Mehr als zwanzig sehr große Städte bereiste der Historiker und Fotograf Philipp Sarazin zwischen 2009 bis 2024. Das Buch, das draus entstanden ist, nimmt einen mit auf die Streifzüge eines sehr aufmerksamen Beobachters.
sandra hofmeister, castello books
Auch wenn die Beliebtheit von Kleinstädten in Deutschland derzeit steigt, haben nie zuvor mehr Menschen in Megacitys gelebt als gegenwärtig – gemeint sind damit Agglomerationen von mehr als 10 Millionen Einwohner:innen. In Europa gibt es davon nicht mehr als drei, nämlich Istanbul, Moskau und London. Von 33 Megacitys weltweit, die der UN World Urbanization Prospect 2025 aufzählt, liegen mehr als die Hälfte in Asien. Kein Wunder, dass Philipp Sarasin in seinen Stadtbeobachtungen The Big City. A Visual Anthology, die bei Scheidegger & Spiess veröffentlicht wurden, auch asiatische Städte wie Mumbai oder Beijing fotografiert hat.

Sarasin ist Historiker und Fotograf, sein Buch entstand auf vielen Reisen durch große Städte. In 15 Jahren kamen mehr als zwanzig Städte zusammen, die rund um den Globus verteilt sind. Nun gibt es viele Fotobände zu Megacitys, was also macht Sarasin’s Fotoband besonders?
„Städte sind keine Idyllen“, schreibt der Fotograf im Vorwort. „Neben all ihrer Anziehungskraft, ihrer zuweilen verblüffenden Schönheit und der Vielfalt ihrer Nachbarschaften können sie auch hart und kalt, ja brutal sein.“ Die Aufnahmen von Sarasin zeigen Armut und glitzernde Türme, sie decken die Differenz zwischen arm und reich im Alltag der Menschen auf. Wer sich darauf einlässt, das Buch näher anzusehen, der wird unweigerlich in einen Sog an Neugierde und Entdeckerlaune gezogen durch die Vielfalt der Fotos.

120 Aufnahmen versammelt der schöne, leinengebundene Band bei Scheidegger & Spiess. Soziale und ökonomische Verwerfungen werden dabei sichtbar. „Sarasins Methode des aufgeschobenen Werturteils gleicht .. jenen der amerikanischen Architekten Robert Venturi, Denise Scott Brown und Steven Izenour“, schreibt Martino Stierli im Vorwort. Ähnlich wie Denise Scott Brown hält der Historiker keine Ikonen fest, sondern Hinterhöfe und Leuchtreklamen, postindustrielle Brachen und prekäre Behausungen. Und er steht damit auch in einer bekannten US-amerikanischen Tradition.

„Ist dieser Blick denn letztlich ein voyeuristischer?“, habe ich mich bei der Lektüre gefragt. Mag sein, dass wir im sicheren Europa voller Neugier auf die Armut und das soziale Elend in anderen Kontinenten Blicken – und das ist schlimm genug. Letztlich jedoch bleibt die Auswahl an Motiven bei Sarasin ausgewogen. Menschenleere Brachen in Casablanca sind ebenso in seinem Fotokompendium wie Shoppingmalls in Beijing oder nächtliche U-Bahn-Durchgänge in Berlin. Ist gar keine Megacity, fällt mir da sofort ein. Trotzdem gut, dass die europäische Perspektive in diesem Buch – natürlich neben Panama, Kairo und Jarkartha – nicht fehlt. Denn unsere eigenen Städte können wir niemals loslösen von den Lebensverhältnissen in Schwellenländern und im Globalen Süden. Diese Perspektive ist heute wichtiger denn je.

Das Buch „The Big City. A Visual Anthology“, der faszinierende fotografische Streifzug von Philipp Sarasin durch zwanzig Metropole dieser Welt ist auf 224 Seiten, Hardcover leinengebude bei Scheidegger & Spiess in Zürich erschienen.
genau! dankt Sandra Hofmeister von unserem Medienpartner castellobooks.com für diesen Beitrag.





