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Filmstill©Sulaco Film

Filmstill©Sulaco Film

in gespräch

Eine Frau geht ihren Weg

Isabella MarboevonIsabella Marboe

Barbara Buser war die erste Fährfrau am Rhein und baute schon mit altem Material Bestand um, als das Stararchitektentum noch glänzte. Im Kino ist nun der Film „Barbara Buser – Pionierin der Nachhaltigkeit“ zu sehen. Anlass für ein Gespräch.

Isabella Marboe: „Gestern waren Sie in Wien, heute in Linz, morgen in Innsbruck. Überall gibt es Premieren, Vorträge, Interviews zum Dokumentarfilm ,Barbara Buser, Pionierin der Nachhaltigkeit.‘ Ich freue mich, dass Sie Zeit für mich haben. Wie geht’s Ihnen denn?“

Barbara Buser: „Gut. Linz gefällt mir sehr gut, ich hab dort an der Architekturabteilung einen Vortrag gehalten. Und dann sagten die Studentinnen mit einer großen Selbstverständlichkeit: ,Wir gehen jetzt in der Donau schwimmen – kommen Sie mit?’ Ich fand es großartig, dass mich diese jungen Frauen eingeladen haben und natürlich ging ich mit. Den Badeanzug habe ich immer dabei!“

Barbara Buser im Haus, das sie in vierter Generation bewohnt. ©Filmstill Sulaco Films

Isabella Marboe: „Sie haben das ja in Basel auch eingeführt.“

Barbara Buser: „Jaja, wir tun das auch im Rhein. Es ist gut, einfach so in der Stadt schwimmen zu können, wann und wie man will. Ohne Badeanstalt, ohne zu bezahlen, ohne Öffnungszeiten.“

Isabella Marboe: „Ich möchte ganz grundsätzlich anfangen. Warum haben Sie eigentlich Architektur studiert?“

Barbara Buser: „Architektur ist sehr vielseitig. Man kann Architektin werden, aber auch Städteplanerin, Modellbauerin, Bühnenbildnerin oder Journalistin. Eigentlich hätte ich gern ein Handwerk gelernt. Allerdings war eine Lehre mit Matura damals nicht möglich. Meine Praktika im Studium habe ich aber nicht in Büros absolviert, sondern auf Baustellen. Ich habe Steine geschleppt, Holz und Beton verarbeitet und von Baumeistern gelernt.“

Isabella Marboe: „Gab es Räume, die Sie geprägt haben?“

Barbara Buser: „Mich hat immer die vernakuläre Architektur fasziniert, nicht die großen Gebäude, sondern die bescheidenen Häuschen und Siedlungen, die aus Materialien gebaut sind, die vor Ort vorhanden sind. Außerdem durfte ich im Haus meiner Eltern, Großeltern und Urgroßeltern, das ich inzwischen von der Familie übernehmen konnte, fast jedes Zimmer bewohnen und einrichten. Ich bin also als Kind und Jugendliche im Haus umgezogen, habe mir Möbel zusammengesucht, Wände angemalt, Vorhänge drapiert und viel ausprobieren dürfen. Das hat mich sicher geprägt.“

Eines der ersten Projekte von Barbara Buser: 1998 half sie, dieses Gartenhaus zu sanieren. ©Baubüro in situ

Isabella Marboe: „Die Schweiz ist bekannt für ihre sehr präzise, strenge Architektur. Alles sitzt bündig, der Sichtbeton ist perfekt. Die ETH gilt als Kaderschmiede. Wie haben Sie die Ausbildung dort erlebt?“


Barbara Buser: „Mich hat diese Detailbesessenheit nie interessiert. Einmal musste ich jeden einzelnen Backstein einer Fassade zeichnen, das fand ich völlig unnötig. Als ich begonnen habe, zu arbeiten, fragte ich die Handwerker immer, wie sie etwas machen. Ich finde es extrem wichtig, eine Konstruktion zu verstehen und die Sachen dann vernünftig zu bauen. An der ETH lernt das man nicht. Deshalb stellen wir bis heute kaum ETH-Architekten an, sondern lieber Menschen aus technischen Hochschulen, weil die viel praxisnäher sind.“

Isabella Marboe: „Sie haben schon in 1990er Jahren begonnen, mit alten Materialien an Bestehendem um- und weiterzubauen. Damals dominierten Stararchitekten mit sehr individuellen Formensprachen und Bauten aus Glas. Wie konnten Sie sich da durchsetzen?“

