Für Manfred und Laurids Ortner ist Kunst ein konstituierender Bestandteil von Architektur, O&O Baukunst nannten sie ihr Büro. Dass sich diese auch unter den Bedingungen der Gegenwart umsetzen lässt, beweisen ihre Bauten der letzten Dekade.
Architektenmonografien sind ein Kapitel für sich, fast jedes Büro, das auf sich hält, bringt früher oder später eine heraus, die Ansprüche daran sind immer hoch, die Fragestellungen vielfältig. Welche Zeitspanne ist angemessen, um ihr ein eigenes Buch zu widmen? Zehn Jahre, zwanzig? Zeigt man eine Gesamtentwicklung oder nur einen Zeitabschnitt? Welches Papier, welcher Druck, welche Bindung passen zum Selbstverständnis und, fast noch wesentlicher: kann man sie sich leisten?
O&O Baukunst ist ein großes, international agierendes Büro, dem es gelungen ist, sich selbst in einer zunehmend spekulationsgetriebenen Branche treu zu bleiben und durchwegs wertige Architektur mit Niveau zu realisieren. In ruhiger Unaufgeregtheit werden O&O Baukunst ihrem hohen Anspruch an zeitlose Gültigkeit gerecht und sind dadurch auch nachhaltig. Bautechnologisch auf der Höhe der Zeit, EU-konform und normgerecht CO2-zertifiziert zu sein, ist heute ohnehin Pflicht, O&O sind Meister in der Kür. Ihre Architektur besticht mit klassischen Qualitäten wie einer gekonnten städtebaulichen Setzung, der Komposition von Volumina, stimmigen Proportionen, räumlicher Komplexität, dem Wissen um Lichteinfall, Schattenwirkung und Materialwahl. Heute wird das Büro von den drei Architekten Roland Duder, Florian Matzker und Markus Penell geführt. Es setzt Kultur-, Büro-, Wohn-, Geschäfts- und öffentlicher Bauten unterschiedlichster Größenordnungen um. Derzeit hat O&O Baukunst rund 50 Mitarbeitende in Berlin und Wien.


Die beiden Bürogründer, das Bruderpaar Manfred und Laurids Ortner, zählen zu den schillerndsten Figuren der jüngeren Architekturgeschichte. Unter dem Label Haus-Rucker-Co hatten sie gemeinsam mit Günter Zamp Kelp und Klaus Pinter von den späten 1960er Jahren bis 1992 mit viel erfrischend humorvollem Aktionismus an den Grundfesten eines etablierten Architekturbegriffs gerüttelt. In retrospektiv visionär anmutenden Installationen haben sie schon damals bis heute relevante Themen wie die ständige Erweiterung des menschlichen Bewusstseins, Luftverschmutzung, Ökologie, Flexibilität angeschnitten und damit ganz nebenbei auch eine veritable internationale Künstlerkarriere hingelegt.
Im Jahr 1987 gründeten sie eigenständige Architekturbüros, ihrer konzeptionellen Grundhaltung blieben sie treu. Auch ihre gebauten Projekte wurden kontinuierlich im Wechselspiel von Kunst und Architektur entwickelt. Wien hat ihnen das Museumsquartier (2001) zu verdanken, dessen ursprünglicher Entwurf mit Leseturm damals vom Boulevard massiv angegriffen wurde. Letzten Endes fiel er, Ortner & Ortner setzten die drei Kunstbauten – den klassisch anmutenden Kalksteinkubus des Leopold-Museums, die mit Manfred Wehdorn entwickelte Kunsthalle und das dunkle MUMOK – wie Gemmen in den Rahmen der einstigen kaiserlichen Hofstallungen. 2020 ließen O&O Baukunst einen sehr leichtfüßigen, eleganten Pavillon wie eine Libelle auf dem Flachdach des Leopold landen. Laurids Ortner hat das amöboid geformte Gebäude, das Brigitte Kowanz mit drei Lichtkreisen krönte, entworfen. Die Fassade gestaltete Eva Schlegel, mit einem Stempellift kann man auf die Terrasse hinauffahren, ohne etwas konsumieren zu müssen. Bemerkenswertes Detail am Rande: Das Leopold Museum steht bereits unter Denkmalschutz, O&O Baukunst fügten also ihrem eigenen, denkmalgeschützten Werk ein neues hinzu. Die Libelle ist eine der 31 Realisierungen der Jahre 2012 bis 2024, die in der Monografie vertreten sind.
Diesem gewichtigen Buch liegt die Entscheidung zugrunde, alle ausgeführten Gebäude der letzten Jahre vollständig und ungefiltert aufzunehmen, schreibt Patricia Grzonka in ihrem Vorwort. Unnachahmlich konzise verortete sie das Selbstverständnis von O&O Baukunst in einer „Art Grandezza des vornehmen Understatement“ und beizeichnet die dokumentierte Zeitspanne als „Dekade der Verfeinerung.“ Wettbewerbe und Entwurfsskizzen sind in diesem Buch bewusst ausgeklammert, die fertigen Projekte stehen für sich. „Diese mehr als zehn Jahre erzählen die Geschichte der Transformation eines ambitionierten und engagierten Architetkurbüros zu einem transnational agierenden Unternehmen, zu dessen Kernbereichen es gehört, beeindruckende großmaßstäbliche Bauprojekte auszuführen.“


Eines der eindrucksvollsten ist das Landesarchiv Nordrhein-Westfahlen in Duisburg, das Grzonka als formal einzigartigen Entwurf charakterisiert, der sich tief ins visuelle Gedächtnis einschreibt. Das ikonische Gebäude ist von seltener Radikalität. Das größte Archiv Deutschlands erreicht die unfassbare Dimension von 148 Regalkilometern. Es befindet sich in einem denkmalgeschützten Getreidespeicher aus den 1930er Jahren, aus dessen Mitte O&O einen 76 Meter hohen Archivturm wachsen ließen. Ein Archiv braucht kein Licht, deshalb hat er auch keine Fenster. Der aus rotem Backstein gemauerte Turm und zitiert mit seinem satteldachförmigen Abschluss die Dächer des Bestands und den Archetypus eines Hauses. Er lässt sich auch als überhöhtes Haus lesen – also gleichermaßen ein Schrein des gesammelten Wissens. Diese Nobilitierung zeigt sich auch an der Fassade, deren Ziegel so verlegt sind, dass sie ein reliefartiges Muster aus Rauten erzeugen. Die im Inneren aufeinander geschlichteten Regallager entsprechen den 148 Kilometern, auf die das archivierte Wissen Nordrhein-Westfahlens angewachsen ist.

„Collagieren ist eine künstlerische Methode, die etwas mit künstlerischer Radikalität zu tun hat und die auch weh tun kann“, erklärt Roland Duda den Entwurfsprozess. An der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin scheint er sich besonders deutlich zu zeigen. Ein ertüchtigter Altbau wurde hier stirnseitig aufgeschnitten, um dem holzverkleideten, 24 Meter hohen Bühnenturm eine Andockstelle zu schaffen. Gegenüber schob man eine gläserne Mensa-Schachtel an den Bestand. Das Zusammentreffen von Rohem und Verfeinertem, Altem und Neuem zeigt sich an einer Linie, die in 2,30 Meter Höhe durch das gesamte Gebäude verläuft. Alle Oberflächen darunter sind verfeinert, alle darüber verblieben roh.
O&O Baukunst, 2012-2014 ist bei Hatje Cantz erschienen. mit einem Essay von Patricia Grzonka bei Hatje Cantz erschienen.






