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in buch

Ein Genie ist nie allein

Isabella MarboevonIsabella Marboe

Günther Domenig inszenierte sich gern als heroischer Einzelkämpfer. Doch auch seine Architektur kennt Referenzen und entstand bei Weitem nicht allein. „Wir Günther Domenig. Korrekturen einer Legende“ zeichnet ein vielschichtiges Bild dieses außergewöhnlichen Architekten und all jener, die sein Werk möglich machten.

Günther Domenig war eine künstlerische Ausnahmeerscheinung. Ein kleingewachsener, zarter, Mann, durchdrungen von Sendungsbewusstsein, stets auf der Suche nach der einzig wahren architektonischen Antwort auf einen Ort. An seinem Opus magnum – dem Steinhaus in Steindorf am Ossiacher See – arbeitete er sich fünfundzwanzig Jahre lang obsessiv ab. Dieses zerklüftete, skulpturale Gebäude aus Sichtbeton, Glas und Stahl, in dem sich unterschiedlichste Volumina effektvoll durchdringen, ist gleichermaßen sein Vermächtnis.

Bau des Modells zum Wettbewerb Ballhausplatz, von l. n. r.: Hubert Hermann, Christine Kapsreiter, Günther Domenig, Gabriel Budas 1976 ©Peter Hermann

Domenig huldigte dem Geniekult wie kaum ein anderer. Nicht ganz zu Unrecht, doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Dem zweiten nähert sich das Buch „Wir Günther Domenig. Korrekturen einer Legende“. Es zeigt all jene, die um, mit, neben und hinter Domenig und seinem Werk standen. Mitarbeitende, Studierende, Akteure aus Wirtschaft, Politik, Medien und Kultur, Handwerker, Firmen und Betriebe, die seine gewagten, kaum baubaren Details umsetzten. Sie bilden das „fiktive Netzwerk“, wie Co-Herausgeber Wolfdieter Dreibholz im Vorwort schreibt, das „Günther Domenig in unterschiedlicher Konstellation und Intensität während seiner außergewöhnlichen Laufbahn begleitet hat“.

Das Cover zeigt ein Schwarz-Weiß-Foto von Dietmar Tanterl: „Multiple Energieeinspeisung“. Domenigs Kopf bei einer Gehirnstrommessung. Am Rand des Bildes stehen insgesamt 52 Namen untereinander in einer Spalte. Vom Künstlerarchitekten Raimund Abraham – einem Bruder im Geiste – bis zu Gerald Zugmann, dessen Fotos das Steinhaus von Günther Domenig erst zum Fixstern im kollektiven Bildgedächtnis der Architekturszene machten. Auch die Herausgeber Wolfdieter Dreibholz und Michael Zinganel sind darunter. Ihre Zeitzeugenschaft trägt wesentlich zum faszinierenden Sog bei, den das Buch entwickelt. Denn es taucht tief in das Universum Günther Domenigs ein, das von unglaublichen geometrischen Strukturen, expressiv auskragenden Konstruktionen und Skizzen bevölkert ist, die atemberaubende Raumfolgen vorstellbar machen. Domenig war in der Lage, komplexe architektonische Gebilde zu erfinden, zu konstruieren und in einem unverwechselbaren Stil aufzuzeichnen. Sein Werk ist vielschichtig, seine Formensprache changiert zwischen organischen, expressiven und betonbrutalistischen Ansätzen, kennt aber auch strukturalistische Tendenzen. Die faszinierende, wachstumsoffene Megastruktur der Stadt Ragnitz, die er mit Eilfried Huth entwarf, wurde bei einem internationalen Wettbewerb in Cannes mit dem Grand Prix d’Urbanisme et Architecture ausgezeichnet.

Bausatz für den Nachbau des Strukturmodells der Stadt Ragnitz von und mit Peter Kaschnig ©Paul Ott. 2002-2004

Wer nach dem Absoluten strebt, muss zwangsläufig scheitern. Doch auf dem Weg dorthin schenkte Domenig sich und der Welt einige Meisterwerke. Eine singuläre Ausnahme bildet das Steinhaus. „Es wurde kein Raumprogramm vorgegeben, kein Kostenrahmen und kein Fertigstellungstermin. Es ist das einzige gebaute Projekt, das ausschließlich auf einer von Domenig selbst erfundenen Genese basiert“, schreibt Michael Zinganel in seinem Vorwort. „Es gilt als Manifest seines ständigen Ringens mit dem Überanspruch an sich selbst und an seine Architektur.“

Pavillon Olympia-Schwimmhalle München, von Günther Domenig und Eilfried Huth, 1970-1972 ©Architekturzentrum Wien, Sammlung

Das besonders Faszinierende an diesem Buch ist, dass es Domenigs Projekte mit den Menschen verknüpft, die daran maßgeblich beteiligt waren. In chronologischer Folge entrollt sich hier seine Entwicklung. Das erste Projekt, die Kirche St. Martin, die er gemeinsam mit Fritz Lorenz entworfen hatte, kam auf Initiative seiner Mutter zustande. Anlass genug, sie als erste auf einer eigenen Seite zu porträtieren. Die Kirche wurde nie gebaut, aber von Eilfried Huth mit seinem Ziviltechnikerstempel legitimiert. Der Beginn einer fruchtbaren Zusammenarbeit, der unter anderem das katholische Kirchengemeindezentrum Oberwart, die strukturalistische Stadt Ragnitz und der fast schon prototypisch organische Mehrzwecksaal der Schulschwestern in Graz-Eggenberg zu verdanken ist. Dieser ist mit einem schönen handgezeichneten isometrischen Schaubild von Joe W. Kolleger, einem faszinierenden Foto vom Bau der Schalung für den Spritzbeton sowie einer Gesamtansicht und mehreren Detailaufnahmen dokumentiert. Deren Formensprache erinnert an Rippen, Haut und Knochen.

Entwurfszeichnung Innenraum, Verfasser oder Verfasserin unbekannt ©Architekturzentrum Wien, Sammlung

Volker Giencke war dessen Projektleiter , aber auch maßgeblich an der Realisierung der Zentralsparkasse Favoriten beteiligt. In diesen Bau mit der markanten Schuppenfassade, die sich wie ein Maul über dem Eingang aufwölbt, setzte sich Domenig selbst mit dem riesigen Betonabguss seiner Hand als Rohrabdeckung ein vom Bauherrn nicht autorisiertes Denkmal. Karl Vak hieß dieser – und er ist der Nächste, der hier vorgestellt wird. Ihm folgt die Firma Metallbau Lenhardt und Heidenbauer. Sie fertigte die spektakulär gekrümmte Fassade aus Nirosta-Elementen. So funktioniert dieses Buch: Von Seite zu Seite legt es weitere Verknüpfungen des „imaginären Netzwerks“ rund um Günther Domenig frei. Es ist eine Hommage an die vielen Akteure im Hintergrund und zugleich das Sittenbild einer Epoche, die längst vergangen ist.

Wir, Günther Domenig

schaufenster

buch

Ein Genie ist nie allein

Villa Rezek © Stefan Oláh
buch

Haus voll Glas und Licht

Ottokar Uhl: 
Kirche und Seelsorgezentrum Taegu
1964–1966
ausstellung

Die Welt von gestern

Charlotte Perriand in der Ausstellung Synthèse des Arts, Japan 1955 (links: Le Corbusier, Les 8, 1951), © Archives Charlotte Perriand / FLC, VG Bildkunst Bonn, 2025
ausstellung

Faszinierende Charlotte

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