genau!
journal für architektur, mensch & wort
  • genau!
  • Newsletter
  • Kontakt
  • Mitgliedschaft
  • architektur
    • bauten
    • orte
    • diskurs
  • mensch
    • gespräch
    • herzstück
    • porträt
  • wort
    • essay
    • kommentar
    • freispiel
Keine Ergebnisse
Alle Ergebnisse anzeigen
genau!
  • architektur
    • bauten
    • orte
    • diskurs
  • mensch
    • gespräch
    • herzstück
    • porträt
  • wort
    • essay
    • kommentar
    • freispiel
  • genau!
  • Newsletter
  • Kontakt
  • Mitgliedschaft
  • Anmelden
Keine Ergebnisse
Alle Ergebnisse anzeigen
genau!
in jung

Brettldorf 2.0

Isabella MarboevonIsabella Marboe

Architekturstudierende der TU Wien entdecken den Selbstbau. Paul Frederik Winkler folgte in seiner Diplomarbeit „Brettldorf 2.0“ den Spuren der Siedlerbewegung bis zum Bau eines Protoypen im Maßstab 1:1. Er entstand im Reallabor des Holzbauinstituts und geriet fantastisch.

Ein schwarzer Regiestuhl auf einem dunkelroten Perserteppich, davor ein Holzfenster. Der Boden aus Echtholz, unbehandelte Fichte, sägerau, die Wand mit dunkelblauem Canvas-Stoff bespannt. Es sieht sehr gemütlich aus, das kleine Zimmer. Sogar eine schmale Terrasse hat es und eine schöne, weiße Markise. Die hintere Hälfte des Raumes aber hat keinen Boden mehr, die Rückwand ist ein leerer Holzrahmen mit diagonal gespannten Zugseilen und der Blick aus dem Fenster einer auf die gegenüberliegende Wand der kleinen TVFA Halle, vulgo Reallabor der TU Wien. Hier richtete das Holzbauinstitut seine Werkstatt ein und entstand das Mack-Up eines Kernhauses des „Bergdorf 2.0“, der Diplomarbeit des Architekturstudenten Paul Frederik Winkler.

alle Fotos: © Paul Eismann

Die Frage nach leistbarem Wohnraum ist längst wieder virulent, in Zeiten von Energiewende, multiplen Krisen, Kriegen und schwindenden Sicherheiten erscheinen die Autonomie des Selbstbaus und der Gemeinschaftsgeist der Siedlerbewegung wieder hoch attraktiv. Ihre ursprüngliche Idee hat nichts an Strahlkraft verloren. „Je mehr wir von Digitalisierung reden, umso stärker wird das Bedürfnis nach Realität“, sagt Juri Troy, der an der Architekturfakultät der TU Wien die Stiftungsprofessur für Holzbau und Entwerfen im öffentlichen Raum inne hat. „Die Selbsterfahrung des Bauens führt zu einem ganz anderen Selbstverständnis.“ Die Erfahrung von Gemeinschaft auch.

Alle reden von KI, die ureigenste, existenziellste Aufgabe der Architektur aber ist es, dem Menschen eine Behausung zu schaffen. Ermächtigt sie ihn noch dazu zum Selbstbau, hat sie ihren Zenit an Sinnstiftung erreicht. Denn ein Dach über dem Kopf kann lebensentscheidend sein. In der Zwischenkriegszeit hatten die ärmsten Bevölkerungsschichten die Stadtränder Wiens besetzt, sich dort Gärten zur Selbstversorgung angelegt und notdürftig Bretteldörfer errichtet. Mit dem Mut der Verzweiflung kämpften sie um ihr Bleiberecht, drei Massendemonstrationen später gründete die Stadt 1921 die Gemeinwirtschaftliche Siedlungs- und Baustoffanstalt, die ihnen das Material zum Selbstbau lieferte. Bis Ende 1925 entstanden etwa 3.000 Siedlerhäuser, danach mutierte der soziale Wohnbau nach und nach zur kommunal verwalteten Angelegenheit des „Roten Wien.“

alle Fotos: ©Paul. Eismann

Paul Frederik Winkler will weder illegal siedeln, noch die herrschende Verhältnisse ankämpfen, das Recht auf Wohnen haben glücklicherweise die Siedler und Siedlerinnen schon in der Zwischenkriegszeit erstritten. Doch er will Menschen dazu befähigen, den Bau ihrer Häuser selbst in die Hand zu nehmen. Ein Schritt zu persönlicher Autonomie, Unabhängigkeit vom industriellen Bauen und Kostensouveränität. In seinem Auslandssemester an der Osloer Architektur- und Designhochschule unter der Leitung von Prof. Tine Hegli erstmals gemeinsam mit 15 Kollegen und Kolleginnen ein kleines Lehm-Holz-Haus geplant und gebaut. „Es ist ganz etwas anderes, wenn man erfährt, was es heißt, einen 8 cm x20 cm Balken zu bewegen“, sagt er. „Man erlebt, wie schön, aber auch wie anstrengend das sein kann.“ Vor allem aber: was alles möglich ist. Das ist ein sehr gutes Gefühl.

