Architekturstudierende der TU Wien entdecken den Selbstbau. Paul Frederik Winkler folgte in seiner Diplomarbeit „Brettldorf 2.0“ den Spuren der Siedlerbewegung bis zum Bau eines Protoypen im Maßstab 1:1. Er entstand im Reallabor des Holzbauinstituts und geriet fantastisch.
Ein schwarzer Regiestuhl auf einem dunkelroten Perserteppich, davor ein Holzfenster. Der Boden aus Echtholz, unbehandelte Fichte, sägerau, die Wand mit dunkelblauem Canvas-Stoff bespannt. Es sieht sehr gemütlich aus, das kleine Zimmer. Sogar eine schmale Terrasse hat es und eine schöne, weiße Markise. Die hintere Hälfte des Raumes aber hat keinen Boden mehr, die Rückwand ist ein leerer Holzrahmen mit diagonal gespannten Zugseilen und der Blick aus dem Fenster einer auf die gegenüberliegende Wand der kleinen TVFA Halle, vulgo Reallabor der TU Wien. Hier richtete das Holzbauinstitut seine Werkstatt ein und entstand das Mack-Up eines Kernhauses des „Bergdorf 2.0“, der Diplomarbeit des Architekturstudenten Paul Frederik Winkler.



Die Frage nach leistbarem Wohnraum ist längst wieder virulent, in Zeiten von Energiewende, multiplen Krisen, Kriegen und schwindenden Sicherheiten erscheinen die Autonomie des Selbstbaus und der Gemeinschaftsgeist der Siedlerbewegung wieder hoch attraktiv. Ihre ursprüngliche Idee hat nichts an Strahlkraft verloren. „Je mehr wir von Digitalisierung reden, umso stärker wird das Bedürfnis nach Realität“, sagt Juri Troy, der an der Architekturfakultät der TU Wien die Stiftungsprofessur für Holzbau und Entwerfen im öffentlichen Raum inne hat. „Die Selbsterfahrung des Bauens führt zu einem ganz anderen Selbstverständnis.“ Die Erfahrung von Gemeinschaft auch.
Alle reden von KI, die ureigenste, existenziellste Aufgabe der Architektur aber ist es, dem Menschen eine Behausung zu schaffen. Ermächtigt sie ihn noch dazu zum Selbstbau, hat sie ihren Zenit an Sinnstiftung erreicht. Denn ein Dach über dem Kopf kann lebensentscheidend sein. In der Zwischenkriegszeit hatten die ärmsten Bevölkerungsschichten die Stadtränder Wiens besetzt, sich dort Gärten zur Selbstversorgung angelegt und notdürftig Bretteldörfer errichtet. Mit dem Mut der Verzweiflung kämpften sie um ihr Bleiberecht, drei Massendemonstrationen später gründete die Stadt 1921 die Gemeinwirtschaftliche Siedlungs- und Baustoffanstalt, die ihnen das Material zum Selbstbau lieferte. Bis Ende 1925 entstanden etwa 3.000 Siedlerhäuser, danach mutierte der soziale Wohnbau nach und nach zur kommunal verwalteten Angelegenheit des „Roten Wien.“







