Seit zwei Jahren diskutieren engagierte Architekturschaffende in Charkiw und Wien an je einem halben Pingpong-Tisch und einem Bildschirm miteinander über die produktive Stadt. Eine Initiative, die über 1.500 km und einen Krieg hinweg Hoffnung macht.
Charkiw ist die zweitgrößte Stadt der Ukraine, auch als Zentrum für Forschung, Wissenschaft und Bildung liegt es mit 42 Hochschulen gleich hinter Kyjiw auf Platz zwei. Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022 aber geht alles, was diese Stadt und generell das Land ausmacht, im Schatten des Angriffskriegs unter.


Dass die Kyjiw-Biennale 2023 zustande kommen würde, glaubte fast niemand mehr. Das internationale Ausstellungsformat für gesellschaftskritische Kunst, Wissen und Politik aber bewies seine Resilienz. Es zog in die Diaspora und fand außer in Kyjiw auch in Iwano-Frankiwsk, Ushhorod, Berlin, Warschau, Lublin, Antwerpen und Wien statt.
Auch die IG Architektur beteiligte sich daran. Sie installierte ein „Reallabor“ zwischen Wien und Charkiw, in dem Architekturschaffende aus Österreich und der Ukraine über die Möglichkeiten einer produktiven Stadt diskutierten. Dieser Dialog setzte der Zerstörung des Krieges die Fähigkeit von Architektur entgegen, eine bessere Zukunft zu denken. „Wir beschäftigen uns alle damit, wie man Investorenarchitektur bekämpfen und Nutzungsgerechtigkeit herstellen kann“, sagt Johannes Zeininger, der die Idee zum „Reallabor“ hatte. „Insbesondere für den Wiederaufbau von Charkiw wird das wichtig sein. Darüber wollten wir uns austauschen.“


Das „Reallabor“ fand im hybriden Raum einer Internetverbindung mit je einem Bildschirm auf zwei analogen Pingpong-Tischhälften statt. Diese standen während der Kyjiw-Biennale im Wiener Atelier im Augarten und im Charkiw Media Hub, sie bildeten per Videokonferenz über 1.500 km Distanz hinweg den gemeinsamen Diskursraum für den urbanistischen Pingpong-Dialog. Rund 15 Architekturschaffende fanden sich regelmäßig dort ein und luden auch Vortragende zu einzelnen Themen dazu.
„Die Gruppe aus Charkiw war uns technologisch weit überlegen“, sagt Zeininger. „Sie stellten die Kamera in ihrem Media Hub hinter sich auf, sodass sich der Raum komplettiert und verdichtet hat.“ Olha Klejtman, Co-Gründerin des Charkiwer SBM Studios, Leiterin der NGO „Durch den Krieg“ und Mitglied der Nationalen Union der Architekten der Ukraine, war das Mastermind der Charkiwer Gruppe. „Der Anruf der Biennale erreichte uns während eines Massenbombardements“, erzählt sie. „Der Vorschlag, mit Kolleginnen und Kollegen aus Österreich die Zukunft von Wien und Charkiw zu diskutieren, kam völlig unerwartet. Im Nachhinein kann ich sagen, wir waren wirklich glücklich, vom Horror und von der bedrückenden Ungewissheit unserer Gegenwart abgelenkt zu sein, um Visionen für die Zukunft zu diskutieren.“


Beim ersten Treffen stellten die Teams einander ihre Städte vor. Volksschulkinder in ihren Uniformen – weiße Hemden, dunkelblaue Hosen und Röcke – saßen in einer Klasse mit erbsengrünen Tischen. An deren Beinen lehnten Schultaschen, ein Bub lachte, alles schien normal. Mit dieser Szene beginnt die Gruppe aus Charkiw, ihre Stadt in einem kurzen Film vorzustellen. Die Klasse befindet sich in einer Metrostation. Während des Krieges entwickelte Charkiw seine eigene Form urbaner Produktivität. Verkehrsinfrastrukturen werden zum Schutzraum für Bildung, Architekturbüros mit 3D-Plottern zur Produktionsstätte von Drohnen, private Küchen zu Brotbackstuben für die Armee.
Man handelte verschiedene Themen ab. Das Wiener Team zeigte beim Thema öffentlicher Raum grüne Grätzeloasen mit fröhlichen Menschen, die Parkplätze von den Straßen verdrängten. Auch die Vision des Westbahnparks – eines großen, offenen, freien Grünraums auf einem einstigen, nunmehr überflüssigen Rangierareal des Westbahnhofs war vertreten. Landschaftsarchitektin Lilli Lička, die stark für diesen Park kämpft, hielt dazu einen Vortrag. Wienerinnen und Wiener wissen, dass das Gebiet an mit Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit Wohnbauten zugepflastert werden wird.


