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Der Geschichtensammler

Isabella MarboevonIsabella Marboe

In der Filmbranche ist Rudolf Klingohr so etwas wie eine graue Eminenz. Der Produzent der „Seitenblicke“ hat aber auch eine andere, stille Seite. Er ist ein leidenschaftlicher Sammler und großer Bewunderer von Otto Wagner, Josef Hoffmann und Adolf Loos.

Eine rote Kuh, die hochkant auf einer Hausmauer steht, sieht man nicht alle Tage. Natürlich ist sie nicht echt, aber sie macht aus dem farblosen, früheren Uni-Lever-Büro aus den 1980ern ein Bild, das im Kopf haften bleibt. Willkommen bei der Interspot, einer der größten Filmproduktionsfirmen des Landes, für die das Erzeugen von Effekt Alltag ist. Sogar das Paradies hat hier eine Jausenstation:„Purzls Paradiesgartl“ nannte Rudolf Klingohr, der charismatische Gründer der Interspot, sein Lokal in dem kleinen gelben Salettl. Er verwirklichte sich damit einen Lebenstraum. Im Traum ist alles möglich. Auch ein Paradiesgarten.

Dessen grüne Holzpergola vermittelt das Sommerfrischengefühl der Jahrhundertwende, die Dachkonstruktion im Inneren ruht auf grünen Balken und Stützen, die mit weißem Holzgeflecht ausgefacht sind. Fehlen nur noch die Rosen, die sich daran hoch ranken, dafür hängen weiße Kugellampen wie Vollmonde von der Decke. Dazu eine typische Wirtshauslamperie, Holzstühle, -tische, -schank, alte Plakate, Bilder und Automaten sonder Zahl. „Purzls Paradiesgarten“ ist die Gegenwelt zu den black boxes, Schnittplätzen, Kameras, Monitoren, Scheinwerfern, Tonanlagen, der Technik und dem eng getakteten Zeitplan der Studios.

Der Garten vor Purzl’s Paradiesgartl ©Klingohr

Klingohr ist ein klingender Name in der Branche. Jeder kennt ihn, sein Spitzname „Purzl“ ist längst etabliert. 1969 gründete er die Firma, die seit 1. Jänner 1997 täglich eine Folge „Seitenblicke“ produziert. Ein Hauch Glamour für alle, die kaum im Scheinwerferlicht stehen, und jene, die sich besonders gern darin tummeln. Heute erzeugen an die hundert Mitarbeitende der „Interspot“ rund 720 Fernsehstunden pro Jahr.

Fact. Fake, Frank

Hier entstehen populäre Formate wie „Fact oder Fake“, „Quizmaster“ und „Frisch gekocht“, aber auch die anspruchsvolle, vielfach ausgezeichnete „Universum“-Reihe des ORF. Klingohr liebt Dokumentationen und hegt eine große Leidenschaft zur klassischen Wiener Moderne. Das zeigt sich auch an Dokus wie „Stil und Blüte“, die sich Leben und Werk von Josef Frank widmet. Dessen berühmtestes Haus, die Villa Beer in der Hietzinger Wenzgasse, wurde gerade von Architekt Christian Prasser nach allen Regeln der Kunst saniert. Für Lothar Trierenberg, den neuen Eigentümer, war die Villa Beer „Liebe auf den ersten Blick“, für die Villa Beer war Lothar Trierenberg ein Glücksfall. Die Kombination aus Kunstinn, Kultiviertheit und Kapital ist außergewöhnlich selten.

