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Chefsache

Isabella MarboevonIsabella Marboe

Edi Rama, einstiger Kulturminister, Bürgermeister von Tirana und heutiger Premier von Albanien, ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. Von Beginn an nutzte er die Architektur, um das Land neu zu erfinden. Das Buch „The Albanian Files“ zeigt, was 60 internationale Architekturbüros dazu beitrugen.

Albanien ist ein gutes Pflaster für Stararchitektur. Der Klappentext von „The Albanian Files Freedom and Architecture“ listet 60 internationale, großteils höchst prominente Büros auf. Sie alle haben Projekte für und in Albanien skizziert, entworfen, geplant, umgesetzt. Die meisten davon kontaktierte Edi Rama, der charismatische Premier persönlich.

Aireus Mateus e Associades, Alvaro Siza, Andrea Caputo, Anupama Kundoo Architects, Archea Associati, Archi-Tectonics, ARQUITECTURA-G und Avner Yashar architects: mit diesen klingenden Namen beginnt die alphabetische Reihenfolge der Teams, die seit den frühen 2000er Jahren in irgendeiner Weise die albanische Stadt- und Naturlandschaft bearbeitet haben. Das Spectrum reicht von der Handskizze über das Hochhaus bis hin zum weitläufigen Stadtentwicklungsprojekt.

Mangalem 21, 2016 © Image courtesy of OMA © Kontakt
Mangalem 21, 2016 © Image courtesy of OMA © Kontakt

Zugegeben, A ist besonders ergiebig, aber schließlich beginnt auch Albanien mit „A“, Architektur soundso und bringt A ziemlich deutlich auf den Punkt, worum es in „The Albanian Files. Freedom and Architecture“ geht. Um große Namen, mit denen sich eine große Geschichte erzählen lässt. Die Geschichte eines von der Welt abgeschnittenen, vom Diktator Enver Hoxha brutal geknechteten Landes, das sich mit Hilfe großer, signifikanter Bauten neu erfindet. Lokale Architekturbüros finden sich hier ausschließlich als Partnerarchitekten. Immerhin: sie werden standardmäßig abgefragt, einige Büros nennen sie auch. Man könnte also googeln, um mehr von ihnen zu erfahren.

„In Albanien ist das Wort „file“ mit einer langen und schmerzhaften Erinnerung verbunden. Akten waren Instrumente der Angst. Sie bestanden aus Aufzeichnungen über Menschen, deren Leben, deren Zuhause, deren Freundschaften und deren geflüsterte Worte bis ins Detail verfolgt wurden. Sogar ihr Schweigen. Akten dienten nicht dem Verständnis. Sie dienten der Kontrolle. Sie wurden über Menschen geschrieben, ohne dass diese dabei mitwirkten“, schreibt Premierminister Edi Rama in seinem Vorwort. „Die Dossiers in diesem Buch sind das genaue Gegenteil. Sie sind Instrumente, um mögliche Zukünfte zu erahnen. Sie bestehen aus Spuren von Begegnungen zwischen Architekten und Albanien – seinem Körper, seiner Haltung, seinen Öffnungen, seinen Tiefen. Seinem Licht und seiner Dunkelheit. Sogar seiner Seele. Sie folgen keinen Menschen. Sie folgen einer Geschichte.“

Das Besa Museum von Oppenheim Architecture ©Oppenheim Architecture

Die Frage ist, ob Architektur nicht doch eher Menschen folgen sollte als einer Geschichte. Es sind viele Geschichten, Haltungen und sehr unterschiedliche Projekte, die sich hier auf 793 Seiten in telefonbuchähnlichem Ausmaß versammelt finden. Die Bedingungen, unter denen sie entstehen, die Realitäten, die sie schaffen, kommen nicht vor. Das trifft auf die Architekturpublikationen zu, man sollte es nur wissen. Albanische Architekturbüros finden sich hier vor allem als lokale Partner. Denn dieses Buch ist eine Leistungsschau dessen, was hier in den letzten Jahrzehnten geplant und gebaut. Und das ist eine Menge.

