Kein Fernsehen, zwanzig Jahre dasselbe Auto und keinesfalls lockerlassen. Über die Liebe eines Psychiaters zur Villa Schulenburg von Henry van de Velde.
Volker Kielstein wirkt ein wenig angespannt an diesem Morgen. Immerhin hat sich der belgische Botschafter angesagt, und so hoher diplomatischer Besuch stellt sich im ostthüringischen Gera, nicht alle Tage ein. Nicht dass man hier, in der ehemaligen DDR, nichts Herzeigbares anzubieten hätte, als Geburtsstadt des Malers Otto Dix samt ihm gewidmeten Museum kann Gera sogar auf eine kunstgeschichtliche Größe allerersten Rangs verweisen. Mit Belgien allerdings hat Dix wie alles andere hier nicht allzu viel zu schaffen – mit Ausnahme jener Anlage, in deren Hof Herr Kielstein an diesem Morgen unruhig auf und ab geht.

Die Rede ist von Haus Schulenburg, einem historischen Villenmeisterwerk des aus Antwerpen gebürtigen Henry van de Velde; und der belgische Botschafter hat allen Grund, sich an diesem Morgen, zu Herrn Kielsteins 84. Geburtstag, als Gratulant einzustellen: Dass sich Haus Schulenburg heute mit Recht „Henry van de Velde Museum“ nennen kann, ist einzig und allein dem Jubilar zu danken. Was um so erstaunlicher scheint, da der gelernte Psychiater und Psychotherapeut rein beruflich mit Architektur, Design und Kunstgeschichte gar nichts zu tun hat.
Es ist sein Privatleben, das Kielstein mit van de Velde und dem Haus Schulenburg verbindet, und das gleich mehrfach. Zunächst einmal dadurch, dass er in unmittelbarer Nähe aufgewachsen ist: Nach Ende des Zweiten Weltkriegs habe sich sein Vater, seines Zeichens Allgemeinmediziner, mit seiner Praxis unweit von Haus Schulenburg niedergelassen: „Immer, wenn wir als Kinder daran vorbeigingen, sagte mein Vater: ,Seht euch das an, das ist von van de Velde.ʻ“, erzählt er in einer jener Publikationen, in denen Geschichte und Rekonstruktion von Haus Schulenburg dokumentiert sind. Und er erinnert sich auch noch genau, schon in Jugendtagen „das ungewöhnlich gestaltete Eisentor und die darin geöffnete Eingangstür, die den Blick in ein tonnenförmig gewölbtes Eingangsgebäude freigab“, bewundert zu haben: „Ging man hindurch, gelangte man in einen gepflasterten Hof, links die große Eingangsfassade. Die sah ganz anders aus als alle Häuser, die ich kannte, wirkte anziehend und machte neugierig. Haus Schulenburg wurde für mich so etwas wie ein innerer Maßstab.“
Dass er heute hinter diesem Tor, in diesem Hof, vor dieser Fassade stehen und auf den belgischen Botschafter warten kann, das wiederum hat mit dem Ende der DDR und mit glücklichen Zufällen zu tun. Auf der Suche nach einem geeigneten Quartier für eine Zweigstelle jener Tagesklinik, die er seit den 1970ern in Magdeburg betreibt, erfährt Kielstein Mitte der 1990er von seiner in Gera lebenden Schwester, dass Haus Schulenburg seit der Wende leersteht und verfällt. Gegen anfängliche Widerstände der Stadt, die sich einen deutlich finanzkräftigeren Interessenten erhofft hat, gelingt Kielstein schließlich der Erwerb des Hauses. Zehn Jahre bemüht er sich darum, eine Tagesklinik zur Refinanzierung der erforderlichen Sanierungsarbeiten zu errichten. Doch er scheitert an „Thüringer Widerständen auf unterschiedlichen Ebenen“, wie er selber sagt.

Plötzlich also ist aus einer künftigen Geldquelle ein vergleichsweise voluminöses Sammlerstück geworden, aus dessen Erhalt im besten Fall Lob, Ehre und womöglich inneres Vergnügen, aber monetär nichts zu lukrieren ist. Was Kielstein nicht daran hindert, gemeinsam mit seiner Frau die einmal begonnene Neufassung von Haus Schulenburg, teils Restaurierung, teils Rekonstruktion, fortzusetzen.
Im Jahr 2013, zur 150. Wiederkehr des Geburtstags von van de Velde, sind die wichtigsten Maßnahmen an Haus und Garten abgeschlossen. Wie viel an Expertise, Mitteln aller Art und nicht zuletzt Leidenschaft dafür nötig waren, lassen Fotografien ahnen, die in der heutigen Cafeteria von Haus Schulenburg, der ehemaligen Garage, von desolaten Zuständen vergangener Tage künden. Besitzer, Bauherren und Bewohner in Personalunion sanierten den durchaus fordernden Bestand in kontinuierlicher Absprache mit dem Denkmalamt so gewissenhaft, das er mehrfach ausgezeichnet wurde, unter anderem mit dem renommierten Europa-Nostra-Preis 2024.
Das Haus, das Mitte der 1910er für die Familie des Geraer Textilfabrikanten Paul Schulenburg erbaut wurde, darf für sich in Anspruch nehmen, ein Gesamtkunstwerk besonderer Art zu sein. Nicht nur dass Schulenburg den zu dieser Zeit in Weimar als Leiter der Großherzoglich Sächsischen Kunstgewerbeschule amtierenden van de Velde mit der Planung eines „Landhauses“ einschließlich Inneneinrichtung, Außenanlagen und Gartenmöbeln betraute. Er ließ er sich von ihm auch die Auswahl der dort zu platzierenden Kunstwerke vermitteln, darunter Bilder von van Gogh, Signac und Liebermann. 1919 entwirft van de Velde des Weiteren ein Gärtnerhaus, eine Gewächshausanlage und einen Park mit Seerosenteich – allesamt mittlerweile auf immer verloren. Auch das Haus Schulenburg selbst erfährt schon in den 1930ern, knapp nach Paul Schulenburgs Tod, erste schmerzhafte Veränderungen. Zwei Söhne teilen das Haus in getrennte Einheiten, eine Intervention, der die raumbildende Treppenanlage in der Halle samt einer weiten Oberlichtöffnung zum Opfer fällt. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs lässt die Sowjetarmee Teile der Einrichtung auf immer Richtung Osten entschwinden; 1947 schließlich wird Haus Schulenburg (wie die Schulenburgsche Textilfabrik) enteignet und in eine medizinische Fachschule umgewandelt.