Das Salettl vom Paradies ©Klingohr

Mehr als neun Millionen Euro investierte Trierenberg, um die Villa Beer wieder in all ihrer Pracht erlebbar zu machen. Seit fünf Jahren begleitet Klingohr ihre Metamorphose des Hauses vom abgewohnten Sanierungsfall zum Schmuckstück. Dass es unter Denkmalschutz steht, machte es auf dem Immobilienmarkt schwer vermittelbar, für Bauprozess und Dokumentarfilm war es eine Bereicherung. Um im Keller das Archiv unterzubringen, musste unter dem bestehenden Architekturjuwel ein neues Fundament eingebracht werden, auch Befundung, Bauforschung, Restaurierung und Rekonstruktion geben ästhetisch und inhaltlich viel her. Die feinen Rahmen der Doppelfenster, deren Oliven, Scharniere und andere originale Details der 1930er Jahre sind zum Niederknien schön. Von den originalen Bakelit-Schaltern waren nur noch wenige vorhanden, Prasser kam auf die Idee, sie mit dem 3D-Drucker auszuplotten. Es brauchte mehrere Kameraleute, um alle Facetten dieser Baustelle angemessen darzustellen.

Purzl Klingohr am Schittplatz für die Dokumentation der Sanierung der Villa Beer ©Klingohr

„Lothar Trierenberg riet mir, die Werkstatt des Schlossers zu besuchen, der für die Villa Beer alle Scharniere geschmiedet hat“, erzählt Klingohr. Viereinhalb Stunden fuhr er „nach Kärnten irgendwo im Nirwana.“ Er war begeistert von der Einzigartigkeit dieses Handwerkers und bestellte sofort Scharniere für die wertvollsten seiner Möbel. Originale, versteht sich. Sein gebildeter Geschmack ist das Resultat von jahrzehntelanger, intensiver Auseinandersetzung. Heute hat er eine große Expertise. Wobei: was Hart- und Weichholz, was lackiert und politiert ist, wußte er schon als Kind. Sein Onkel war Kunsttischler.

Mit Valie Export in der Arktis

Bevor es ihn auf die Filmakademie verschlug, hatte Klingohr die Textilfachschule in der Spengergasse besucht, auf drei Buben kamen in seiner Klasse siebzehn Mädchen. „Damals lernte ich vom Musterzeichnen bis zum Handweben sehr viel über Materialien, dazu noch Farben- und Konstruktionslehre“, sagt Klingohr. „Das hat mein ästhetisches Empfinden sicher beeinflusst.“ Auch Valie Export war auf dieser Schule, als einer von zwei Kameramännern sollte er sie, Unica Zürn, Danielle Sarréra, Ada und Linda Lovelace 1987 für ihren anagrammatischen Film ALASKA in die Arktis begleiten. Dieser Dreh mit Hundeschlitten bei zweistelligen Minusgraden zählte zu seinen extremen Filmerfahrungen, obwohl er schon Mitte der 1960er und in den frühen 1970er in der Sahara, dem Iran, Irak, Kuwait und in Indien gedreht hatte.

Aus dieser Zeit stammen die vielen afrikanischen Masken, von denen einige in seinem Büro hängen. Dessen Wände werfen in dichter Petersburger Hängung Streiflichter in die Vielfalt der Klingohrschen Sammlung. Auch ein Totenschädel von der Schlacht beim Marchfeld 1278 ist drunter. Er sieht ihn täglich. „Der Tod ist das Resultat des Ablaufs einer Zeit“, stellt er lapidar fest. Klingohr ist Jahrgang 1944.

Einige Objekte schaffen auf dem Gelände der Interspot sehr spezifische Orte. Im Café finden sich unter anderem eine alte Holzbar im Western Style, deren Bestandteile Klingohr aus dem Ausgedinge eines Altwarenhändlers gefischt und in das Ambiente seines Cafés verpflanzt hat. Nach einer jahrelangen Trümmerexistenz im Freien blühte sie nun hier auf. Ein alter Samowar, ein einarmiger Bandit oder eine originale Juke Box aus den 1950er Jahren, die gegen Einwurf von 50 Cent tatsächlich Songs der Bee Gees, Adamo und Konsorten von sich gibt, komplettieren das Interieur. Die Möblierung mit schwarzen Thonetstühlen und runden Marmortischen ist sehr klassisch, in diesem Café aber fanden „Seitenblicke“-Galas ebenso statt wie Castings, Drehs oder Weihnachstfeiern.