Als Winkler das Buch „Histoire d’une maison“ von Eugène Viollet-le-Duc las, kam noch ein Aspekt hinzu. Der Architekt erzählt darin die Geschichte vom 16jährigen Paul, dem es mit Hilfe seines ausgebildeten Vetters gelingt, ein Haus für seine frisch verheiratete Schwester zu bauen. Das Buch beschreibt alle dafür nötigen Schritte so, dass jeder und jede sie nachvollziehen und selbst ausführen kann. Paul Winkler war aufgefallen, wie wenig Menschen, die nicht Architektur studierten, vom Bauen wussten. Er wollte ihnen – wie der Held der Geschichte – vermitteln, was es bedeutet. Als er auf der Architekturbiennale in Venedig 2021 den philippinischen Beitrag „Structures of Mutual Support“ – Strukturen gegenseitiger Unterstützung entdeckte, war die Idee zum partizipativen Selsbtbauprojekt geboren.

Die Reise zum fertigen Mock-Up begann in Oslo, führte über Japan und endete im Reallabor…©Marboe

Der Schritt vom Selbstbau zum Holzbau ist fast zwingend. Holz hat eine reiche Bautradition, ist regional vorhanden und relativ leicht mit wenig Werkzeug selbst zu bearbeiten. Im Holz und im Selbstbau verbinden sich Individualismus, Unabhängigkeit, Kapitalismuskritik, Nachhaltigkeit, Selbsterfahrung, -bestimmtheit, Baukultur und Geschichte. Winkler machte seine Diplomarbeit also bei Juri Troy, fuhr nach Japan, um dort mehr von flexiblen, leichten Holzbauweise zu lernen, entdeckte auf einer Bibliothek den Selbstbaupionier Walter Segal und landete dann erst recht wieder bei der Siedlungsbewegung. Allerdings nicht ohne Walter Segals System des einfachen Bauens verinnerlicht zu haben. Seine Details ermöglichten es Menschen, ihre eigenen Häuser weitgehend ohne technischer Hilfsmittel zu bauen. Es brauchte keinerlei Kran, eine Leiter genügte. Trotzdem gelang von der jungen Mutter bis zum Pensionisten jedem und jeder der eigene Hausbau. Trotz teilweise enormer Anstrengungen, berichteten viele nach der Errichtung vom positiven Zuwachs ihres Selbstvertrauens – vom Gefühl das nun alles möglich sei.

Winkler betrachtet seine Diplomarbeit „im Gesamten als Anleitung, bestehende, kleinmaßstäbliche Stadtstrukturen mit einem partizipativ-sozialen Wohnbaumodell zu verdichten, das im Selbstbau zu errichten ist. Die Struktur basiert auf einfachen, verschraubbaren Holzrahmen, die leicht zusammenzusetzen und auseinanderzunehmen sind. Ziel waren kleine, funktionale, wohnliche Häuser im Sinne der Siedlerbewegung.“ Dass das gelungen ist, beweist der kleine Prototyp, der noch dazu geltende Normen erfüllt und sich an die heute geforderte U-Werte hält. Klassische Siedlerhäuschen hatten sechs Zentimeter dünne Wände, dass dieses „heutigen Standards entspricht, Heizkosten spart und trotzdem einfach ist“, hält Winkler für den größten Unterschied zum klassischen Vorbild.

Die Ruhe vor der Diplompräsentation: Das 1:1 Modell von einem Teil des Kernhauses ist fast fertig…©Paul Eismann