Es braucht nicht allzu viel Fantasie sich vorzustellen, dass der Einbau von Hörsälen, Sanitäranlagen und Büros nicht ohne erhebliche Folgen für die innere Gestaltung abgegangen sein kann. Ganz zu schweigen von den Jahren des Leerstands nach der Wende. „Es gab undichte Dächer, Feuchtigkeit in allen Stockwerken und schwere Schäden am Sandstein der Gesimse, der Sockel und Säulen“, erinnert sich Volker Kielstein.
Dass davon nicht mehr das Geringste zu spüren ist, liegt zunächst daran, dass die originalen Baupläne, darüber hinaus eine ausführliche Fotodokumentation noch vorhanden waren – vor allem aber liegt es am Gebäude selbst. Volker Kielstein: „Das wichtigste Dokument war das Gedächtnis des Gebäudes, das trotz aller Umbauten und allen Verfalls in seiner Grundstruktur erstaunlich gut erhalten war.“ Und dann war da noch „Herr Friedrich“, ein Handwerker, dem Kielstein insbesondere dann den Abriss von Einbauten anvertraute, wenn im Zuge dessen daneben, dahinter und darunter der Verlust originaler Bausubstanz drohte: zum einen weil seine exakte Kenntnis der ursprünglichen Baupläne „ein schonendes Vorgehen“ gewährleistete, zum anderen da er – so Kielstein – in der Lage war, „neue Befunde zu erkennen und der Bauleitung mitzuteilen“.
Wer heute an der Seite des vitalen Haus-Schulenburg-Retters das Gebäude betritt, wird Raumwirkung und Raumanordnung annähernd so vorfinden, wie sie sich vor 100 Jahren präsentiert haben dürften, von der wiederhergestellten, geschwungenen Treppe zwischen Erd- und Obergeschoß bis in jede einzelne der Zimmerfluchten – als wäre die Zeit spurlos an ihnen abgeprallt. Das freilich um den Preis mancher Auseinandersetzung mit den befassten Unternehmen: Man könne im Baugeschehen die Erfahrung machen, so Kielstein, stets vornehm-zurückhaltend, „dass Respekt vor dem Bau und die erforderliche Sorgfalt Eigenschaften sind, die man nur bei einem Teil der ausführenden Firmen voraussetzen kann“.
Eine Sorgfalt, die Kielstein auch der Inneneinrichtung angedeihen ließ. So manches originale Möbelstück gelangte unter teils abenteuerlichen Umständen wieder an den Ort seiner Bestimmung. So fand Mobiliar des Musikzimmers, das eine Tochter Paul Schulenburgs als Teil ihres Erbes 1938 nach Brasilien verfrachtet hatte, Ende der 1980er seinen Weg retour über den Atlantik ins Eigentum eines Münchner Van-de-Velde-Sammlers, der sie wiederum 2006 an Kielstein verkaufte: Schließlich sollten, so seine Überzeugung, die Möbel nicht auf internationalen Auktionen weltweit verstreut werden. Einen großen, längst verschollen geglaubten Kleiderschrank entdeckte Kielstein bei einer Auktion („Den wollte keiner haben“), die Tür zum Teepavillon wiederum quasi im Vorbeifahren: Sie war in ein Garagentor eingebaut.


Wo Originale nicht mehr zugänglich waren, schaute sich Kielstein um passende Alternativen um. Für das Wohnzimmer beispielsweise hat er bei einer Versteigerung Stühle und einen Tisch von der Hand des deutschen Architekten Albin Müller erworben, „sehr seltene Stücke“, so Kielstein, „aber die Nachfrage war nicht so groß“ – und also der Preis günstig. Wenig später also hatte Müllers Zwischenkriegszeitgarnitur einen würdigen Platz im Wohnzimmer gefunden: vor original erhaltener Wandvertäfelung auf original erhaltenem Holzboden.
Von der Lichtöffnung auf dem Dach bis in die wiederhergestellte Pflasterung der Gartenwege präsentiert sich das Haus Schulenburg als Kleinod von seltenem Rang und höchster Stimmigkeit. Und so ganz nebenbei hat die leidenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Objekt seiner Wiederherstellungsbegierde den Psychiater Kielstein zu einem international anerkannten Fachmann in Sachen van de Velde gemacht. Auch für die Zukunft ist schon vorgesorgt: Kielsteins Sohn Jan wird dem Vater nachfolgen. Van de Velde sei seit seiner Jugend eine Art virtuelles „Familienmitglied“ gewesen, gibt er gesprächsweise zu Protokoll. Und nach dem Rezept gefragt, wie seine Eltern Beruf und Familie samt Rettung eines Baudenkmals erster Güte zustande bringen konnten: „Kein Fernsehen schauen – und 20 Jahre dasselbe Auto fahren.“