Das Areal der Interspot ist fast sowas wie eine begehbare Wunderkammer, sogar zwei voll möblierte Zirkuswagen finden sich hier. Rudolf Klingohr schaffte sie an, weil er in eine Zirkusartistin verliebt war. Diese Zeiten sind lang vorbei. Heute gilt sein vorrangiges Interesse dem Jugendstil und der frühen Moderne. Damals verdichteten sich technologische und gesellschaftliche Umbrüche im donaumonarchischen Schmelztiegel Wien zur einzigartigen künstlerisch-intellektuellen Hochblüte.

Begegnung mit Wagner, Hoffmann und Loos

Das Majolika-Haus von Otto Wagner in der Linken Wienzeile ist eine Inkunabel dieser Epoche. Seine Fassade aus witterungsbeständigen Fliesen wurde mit floralen Elementen dekoriert, die Alois Ludwig im Maßstab 1:1 anfertigt hat. Es ist die einzige, in der Otto Wagner seine Vorstellung einer polychromen Fassade verwirklichte. Er bezahlte sie sogar selbst.

Fassade von Otto Wagners Majolikahaus ©Haefel, open commons

Hier hat Rudolf Klingohr eine Wohnung im zweiten Stock gemietet. Schon allein das Stiegenhaus ist erhebend: über Otto Wagners nur zehn Zentimeter hohen, besonders tiefen Stufen, die noch dazu unmerklich geneigt sind, schwebt man förmlich der Tür entgegen. Sie entpuppt sich als Sesam Öffne dich in die Objektwelt der Wiener Jahrhundertwende. Hier trinkt man den Kaffee beim Geschäftstermin aus Hoffmann-Tassen und finden sich unterschiedliche Editionen der Thonet-Stühle auf drei Salons verteilt. Einer der ersten, die Nr. 4 des Jahres 1849, der klassische Wiener Kaffeehausstuhl Nr.14 von 1859, ein Original aus Otto Wagners Postsparkasse, sowie deren zeitgenössische Adaption, den Czech-Stuhl, den der Architekt 1984 für Wiener GTV Design entworfen und für Klingohr signiert hat. Das wertvollste Stück zwischen all den Klassikern aber steht unauffällig im Eck neben der Tür an der Wand. Der Mahagonisekretär aus der Jahrhundertwende ist ein außergewöhnlich intelligentes Möbel. Seine Füße lassen sich einklappen, an den Seiten des Schreibpults, dessen Deckel vielerlei Fächer enthält, befinden sich Haltegriffe aus Messing. Unter Glas liegen auf der Tischplatte ein paar Skizzen, zwei sehr bissige aus der Wiener Künstlerszene, datiert 1902 und eine Architekturzeichnung mit Sitznische, Kamin, Holzbalken und Galerie, eher unbeholfen gezeichnet. „Haus Bru-ü?-m?-ss?-nd?“ Was für eine Klaue!

Der Reisesekretär von Adolf Loos ©MAK / Georg Mayr

Eine Postkarte aus Traunkirchen, ein Brief, geschrieben in der „Légation Royale de Hongrie“ in „Athéne.“ Es ist der Reiseschreibtisch von Adolf Loos. Er ließ sich zur Gänze einklappen. „Den hat er nach Paris mitgenommen“, sagt Klingohr, in seiner Stimme schwing Ehrfurcht. Am 18. Dezember 1903 um halb zehn Uhr vormittags schrieb Loos: Waren zuerst 5 Personen. Dann versprach ich dem Con(dukteur) drei Kronen. Von St. Pölten aus hatte ich ein eigenes Coupé, Großartig bis 8 Uhr geschlossen. Als ich aufwachte Sonne und Schnee. Herrlich. Jetzt in Innsbruck im Speisewagen. Café. Viele K. Loos.“ K sind vermutlich Küsse.

Bewohnt wird diese Wohnung nicht, Besprechungen finden aber viele hier statt. Und manchmal, nachmittags und abends, kommt Rudolf Klingohr ganz alleine hier her, dreht das Licht auf, setzt sich auf einen Thonetstuhl oder eine Hoffmanncouch, genießt den Anblick und die Aura seiner Pretiosen und ist einfach glücklich.

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