Seit 15 Jahren agiert Assemble zwischen Aktivismus und Architektur, Kulturarbeit und Maker-Movement. Heute gilt das Kollektiv als Pionier einer neuen Generation. Aaron Betsky zieht im Buch „Assemble Building Collective“ Bilanz.
Gleich nach dem Studienabschluss an der Cambridge School of Architecture macht sich eine Gruppe von Freund:innen auf den Weg, die Welt zu verbessern. Ihre Projekte waren damals, vor 15 Jahren, oft selbstinitiiert und ohne Budget. Eine Art Hobby neben dem eigentlichen Beruf. Trotzdem brachten die Interventionen des Kollektivs Assemble frischen Wind, Idealismus und Mut in die Architekturszene. Genau das war in Lonon dringend nötig, wo kommerzielle Investorenarchitektur und Gentrifizierung omnipräsent sind.

Der Name der Gruppe verspricht bereits Aktionismus: Assemble ist eine Aufforderung zum Handeln – hands on! Das erste Projekt im Londoner Stadtteil Clerkenwell war 2010 eine Mischung aus Kulturrevolte, Zwischennutzung und provisorischer, temporärer Architektur. Eine verlassene Tankstelle, besetzt und dann umgebaut, verwandelte sich durch den unermüdlichen Einsatz des Kollektivs für einen Sommer lang und etwas darüber hinaus in ein Kino. Aus der „Petrolium“ Station und dem „Cinema“ wurde das „Cinerolium“ – und ein Fest für die Bewohner:innen des gesamten Stadtviertels. Der temporäre Bau mit seinen unkonventionellen Vorhängen aus glitzernder leichter Folie blieb länger als geplant – ein fulminanter Start für die Arbeit des Kollektivs. Über die Jahre ist Assemble vielleicht erwachsen geworden, aber die Ideen gehen nicht aus und die Schlagkraft ist heute umso stärker.

Dem kommerziellen Erfolg richtet Assemble keine oberste Priorität ein, vielleicht kam er genau deshalb umso schneller. Die Gruppe besteht heute aus 18 Mitgliedern, 17 davon sind Partner:innen. Experimente mit einfachen, günstigen Materialien, die oft vor Ort gefunden oder wiedergenutzt werden, gehören mit zur Tagesordnung wie auch Lehm und andere Naturmaterialien. Die Projekte von Assemble befinden sich oft auf schwierigen Restgrundstücken, die niemand vorher beachtet hat, wie zum Beispiel die Folly for a Flyover unter zwei Autobahnbrücken. Nicht selten geht es auch darum, den Bestand wieder fit zu machen. Ganze Neigborhoods reden im Entwurfs- und Planungsprozess mit, oft werden Assemble-Mitglieder währenddessen selber zu Barbetreiber:innen, Programmgestalter:innen, Töpfer:innen und vielem mehr. 2015 ging die renommierte Auszeichnung des Turner Prize, der eigentlich an Künstler:innen vergeben wird, an Assemble. „Der erklärte Tod des Preises“, kommentierte der Guardian damals, dass „eine Gruppe radikaler Architekten statt eines Künstlers“ gewinnt.

Wer Assemble beschreiben will, hat es nicht einfach – so vielschichtig sind die Aufgaben, derer sich das Studio annimmt. Noch vielseitiger sind dann auch die Kooperationen, die das Kollektiv mit Handwerksbetrieben, Makern, Finanzdienstleistern und vielen anderen Partner:innen für einzelne Projekte und längerfristig auf die Beine stellt. Im Turner-preisgekrönten Projekt der Granby4Street in Liverpool kommt all das zusammen. Politischer Aktivismus und community building mithilfe partizipativer Prozesse – nah am Handwerk. Assemble brachte neues Leben und neue Qualität in das Arbeiterviertel in Liverpool. Neben der Renovierung von 10 Häusern entstanden auch ein gemeinschaftlich genutzter Wintergarten sowie ein eine Werkstatt, die heute unabhängig betrieben wird. Und es geht weiter: Kürzlich hat Assemble den Auftrag für ein neues Gebäude erhalten, das für geförderte Wohnungen und ein Gemeindezentrum genutzt werden soll.

Heute betreibt Assemble nicht nur das eigene Atelier, die Sugarhouse Studios, wo sich neben einer Schreinerei auch Platz für andere kreative Kolleg:innen befindet. Das Kollektiv hat außerdem mehrere Workspaces in London gegründet – einige sind nach der Initialzündung durch Assemble bereits unabhängig organisiert, andere auf dem Weg dorthin. Assemble vermietet Flächen an Musiker:innen, alle Arten von Künstler:innen und Leute, die viel Platz in der Stadt brauchen und Krach machen. „Schließlich ist es immer schwieriger, in London all das zu finden”, so Maria Lisogorskaya von Assemble. „Wir versuchen, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, damit sich Kreative selbständig machen können und arbeiten mit ihnen zusammen.“

Es gehört zur Vielseitigkeit von Assemble, dass neben den großen Bauprojekten wie beispielsweise der Luma Foundation in Arles auch kleine Interventionen auf dem Programm stehen. Das Bauen ist nur eine der vielen Aktivitäten des Kollektivs, das außerdem kuratiert und Ausstellungsdesign entwirft, Vorträge hält, Forschungsstudien vorantreibt und nun ein eigenes Buch bei Thames & Hudson herausbrachte. „Assemble. Building Collective“ hat über 500 Fotos auf 352 Seiten, die Prozesse und Projekte, Skizzen und Meetings samt Werkstätten abbilden. Machen eben – statt reden. Die Texte von Aaron Betsky tun gut daran, sich an den Projekten zu orientieren – durch eine entsprechende Gliederung kommt Ordnung in das vielseitige kreative Chaos. In insgesamt sieben Kapiteln erklärt Betsky in unaufgeregter Art, was Assemble ausmacht: Die Workshops, der Community-Gedanke und vieles mehr. Man hätte sicherlich noch weitere Kapitel hinzufügen oder die Schwerpunkte anders setzen können, beispielsweise auf die Bedeutung von Materialien für Assemble, sei es Reuse oder aus der Natur. Doch letztlich ist all das auch zwischen den Zeilen fast überall präsent.




Die Neuerscheinung hat zwei dicke Deckel aus Graupappe als Umschlag, der Buchrücken ist offen und die Bindung sichtbar. Der Band ist robust – und wirkt ein bisschen provisorisch, er passt zum Charakter von Assemble. Wie sich das Kollektiv verändert hat mit den Jahren? Sie seien noch dabei, das herauszufinden, meint Maria Lisogorskaya und fügt hinzu: „Wir entwickeln uns weiter, der Stillstand ist nichts für uns.“

“Assemble. Building Collective”, Aaron Betsky, hardcover, 352 pages, over 500 illustrations, design: thonik, Thames & Hudson, London 2025
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