Barbara Buser: „Ich war gleichzeitig mit Jacques Herzog an der ETH Zürich, wir sind beide aus Basel und haben oft im Zug noch über unsere Auffassungen von Architektur gestritten. Inzwischen feiert er seine Bürofeste in den Räumen, die ich gestaltet habe. Lange wurde ich überhaupt nicht akzeptiert, sondern eher belächelt. Heute staunen sie, dass meine Arbeit kulturellen Wert hat und jetzt so abgeht. Aber ich habe die Anerkennung nie gesucht. Mir war es ganz recht, unter dem Radar zu arbeiten. Der Bauherr entscheidet und hat die Macht. Deshalb haben wir oft versucht, selbst die Bauherrschaft zu übernehmen. Dann kann man experimentieren, neue Wege gehen und Projekte nach eigenen Vorstellungen entwickeln.“

Vom Fabriksareal zum lebedigen Quartier: Gundeldinger Feld ©Baubüro in situ

Isabella Marboe: „Wie funktioniert dieses Modell?“

Barbara Buser: „Meistens entdecke ich einen verlassenen Ort. Dann schaue ich, wem er gehört und was damit passieren soll. Beim Gundeldinger Feld in Basel – einer ehemaligen Maschinenfabrik – erfuhr ich, dass die Sulzer-Burckhardt AG auszieht. Zusammen mit zwei KollegInnen schrieben wir sofort einen Brief und erklärten, wir wollen das Areal kaufen. Dabei hatten wir noch keine Ahnung, wie wir das finanzieren sollten. Kaufen und finanzieren sind nämlich zwei unterschiedliche Dinge. Mit meinem Partner Eric Honegger und Irene Wigger gründeten wir die ,Initiative Gundeldinger Feld’, entwickelten ein Konzept und berechneten die möglichen Mieteinnahmen. Auf dieser Basis fanden wir Investoren, die den Grund und Boden kauften. Die Gebäude erhielten wir praktisch zum symbolischen Preis, weil ihr Abriss teurer gewesen wäre. Mit langfristigen Baurechtsverträgen konnten wir wiederum Banken überzeugen, Geld für die Sanierung bereitzustellen. So entstand Schritt für Schritt ein funktionierendes Quartierzentrum.“

Isabella Marboe: „Und dann wurde daraus sogar eine Stiftung?“


Barbara Buser: „Ja. Nach einigen Jahren stellte sich heraus, dass das Projekt deutlich erfolgreicher war als erwartet. Plötzlich waren wir auf dem Papier Millionäre. Und dann kam die Steuerverwaltung und wollte ihren Anteil. Aber wir wollten nicht einen großen Teil unserer Erträge abgeben. Schließlich hatten wir der Stadt ein funktionierendes Quartierzentrum zum Nulltarif schaffen. Deshalb gründeten wir die Stiftung ,Kantensprung‘. Mit unseren Erträgen bezahlen wir unsere Arbeit, legen etwas für Reparaturen zurück und die Überschüsse fließen in die Stiftung. Damit ermöglichen wir ähnliche Entwicklungen an anderen Orten.“

Isabella Marboe: „Unmittelbar nach Ihrem Studium an der ETH Zürich gingen Sie nach Afrika. 1979 zuerst für ein Brunnenprojekt in den Sudan und 1983 dann nach Tansania. Was haben Sie von Afrika und was hat Afrika von der Schweiz gelernt?“

Barbara Buser: „Vor allem Demut. Ich lernte in beiden Ländern die Sprache, baute im Sudan Brunnen und arbeitete viel mit den Frauen, denn sie sind für das Wasser verantwortlich. In Tansania war ich in Dar es Salaam für den Unterhalt eines Universitätscampus mit rund 10.000 Menschen verantwortlich. Die Gebäude waren von britischen Planern errichtet worden – mit englischen Materialien und Bauweisen, die für die lokalen Bedingungen schlecht geeignet waren.

Ich baute die Unterhaltsabteilung mit rund 400 Mitarbeitenden wieder auf. Das Wichtigste war herauszufinden, warum die Leute nichts taten. Es lag nicht an mangelnden Fähigkeiten, sie verdienten einfach zu wenig, um ihre Familien zu ernähren. Deshalb führte ich ein Anreizsystem ein. Mit der Zeit funktionierte die Instandhaltung sehr gut, und wir setzten mit geringsten Mitteln alles instand.

