genau!
journal für architektur, mensch & wort
  • genau!
  • Newsletter
  • Kontakt
  • Mitgliedschaft
  • architektur
    • bauten
    • orte
    • diskurs
  • mensch
    • gespräch
    • herzstück
    • porträt
  • wort
    • essay
    • kommentar
    • freispiel
Keine Ergebnisse
Alle Ergebnisse anzeigen
genau!
  • architektur
    • bauten
    • orte
    • diskurs
  • mensch
    • gespräch
    • herzstück
    • porträt
  • wort
    • essay
    • kommentar
    • freispiel
  • genau!
  • Newsletter
  • Kontakt
  • Mitgliedschaft
  • Anmelden
Keine Ergebnisse
Alle Ergebnisse anzeigen
genau!
in ausstellung

Fragmentarisch erinnern

Isabella MarboevonIsabella Marboe

Im Alten Spital in Solothurn thematisierte die Künstlerin Ingrid Gaier in der Ausstellung „Amnesia“ das vergessene Schicksal der dort aufbewahrten Waisenkinder.

Das Alte Spital in Solothurn ist ein imposanter Bau. Messerscharf an die Kante der Kaimauer gesetzt, spiegelt sich das dreigeschossige Haus mit dem dunklen Satteldach im Wasser der Aare. Es ist so lang, dass es den ganzen Raum zwischen der Wengi- und der Eisenbahnbrücke füllt. „ALTES SPITAL“ steht auf seinem Seitenflügel und noch einmal über dem Mittelrisalit mit dem Zeltdach. Hinter den hohen Fenstern mit den Rundbögen im ersten Stock befanden sich früher die Krankensäle.

An alle Waisenkinder im Alten Spital „Amnesia“@Ingrid Gaier

Schon am 22. Mai 1418 hatte Papst Martin V. die Stiftungsurkunde für das erste Solothurner Bürgerspital in der „minderen Stadt“ erlassen, um 1765 baute es der Architekt Paolo Antonio Pisani weiter aus, bis 1930 leistete es Kranken, Alten, Siechen, elternlosen Kindern und anderen Bedürftigen aller Art seine Dienste, erst dann wurde es vom neu gebauten Bürgerspital abgelöst, das einen Kilometer südlich im Schöngrün liegt.

Seit den 1980ern dient das ehemalige Alte Spital als Begegnungszentrum, ist sogar auf Orientierungspfeilen im Ort angeschrieben und hat sich zu einem überregional bekannten Kultur- und Kongresshaus entwickelt. Es nimmt auch Artists-in-Residence auf, die hier drei bis vier Monate ortsbezogen in Ruhe arbeiten können. Jeder Aufenthalt gipfelt in einer Ausstellung. Die Wiener Künstlerin Ingrid Gaier verbrachte vier Monate im Atelier im Alten Spital, sie beschäftigte sich intensiv mit seiner Geschichte, recherchierte im Stadtarchiv, der Zentralbibliothek und fand Register, die seit dem 17. Jahrhundert über die Belegschaft des Armenspitals geführt wurden. Es nahm auch viele Waisen auf, im 18. Jahrhundert wurde Solothurn regelrecht von ledigen Müttern überflutet, die im Gebärspital ihre Kinder zur Welt brachten und dann dort zurückließen. Ingrid Gaier suchte nach Spuren dieser Kinder, deren Existenzen längst in Vergessenheit geraten waren. Sie wurde zumindest fragmentarisch fündig und widmete ihnen die Ausstellung „Amnesia.“ Sie hätte an keinem besseren Ort gezeigt werden können als im Alten Spital.