„Nachdem die Diktatur 1992 fiel, wurde der Raum selbst zu einem politischen Akt. Straßen, Häuser und öffentliche Gebäude – einst Instrumente der Kontrolle – wurden von Menschen zurückerobert, die jahrzehntelang unter Überwachung gelebt haben“, schreibt Herausgeberin Anneke Abhelakh in ihrer Einleitung. „Unter Edi Rama – vom Kulturminister über den Bürgermeister von Tirana bis hin zum heutigen Premierminister – verlief die Transformation der Stadt stets untrennbar mit seiner Regierungsarbeit. Stadtentwicklungsprojekte und Architekturaufträge sind nicht nur Eingriffe in die gebaute Umwelt, sondern Ausdruck von Visionen des Zusammenlebens, der Selbstdarstellung eines Landes und der Art und Weise, wie und von wem es wahrgenommen werden möchte. Seit Anfang der 2000er-Jahre brachten internationale Wettbewerbe zahlreiche ausländische Architekten in die Stadtlandschaft gebracht. Diese Entwicklung ist nicht neutral. Sie wirft Fragen nach Austausch, Einflussnahme und danach auf, wer spricht und wer gehört wird.“

Dieses Buch beantwortet diese Fragen nicht, doch Herausgeberin Anneke Abhelakh stellte jedem Büro, das hier vorgestellt wird, immer dieselben Fragen. Wie sie nach Albanien kamen, in welchem Kontext sie normalerweise arbeiten, inwieweit sich die Situation zu Albanien unterscheidet oder gleicht, wie sie sich dort organisieren, ob sie mit lokalen Büros zusammenarbeiten, welche Herausforderungen und Möglichkeiten das Land für Architekturschaffende bietet, wie sich Qualität und Dichte unter einen Nenner bringen lassen und – welches albanische Projekt für sie beispielhaft oder inspirierend war. Die Antworten darauf sind sehr aufschlussreich.

Skanderbeg Square in Tirana, entworfen von 51N4E gemeinsam mit Anri Sala ©51N4E

Vor dem „A“ steht noch ein Büro, dessen Name mit einer Zahl beginnt: Das belgische Studio 51N4E. Es nimmt eine besondere Rolle ein. Dieses Team gewann nämlich den EU-weit ausgeschriebenen Wettbewerb zur Neugestaltung des Skanderbeg-Platzes, dem Dreh- und Angelpunkt von Tirana und so etwas wie ein nationales Eigentum. Sie konzentrieren sich generell auf adaptive Umnutzung, ein Ansatz, der in Albanien weitgehend unbekannt ist. Bei ihrem Projekt der Umgestaltung des Skanderbeg Platzes konnten sie ihre diesbezügliche Expertise einbringen und stark auf den Bestand eingehen. 51N4E sind seit 2004 in Albanien tätig, damals waren sie gerade erst einmal dreißig Jahre alt und ließen sich auf ein großes Risiko ein. „Die große Chance liegt in gegenseitigem Vertrauen und gemeinsamem Lernen. Die Herausforderung besteht in der anhaltenden Instabilität. Mit zunehmendem Projektumfang wird die Komplexitätsbewältigung innerhalb Architekturkultur, die sich noch entwickelt, schwieriger – für alle Beteiligten.“ Das Gebäude, das sie am meisten beeindruckte, war der Kulturpalast aus den 1950er Jahren mit seiner Arkadenreihe am Skanderbeg Platz. Mit ihrem TID Tower (2004), dem Skanderbeg Square, oder dem Book Building haben 51N4E Zentrum von Tirana geprägt. In den zwanzig Jahren, die sie dort tätig sind, setzten sie insgesamt 51 Projekte mit 78 Partnern um, davon sind zwölf gebaut, vier in Bau und sieben in Planung. 23 sind Papier geblieben.

Aires Mateus e Associados arbeiten erst seit 2024 in Albanien und besuchten das Land zum ersten Mal im Rahmen ihrer dortigen Projekte. Lauter Wohnanlagen in Tirana, Durrës, Karpen, Saranda, Shëngjin, Ksamil, Vlora und Radhimë. All diese Projekte sind von privaten Investoren beauftragt, alle nur in einem sehr rudimentären Bleistiftskizzenstadium dargestellt. Immerhin bringen sie es insgeamt auf eine Nutzfläche von 330.000 m².

Design & Konzept für das Dorf Koran in Pogradec von Miralles Tagliabue – EMBT Architects. Seite 506/507 von „The Albanian Files“ © Lars Müller Publishers

Viele der 60 Büros mit den schillernden Namen sind in Tirana tätig, viele ihrer Projekte sind allerdings noch in der Konzept-, Entwurfs- oder Planungsphase. Es ist also tatsächlich ein Buch der Visionen – und ein Architekturführer durch Edi Ramas Vision von Albanien, der einige Jahre vorhalten dürfte. Egal ob bereits gebaut oder erst geplant: diese Albanian Files rufen nach einem Reality-check. Am allerbesten, wenn man sie um einen Blick auf das, was örtliche Architektenteams so bauen, erweitert. Das allerdings findet sich nicht in diesem Buch.

„The Albanian Files Freedom and Architecture“

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