Aufstockung der Halle 118 in Winterthur…
…..mit alten Materialien…
…die Aufstockung brachte unter anderem den Holcim-Award ©baubüro in situ

Als ich die Uni vierzehn Jahre später wieder besuchte, hätte ich fast wieder von vorne anfangen können. Alle Häuser, aber speziell Hochhäuser brauchen ständige Wartung. Kann man sie sich nicht leisten, funktionieren die Lifte nicht und das Wasser kommt oben nicht an. Diese Baukultur wurde importiert, sie hat mit den Menschen dort wenig zu tun. Gebaut wird traditionell mit natürlichen Materialien, die immer wieder repariert und weiterverwendet werden. Das habe ich in Afrika gelernt.“

Isabella Marboe: „Sie haben viele Widerstände überwunden. Wie schafft man das?“

Barbara Buser: „Mein Vater hat mir beigebracht, unabhängig und selbständig zu denken. Das ist wichtig, wenn man seinen eigenen Weg gehen will. Wenn die Architekten und Architektinnen mich nicht akzeptieren, bin ich eben meine eigene Baufrau. Wenn die Architektenkammer mich nicht ernst nimmt, ist es auch egal. In den 1990er Jahren wurde ich nicht aufgenommen, weil es keine Kategorie gab, in die ich passte. Vor etwa zehn Jahre wollten sie mich zum Mitglied machen. Darauf fragte ich, ob sie inzwischen eine Kategorie für mich gefunden hätten.“

Isabella Marboe: „Da sind wir an einem wichtigen Punkt. Wir leben in einer Gesellschaft, in der alles normiert ist. Alte, gebrauchte Materialien aber entsprechen nicht der Norm. Und dann übernimmt kein Handwerker mehr die Haftung. Wie gehen Sie damit um?“

Barbara Buser: „Wir unterscheiden sehr genau zwischen Vorschriften und Normen. Vorschriften müssen eingehalten werden. Sonst schneiden wir uns als Architekten den eigenen Ast ab. Normen hingegen sind keine Vorschriften. Über Normen kann man diskutieren. Man kann begründet davon abweichen. Dann unterschreibt man ein Papier und übernimmt die Verantwortung. Geht ein Fenster kaputt, ersetzt man eben das Glas. Bricht ein Griff ab, kann man das heute in 3D sehr einfach nachdrucken. Wenn man bereit ist, bestimmte Risiken selbst zu tragen, wird vieles einfacher.“

Isabella Marboe: „Wo machen Sie keine Kompromisse?“

Barbara Buser: „Bei Schadstoffen. Wenn ein Bauteil schadstoffbelastet ist – und wir prüfen das genau –, dann wird es nicht wieder eingebaut. Punkt. Seit den 1960er Jahren wurden enorme Mengen an problematischen Stoffen verbaut. Dafür zahlen wir heute den Preis. Bei vielen anderen Themen geht es dagegen um Wahrscheinlichkeiten und Risikobewertungen. Auch Erdbebenberechnungen beruhen letztlich auf Annahmen. Niemand weiß genau, wann etwas passiert. Und die großen Risiken versichert ohnehin niemand.“

Markthalle bei Tag und Nacht ©baubüro in situ

Isabella Marboe: „Worin sehen Sie derzeit das größte Problem in der Architektur?“

Barbara Buser: „Meiner Meinung nach ist es die Konzentration von Bodenbesitz. Immer weniger Menschen besitzen immer mehr, Wohnen ist zum Finanzprodukt geworden, es werden immer mehr Wohnungen gebaut, weil die Rendite automatisch steigt und Bodenbesitz auf alle Fälle an Wert gewinnt. Wir haben in Basel ein Gesetz initiiert und durchgebracht, dass die Stadt Basel kein Land mehr verkaufen darf. Das sollte es in jeder Stadt und in jedem Land geben!“

Isabella Marboe: „Aber die Kommunen haben alle kein Geld. Wie sollten sie das tun?“

Barbara Buser: „Die Städte können Geld aufnehmen, Grundstücke zurück kaufen und im Baurecht vergeben. Meiner Meinung nach bräuchte man nicht mehr neu bauen, wenn man keinen weiteren Bestand mehr abreißt, sondern diesen saniert und ausbaut. Ich finde es am schlimmsten, wenn man ganze Quartiere abreißt, denn damit zerreißt man auch soziale Netze. Substanzerhalt ist wichtig und Zwischennutzungen kosten viel weniger als Leerstände. In der Schweiz stehen 80.000 Wohnungen leer, leider ist das Eigentumsrecht eine heilige Kuh.“

Isabella Marboe: „Letzte Frage: Sie haben heute viel Zeit mit Studierenden verbracht. Was würden Sie ihnen raten?“

Barbara Buser: „Ich habe heute gerade mit Studierenden darüber gesprochen. Man muss gewisse Risiken auf sich nehmen. Aber man muss sie analysieren. Ich habe bisher keinen wirklich großen Fehltritt gemacht, weil wir immer sehr genau abwägen und überlegen. Ein gewisses Misstrauen und eigenständiges Denken halte ich für überlebenswichtig.“

Isabella Marboe: „Vielen Dank für dieses Gespräch!“

baubüro in situ

Barbara Buser – Pionierin der Nachhaltigkeit

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