Gaier befasst sich oft mit dem Vergessen. Sie hielt die Wohnung einer vom zweiten Weltkrieg und anderen Katastrophen ihres Lebenens traumatisierten, verstorbenen, alten Frau in einem experimentellen Dokumentarfilm (Noch bist du da) fest, holte das Werk der nach Island emigrierten jüdischen Schriftstellerin Melitta Grünbaum aus der Versenkung (Lebenszeichen) und nun in einem Raum im Alten Spital das verblichene Schicksal der Solothurner Waisenkinder der letzten Jahrhunderte ins Bewusstsein. Einzelne Mädchen und Buben lassen sich nicht mehr rekonstruieren, aus den Spitalsakten aber haben sich Vermerke erhalten, die Aufschluss über ihre Lebensumstände geben. Einige Sätze daraus stickte Gaier mit rotem Faden, der lose von den genähten Buchstaben baumelt, auf Taschentücher vom Solothurner Flohmarkt. Deren altem, gebrauchten Stoff sind viel Rotz, Wasser, Dreck, Trauer und Tränen eingeschrieben. Sie bilden gleichermaßen die Emotionen ab, vor deren Hintergrund diese Sätze verordnet und exekutiert wurden.

Die Künstlerin Ingrid Gaier vor einer fünf Meter langen, von ihr bearbeiteten Stoffbahn.

„Des Hingerichteten von Ramiswil Töchterlein bei Peter Schuhmacher Erhält Getreide für Erziehung, 1623“, steht da zu lesen. Oder „Der Vormund der Waisen begehrt auf das Hauptgut zugreifen zu können, 1644.“ Oder „Gemeinman soll die armen Kinder der Frau, die in ein „Stecken“ ab einem Kirsbaum zu Altreu gefallen ist, verdingen, 1635.“ Oder „Das Kind von Dulliken soll im Spital bleiben. Die Frau von Lammiswil, die selbst den Almosen nachgeht und die das Kind zu dingen begehrt, wird abgewiesen, 1633.“ Oder „Das junge Kind, das Konrad Heubergers Frau bei sich hat, soll Spitalsvogt in Spital nehmen, 1642.“ Das ist beachtlich, fiel doch jeder und jede Waise in der Obhut des Alten Spitals der Stadtkassa zur Last. Sie erzählen von einem frühen Versuch kommunaler Fürsorge und Gerechtigkeit, von Barmherzigkeit, Betrug, Leid, Milde, dem geltenden Recht und vielem mehr. Kinder brauchen Schutz und Obhut, wie leicht diese Abhängigkeit von Fürsorge mißbraucht werden kann, zeigt sich schon in diesen Sätzen, die fast vierhundert Jahre alt sind und seither nichts an Aktualität eingebüßt haben. In quälender Regelmäßigkeit kommen Fälle von Mißbrauch in kirchlichen, staatlichen, privaten und wohltätigen Erziehungsanstalten aller Art an die Öffentlichkeit.

Sehr berührend ist das „Lied der Waisen-Knaben im Solothurnerischen Erziehungs-Hause“. Es beginnt mit der Strophe „Brüder singt mit vollen Seelen! Laßt uns jede Freud’ erzählen, Die uns unser Glücke bringt! O wie herrlich sind die Freuden! Uns muß jedermann beneiden; drum o Brüder, singet! singt.“

Wie die Schicksale dieser Buben weiter verlaufen sind, weiß man nicht. Als Individuen existieren sie nicht, sie bleiben anonym, doch sie teilen ein kollektives Schicksal. Burschen arbeiteten in der Schafwollproduktion, eine sehr anstrengende, gesundheitsschädigende Tätigkeit oder wurden Stricker. Mädchen beschäftigte man oft im häuslichen Kontext, wo sie Weißwäsche nähten und bestickten.

Ingrid Gaier nahm Glasplatten von Fotonegativen mit Kindern und Familien von einem Altwarenhändler in Holland, die niemandem mehr zu zu ordnen sind. Sie ritzte deren Kontext weg, übertrug sie mit Bleistift auf Papier und machte dazu den Stop-Motion Film „Amnesia“. Er zeigt, wie die Kratzspuren langsam die Personen auf den Negativen überlagern, bis sie dahinter verschwunden sind. Allerdings nie zur Gänze: zwischen den Ritzen schimmert immer noch eine Ahnung durch. Der Film zeigt diesen Prozess auch umgekehrt und wiederholt ihn in Endlosschleife immer und immer wieder. Vergessen und Erinnern sind ein Prozess, der kontinuierlich unser ganzes Leben fortdauert. Waisenkinder werden gern vergessen, im übertragenen Sinn steckt in jedem und jeder ein Stück Waisenkind, ein Stück verdrängter, vergessener Hilflosigkeit, ausgeliefert, mißbraucht worden sein.