In Charkiw gelang in dieser Hinsicht, wovon Wien nur träumen kann. 2019 wurde im Tal Sarshyn Jar eine 17 Hektar große Fläche zu einem Wasser- und Naturpark umgestaltet. Nun kann man dort zwischen Baumkronen Fahrrad fahren, Tischtennis spielen, sich in kontemplativen Grünoasen erholen, baden, fischen und vieles mehr. „Dieser Park ist längst der liebste Erholungsraum für die Bewohnerinnen und Bewohner von Charkiw“, so Klejtman. „Man verbringt dort seine Mittagspause und die Freizeit.“ Als die Stadt im Jahr 2023 plante, auf 10 % der Parkfläche ein Bürozentrum zu errichten, schlossen sich Menschen zusammen, sammelten Unterschriften, protestierten und schickten Beschwerden an die nationale Verwaltung. Das Projekt wurde schließlich nicht verwirklicht. „Die Parks der Stadt werden zu Zentren einer Zivilgesellschaft, die sich für ihre Zukunft verantwortlich fühlt“, sagt Klejtman.

Der Diskurs zu Geschichte und Leben in der Stadt führte hierzulande in die Ära des Roten Wien, in Charkiw zu einer Arbeitersiedlung aus den 1920er Jahren, wo Singles in siebengeschoßigen und Jungfamilien in viergeschoßigen Wohnblöcken lebten. Um Frauen von der Sklavenarbeit in der Küche zu befreien, gab es in der Mitte der Anlage ein Haus, in dem man seine Mahlzeiten einnahm. Die Wohnungen aber hatten keine Küchen. Die Charkiwer Gruppe fand übrigens den Karl-Marx-Hof erschreckend: Zu nah liegt er ideologisch am Kommunismus. Auch der Umgang mit den Satellitensiedlungen aus der Sowjetzeit ist in Charkiw ein Thema. Als Pendant dazu könnte man den Wiener Kampf um den Erhalt der Schule von Helmut Richter und der alten WU betrachten. Beide Seiten empfanden diesen fachlichen Austausch als sehr fruchtbar, der mit dem Ende der Kyjiw-Biennale 2023 zum Glück nicht endete.


„Wir bekamen die Rückmeldung, dass die Architekturschaffenden aus Charkiw unsere Gespräche sehr toll finden“, erzählt Zeininger. Das Margarete-Schütte-Lihotzky-Stipendium ermöglichte eine Fortsetzung, was sicher im Sinn von Schütte-Lihotzky war. Für die Zukunft von Charkiw sieht die dortige Gruppe drei Szenarien: dass die Stadt wieder zum attraktiven Bildungsort wird, dass sie eine Stadt der alten Menschen wird oder eine eigene, neue Stadt im Untergrund entsteht, die einstige Lager, Metrostationen, Luftschutzkeller und Ähnliches in sichere Lebensräume transformiert.
Publikation mit Zukunft
„Mit dieser Aktion wollten wir einen Pflock einschlagen gegen das, was nachher passieren wird“, sagt Zeininger. Er meint profitgetriebene Investorenarchitektur, die schon nach dem Fall des Eisernen Vorhangs den ehemaligen Ostblock kaperte. Erste Anzeichen dafür finden sich bereits: Die Norman Foster Foundation lobte 2024 einen offenen, internationalen Wettbewerb zu Wiederaufbau und Sanierung der riesigen Plattenbausiedlung Saltiwka im Nordosten von Charkiw aus. Zuerst überlegte man als transnationales Team eine Teilnahme, kam aber zu dem Schluss, dass die Fragestellung eine falsche war. „Macht es wirklich Sinn, Bestand zu sanieren, der schon bei seiner Errichtung vor 70 Jahren minderwertig war?“, fragt sich Klejtman. Umso mehr, wenn er ideologisch besetzt und die Stadt halb leer ist. „Die Gründe für das Vorhaben liegen auf der Hand: Korruption, Populismus und die Suche nach schnellen, einfachen Lösungen.“



Das Jahr 2025 widmeten die Architekturschaffenden der Herausgabe der Publikation „Ping-Pong Dialogue“, die ihre Diskussion dokumentiert. „Charkiw ist ein Symbol von Resilienz und Transformation“, schreibt Andrij Hirnjak im Buch. „Vor der Totalinvasion war die Stadt ein universitäres, wissenschaftliches und industrielles Zentrum. Viele Millionen gingen durch diesen Melting Pot. Der Krieg schlug ein neues Kapitel auf. Die Menschen entdeckten ihre Geschichte und nationale Identität wieder. Sie fanden darin einen moralischen Rückhalt, der viel Energie freisetzte. Trotz des Krieges gibt es viele Ausstellungen, Kinovor- und Theateraufführungen, die alle die Ukraine thematisieren.“
Das Buch ist nun fertig, doch weil der Krieg sich verschärft hat, wusste Zeininger nicht, wie er die Kolleginnen und Kollegen aus Charkiw adressieren sollte. Das Gespräch mit dem „Plan“ führte dazu, dass er Olha Klejtman ein E-Mail schickte. Sie ist wohlauf, das Interesse am Pingpong-Dialog besteht weiterhin. Die Bundeskammer der Ziviltechniker:innen und die Kammer der Ziviltechniker:innen für Wien, Niederösterreich und Burgenland hatten ihn finanziell unterstützt, er wird 2026 sicher fortgesetzt. Ebenso wie die Unterstützung.