Es gibt noch mehr: das „Brettldorf 2.0“ ist auch sehr individualistisch. Jeder baut sich seine eigene zweite Ausbaustufe nach eigenem Geschmack, Bedürfnissen und Vermögen. Das passt zur Gegenwart, die erste Stufe aber interpretiert den aus Not und Klassenkampf geborenen Gemeinschaftsgeist auf eine sehr sympathische, undogmatische Weise neu. Sie ist gleichermaßen ein gemeinschaftlicher Workshop, wo jeder und jede allen anderen sein Wissen und seine Fähigkeiten vermittelt, wie Paul Frederik Winkler. Auch er hat erstens seinen Prototypen nur – und das sehr gern – mit Studienkollegen und Kolleginnen gemeinsam bauen können. Namentlich erwähnt seien Kilian Rietzler, der „Hauptbaupartner“ der ersten vier Tage, Paul Eichinger, Fabian Leindecker, Andrea Avram, Jana Kratzer, die das Sonnensegel nähte und Paul Eismann, der bei der Dokumentation half. Weitere Helfer und Helferinnen, sogar Firmen, die sich durch besonders kompetente Beratung auszeichneten, führte Winkler an. Erstaunlich bleibt, dass 15 Pizzen, an die 40 Tassen Kaffee und rund 180 Arbeitsstunden genügten, um dieses kleine Stück Haus zu errichten.Was sich Winkler für seine Zukunft als Architekt wünscht? „Dass Bauen etwas Normales wird.“ Für jeden und jede. Die Autorin würde es sich nie zutrauen, aber vielleicht gelänge es sogar. „With a little help from my friends“ und Winklers theoretischer Arbeit zum „Brettldorf 2.0“, die eine Anleitung und als open source frei verfügbar ist. Wenn sich dann noch ein leistbares Grundstück fände oder das ein oder andere Flachdach – die riesigen Baumärkte an den Peripherien unserer Städte haben genug – um diese prototypischen Wohnformen aufzusetzen, könnte das „Bretteldorf 2.0“ auch gesellschaftlich wirksam werden.

schaufenster

Villa Rezek © Stefan Oláh
buch

Haus voll Glas und Licht

Ottokar Uhl: 
Kirche und Seelsorgezentrum Taegu
1964–1966
ausstellung

Die Welt von gestern

Charlotte Perriand in der Ausstellung Synthèse des Arts, Japan 1955 (links: Le Corbusier, Les 8, 1951), © Archives Charlotte Perriand / FLC, VG Bildkunst Bonn, 2025
ausstellung

Faszinierende Charlotte

cover "architecture for warfare" jovis Verlag
buch

Architektur und Militär

WERBUNG

ähnliche beiträge

Ähnliche Beiträge

TU Wien Hauptgebäude am Karlsplatz 15 ©Thomas Blazina
jung

Zwischen den Welten

Dreißig Jahre nach Abschluss eines Architekturstudiums wieder an die TU Wien zurückzukehren, ist selten. Doch es kommt vor. Eine Zeitreise....

von Bettina Stubenvoll
jung

Die Autobahn von morgen

Architektur kann auch Utopie. Unter dem Motto „Lost Highway“ entwarfen rund 360 Studierende des Instituts für Hochbau 2 an der...

von Isabella Marboe
Zwischen Muttermilch und Bauwende Ausstellungsansicht (c) Isabella Marboe
jung

Gemeinsam stark

Der Klimawandel stellt ein ganzes Berufsbild auf den Kopf. Junge Architekturschaffende wollen mit den eigenen Ressourcen ebenso umsichtig umgehen wie...

von Isabella Marboe
→ mehr anzeigen
  • architektur
    • bauten
    • orte
    • diskurs
  • mensch
    • gespräch
    • herzstück
    • porträt
  • wort
    • essay
    • kommentar
    • freispiel
  • architektur
    • bauten
    • orte
    • diskurs
  • mensch
    • gespräch
    • herzstück
    • porträt
  • wort
    • essay
    • kommentar
    • freispiel

Isabella Marboe
redaktion@genau.im

© 2024 genau!

journal für architektur, mensch & wort

Gefördert durch die Wirtschaftsagentur Wien. Ein Fonds der Stadt Wien.

Wirtschaftsagentur_Stadt_Wien_pos_BW.gif
  • Impressum
  • Datenschutz
  • Autor*innen
  • Sponsor*innen
  • Impressum
  • Datenschutz
  • Autor*innen
  • Sponsor*innen
  • Newsletter
  • Mitgliedschaft
  • Newsletter
  • Mitgliedschaft
Keine Ergebnisse
Alle Ergebnisse anzeigen
  • Home
  • architektur
    • bauten
    • orte
    • diskurs
  • mensch
    • gespräch
    • herzstück
    • porträt
  • wort
    • essay
    • kommentar
    • freispiel
  • genau!
  • Kontakt
  • Newsletter
  • Mitgliedschaft

© 2024 genau! journal für architektur, mensch & wort

Willkommen zurück!

Login to your account below

Passwort vergessen?

Retrieve your password

Please enter your username or email address to reset your password.

Einloggen