eine Stadt zu bauen, ist nicht nur eine Frage herausragender Leuchtturmprojekte, sondern vor allem eine der qualitätsvollen Alltagsarchitektur, die in der Masse wirksam wird. Normale Gebäude im gewerblichen Kreislauf der Stadt, die im engen Rahmen der Möglichkeiten und Vorbedingungen gut gemacht sind.
Verfolgt man diese jährliche Zusammenschau kontinuierlich, lassen sich in Bezug auf Funktion, Stil und Bauweise bestimmte Tendenzen erkennen, denen die MA 19 folgte. Modische und zeitgeistige Trends, solche, die vielleicht anhalten, und solche, die bald verschwunden sein werden. Ein Beispiel dafür sind die ufoartigen Dachaufbauten der 2000er Jahre. Sie werden zunehmend durch dezentere Aufstockungen abgelöst, die das Haus mehr ergänzen als verändern wollen. Überhaupt werden in den letzten Jahren immer häufiger Bestand und Neubau verwoben. Begrünte Fassaden und Baugruppenprojekte tauchen auf, Hybridbauweisen aus Holz und Beton, und viel Wohnbau – „das Fleisch der Stadt“, der manchmal geradezu nach Orientierung zu ringen scheint. Wie viele dieser riesigen, möglichst um Originalität und Antiregelhaftigkeit bemühten Hauselefanten (nach Christian Kühn) dereinst beurteilt werden, wird die Zeit weisen.

Wie schneidet der diesjährige Jahrgang im Vergleich zu den vorigen ab? In den Augen der Redaktion waren 2022 und 2023 keine schlechten Jahrgänge, 2021 kein guter. Dafür hatte er zwei Spitzen: Das Stadthaus von PSLA Architekten und der IKEA von querkraft waren beide zum Mies-van-der Rohe-Award nominiert. Wie bereits in den letzte Jahren macht sich auch in der „gebaut 2025“ Auswahl die zunehmende Bedeutung des Umgangs mit Bestand bemerkbar. Zu den Lieblingsprojekten von Fachbereichsleiterin Dipl.-Ingin Irene Lundström, MSc zählt die Sanierung des ehemaligen orthopädischen Spitals in Gersthof, das mitsamt seiner wunderbaren Parkanlage unter Denkmalschutz steht. 100-jährige Bäume wachsen hier, die BIG erwarb das Areal und siedelte darin einen zeitgemäßen Bildungscampus an. Franz&Sue Architekten glückte es, die neue Nutzung mit dem Bestand aus den 1920er Jahren in Einklang zu bringen. Im Resselpark vor der TU Wien entschied man sich gegen den Bestand. Der schmucke Holzpavillon mit Satteldach, Hausmannskost und Wintergarten im Resselpark war nicht barrierefrei. PPAG Architekten entwickelten einen sehr unkonventionellen Neubau mit einem Grundriss, der wie ein Stern oder Oktopus funktioniert. Nischen mit umlaufenden Sitzbänken erobern sich die Zwischenräume der alten Bäume im Park. PPAG krönten jede mit einem Pultdach: Voilá, ein kleines, silbergraues Dorf im Grünen. Sehr fotogen. In Wien-Liesing bauten Shibukawa Eder architects eine ehemalige Sargfabrik zum Kulturzentrum um. „Rote Emma“ von GERNER GERNER PLUS und AllesWirdGut Architektur ist eines von vielen geförderten Wohnbauten, die natürlich auch noch im Jahr 2025 vom „Roten Wien“ gebaut werden.
Während Normen und Verordnungen im Alltag des Bauens übergegenwärtig sind, ist die Formulierung verbindlicher Regeln oder Richtlinien für die Gestaltung eine schwierige Sache. Wonach ist zu beurteilen, was ein gelungenes Erscheinungsbild auszeichnet? Die Abteilung für Stadtgestaltung hängt baurechtlich an einem kurzen Satz des §85 in der Wiener Bauordnung: „Das Äußere der Bauwerke einschließlich technischer Aufbauten muss nach Bauform, Maßstäblichkeit, Baustoff und Farbe so beschaffen sein, dass es die einheitliche Gestaltung des örtlichen Stadtbildes nicht stört.“
Die Aufgabe ist negativ formuliert, das Stadtbild soll zumindest nicht gestört werden. Als Beurteilungskriterien werden Begriffe wie Einheit, Form, Proportion und Material genannt. Damit wird immerhin ein qualitativer Minimalhorizont festgeschrieben.
Das gestalterische Niveau einer Stadt kann jedoch nicht durch Vorschriften und Behörden gerettet werden. Die Ausstellung deutet einen anderen Weg an: das Hervorheben positiver Vorbilder. Allen ausgewählten Beispielen ist gemeinsam, dass ein ausdrückliches Bemühen um gestalterische Qualität vorhanden ist.

Die Pointe an der Auswahl ist vielleicht gerade der pragmatische Ansatz. Sie erfolgt in zwei Durchgängen in drei Vor-Ort-Touren durch die einschlägigen Sachverständigen, also jenen Personen, an deren Schreibtischen die Neubauprojekte diskutiert werden. Der Findungsprozess der Jury dient auch der internen Verständigung darüber, was eigentlich als gut befunden wird. Das berührt einen heiklen Punkt: welche Kriterien entscheiden, ob eine Gestaltung gelungen ist? Auch wenn die Antwort schwierig ist, lassen sich gestalterische Qualitäten auch explizit benennen. Das erfordert Diskussionen und Beurteilungskriterien in unterschiedlichen Maßstäben (was genauso für einen guten Entwurf oder einen guten Text gilt). Der indirekte Weg ist nicht der schlechteste: sich über eine Auswahl exemplarischer Beispiele an die Regelbildung herantasten.

Wenn es in der Architektur wie im Leben große, fast uneinholbare Vorbilder und zugleich konkrete aus der mittelbaren und nahen Umgebung braucht, dann bietet die Ausstellung eine interessante Auswahl der zweiten Sorte. Gebautes aus dem Jahr 2025 als lebendige Diskussionsgrundlage, leicht mit Fahrrad oder U-Bahn erreichbar.