Ein meterlanges Textil mit Rostflecken füllt die gesamte Längswand des Raumes. Es symbolisiert die vielen schambesetzten Verbrechen, an denen Betroffene ihr Leben lang tragen. Rost bleibt für immer im Stoff, er lässt sich nicht aus- und abwaschen. Seine Spuren haben etwas sehr Organisches, sie zeichnen eine Art Landkarte auf den Stoff, erinnern aber auch an Brandflecken, Erde oder gestocktes Blut. Vieles lässt sich darin assoziieren, Ingrid Gaier nähte noch sehr, sehr delikate, alte Spitzenstickerei hinein. Viele Waisenmädchen wurden später als Mägde auf Bauernhöfe oder in bürgerliche Haushalte geschickt, viele nähten Weißwäsche, eine sehr feine, aufwändige Stick- und Näharbeit. Man trägt sie am Körper, wo alles beginnt und gab sie von Generation zu Generation weiter.

Ingrid Gaier – Amnesia

schaufenster

AzW - Architekturzentrum Wien
Ausstellung: Reichtum statt Kapital - Anupama Kundoo
ausstellung

Reich und schön

buch

Frizzi Krella in Damaskus

ausstellung

Fragmentarisch erinnern

Museumsquartier Libelle Wien ©Drone Project Robert Smely / O&O Baukunst
buch

Das O&O der Baukunst

WERBUNG

ähnliche beiträge

Ähnliche Beiträge

AzW - Architekturzentrum Wien
Ausstellung: Reichtum statt Kapital - Anupama Kundoo
ausstellung

Reich und schön

Unter dem kryptischen Titel „Reichtum statt Kapital. Anupama Kundoo“ zeigt das Architekturzentrum Wien eine faszinierende Ausstellung über die indische Architektin...

von Isabella Marboe
ausstellung

Beton für den Dom

Gute Architektur beginnt mit einer guten Bauherrenschaft. Der Linzer Dommeister Clemens Pichler beauftragte Peter Haimerl damit, die denkmalgeschützte Kathedrale zum...

von Isabella Marboe
MQ Libelle, 2020 © Ortner&Ortner, Wien
ausstellung

Arbeit an der Libelle

Die Ausstellung KOWANZ. ORTNER. SCHLEGEL in den unteren Ebenen des Wiener Leopold Museums umkreist sehr elegant und geschichtsbewußt die MQ...

von Gregor Schuberth
→ mehr anzeigen
  • architektur
    • bauten
    • orte
    • diskurs
  • mensch
    • gespräch
    • herzstück
    • porträt
  • wort
    • essay
    • kommentar
    • freispiel
  • architektur
    • bauten
    • orte
    • diskurs
  • mensch
    • gespräch
    • herzstück
    • porträt
  • wort
    • essay
    • kommentar
    • freispiel

Isabella Marboe
redaktion@genau.im

© 2024 genau!

journal für architektur, mensch & wort

Gefördert durch die Wirtschaftsagentur Wien. Ein Fonds der Stadt Wien.

Wirtschaftsagentur_Stadt_Wien_pos_BW.gif
  • Impressum
  • Datenschutz
  • Autor*innen
  • Sponsor*innen
  • Impressum
  • Datenschutz
  • Autor*innen
  • Sponsor*innen
  • Newsletter
  • Mitgliedschaft
  • Newsletter
  • Mitgliedschaft
Keine Ergebnisse
Alle Ergebnisse anzeigen
  • Home
  • architektur
    • bauten
    • orte
    • diskurs
  • mensch
    • gespräch
    • herzstück
    • porträt
  • wort
    • essay
    • kommentar
    • freispiel
  • genau!
  • Kontakt
  • Newsletter
  • Mitgliedschaft

© 2024 genau! journal für architektur, mensch & wort

Willkommen zurück!

Login to your account below

Passwort vergessen?

Retrieve your password

Please enter your username or email address to reset your password.

Einloggen