Felsenfest steht das Familienhaus St. Michael auf dem steilen Waldhang hinter dem Landeskrankehaus Feldkirch. Genauso verlässlich bot es Müttern und Kindern in Not seinen Schutz. Die Architekten Andreas Postner und Konrad Duelli sorgten mit einer sehr bestandsgerechten Sanierung dafür, dass es auch künftig so bleibt.
Das Familienhaus St. Michael in Feldkirch ist riesig, seine Geschichte wechselvoll, aber es diente immer einem guten Zweck. Von Anfang an war es dazu da, Menschen in Not mit offenen Armen aufzunehmen. Trotz seiner Nähe zum Landeskrankenhaus und seiner beachtlichen 2.600 m² Nutzfläche sah man es nicht.

Das Haus steht auf einem steilen, dicht bewaldeten Hang, früher kehrte man hier in Gasthaus und Pension Carina ein. Die Schweizer Schwestern vom „Guten Hirten“ machten sie 1957 zum Haus St. Michael. Damals arbeiteten viele Vorarlbergerinnen in der Schweiz, wurden sie zu ledigen Müttern mit Kind, durften sie nicht mehr zurück. Sie und andere Frauen in Notlagen fanden bei den Nonnen freundliche Aufnahme. Bis 1982 betreuten sie 700 Frauen und 900 Kinder, dann hatte die umgebaute Gaststätte ausgedient.
Der Klagenfurter Architekt Karl Müller plante ihnen das neue Haus, zuerst den Mitteltrakt für Schwestern, Frauen und Kinder, dann Küche und Kapelle, zuletzt den Westflügel mit dem oktogonalen Kinderturm. 1985 bezogen die Schwestern ihren großen, neuen Bau, 1990 übernahm die Caritas den Betrieb.
Es stammt aus der Postmoderne, einer bauphysikalisch katastrophalen Epoche, die man am liebsten abreißt. Doch das riesige Gebäude speichert Tonnen an CO2, und ist grundsolide auf steinhartem Fels gebaut. Er ist kaum zu schremmen, heute dürfte man kein so großes Volumen und nie so nahe am Wald bauen. Gemeinsam mit Michael Natter und Doris Müller von der Caritas suchten die Architekten Konrad Duelli und Andreas Postner nach dem verantwortungsvollsten Umgang damit. Er lag in einer nachhaltigen Sanierung, die einen weiteren sozialen Betrieb unter wesentlich wohnlicheren Bedingungen ermöglichen sollte.

Duelli und Postner organisierten das komplizierte Raumgeflecht neu, klug planten sie bis dato fehlende Aufenthalts- und Freiräume ein. Der Umbau erfolgte maximal einsatzbereit bei laufendem Betrieb. „Uns ging es um Stabilität, Würde und Ausstrahlung“, so die Architekten. Von der Überlegung, wie sich kranke Eschen am Hang verantwortungsvoll fällen lassen, über die Planung von 19 hellen, gut geschnittenen Wohnungen, schönen Gemeinschaftsräumen bis hin zu den Möbeln kümmerten sie sich um alles.
Das Haupthaus ist stolze 34,5 Meter lang, seine Eingangsfront ist zeittypisch symmetrisch, Stahlbetonsäulen betonen das mittige Portal, darüber zeichnen die Loggien eine ornamentale Figur in die Fassade. Hier zeigt sich das Gebäude dreistöckig, seine lange Westflanke aber beißt sich mit drei weiteren Untergeschossen in den Fels: inklusive Dach gibt es da sieben Ebenen. Die Fluchttreppe am nördlichen Hausende setzt zwischen zweigeschosshohen Sichtbetonstützen am Gelände auf. Aus dieser sehr besonderen Situation machten die Architekten eine Art witterungsgeschützte Freiluftveranda am Waldesrand.

Der Osttrakt hat nur ein, Westtrakt bis zu drei Geschosse. In der einstigen Klausur des Ordens findet sich ein Kreuzgewölbe aus Stahlbeton, das von alten Kirchen inspiriert sein dürfte. „Ich kenne kein anderes Haus dieser Art“, sagt Duelli. „Anfangs war es für mich wie ein Labyrinth“, ergänzt Postner. Die Architekten haben viel bereinigt, barrierefrei und orientierungsfreundlicher gemacht.

Kurz vor Baubeginn bekam man eine EU-Förderung für die Heizung. Damit mussten die Tiefenbohrungen für die Geothermie, eine neue Wärmepumpe und Flächenheizungen sofort installiert werden. Das ist ökologisch nachhaltig und kostensparend, erschwerte aber den Bauprozess enorm, umso mehr, als er in die Corona-Krise fiel. Alle hielten durch, arbeiteten eng zusammen und zogen an einem Strang. Dieses Projekts konnte nur gemeinsam gelungen.
Weiß verputzt, mit Einsätzen aus rotem Holz in den Eckfenstern und neuem, angehobenem Kupferdach strahlt das Haus nun Freundlichkeit und Zuversicht aus. Man betritt es an der südlichen Stirnseite, links ein Büro, dahinter eine Wendeltreppe, in deren Spindel ein Lift eingezirkelt ist. Im ersten Untergeschoss wölbt sich ein gebogener Erker waldwärts, die über 100 m2 große Terrasse im zweiten Stock bekam eine neue Pergola. Die Architekten schufen auf jeder Ebene Freiräume. Letztere und sogar Fenster müssen hier gesichert sein, damit kein Kind hinausfällt. Edelstahlnetze, die man mit der Zeit nicht mehr wahrnimmt, schützen sie davor.


Hier gibt es nun 19 Kleinwohnungen für Familien mit Kleinkind zum Start in ein besseres Leben. Außerdem auf jeder Ebene Gemeinschaftsküchen. Die Architekten planten ihnen ausziehbare Arbeitsflächen, hier kochen und essen viele sehr gern gemeinsam. Das Untergeschoss ist von Westen großzügig belichtet – daher können hier auch Studierende in einer WG leben. Kürzlich wurden das Kinderoktogon und sein Spielplatz fertig. Wunderschön.
Dieser Beitrag ist erstmals in der VN-Wochenendbeilage „Leben & Wohnen“ erschienen







