Das Buch „Spaces“ versammelt Pläne aller Häuser, die Josef Frank im Lauf seines Lebens entwarf und einige Fotos dazu. Sechs davon werden als Case Studies nach allen Regeln der Kunst genau analysiert. Mit den vielen Linien, die Raum- und Blickbezüge bewusst machen, wird das Buch selbst zu einer Case-Study für die hohe Kunst, die räumliche Komplexität von Franks Häusern auch am Papier dreidimensional zu erfassen.
Die Wiener Villa Beer von Josef Frank ist eine gebaute Antithese zur Villa Tugendhat von Mies van der Rohe in Brünn. Frank dachte künstlerisch und lebensnah, Mies van der Rohe akkurat bauhäuslerisch, mit Tendenz zum Dogmatismus. Für Frank war die Freiheit ein hoher Wert, die Villa Beer ist mit ihren vielen Raumhöhen, Nischen und Fensterformaten ein „Haus als Weg und Platz.“ Sie ist als kleine Stadt konzipiert, wie man die Möbel stellt und wo man wie viele Bilder aufhängt, ist der Bewohnerschaft überlassen. Bei Mies hingegen war weniger mehr und der Formwille des Architekten alles.

Trotzdem lud Mies van der Rohe 1927 Josef Frank als einzigen Österreicher zum Bau eines Doppelhauses in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung ein, das Interieur seines weißen, modernen Hauses mit Flachdach aber wurde als „Franks Bordell“ diffamiert. Er hatte es nicht mit kühlem Stahlrohr, sondern mit Möbeln seiner Firma „Haus & Garten“ eingerichtet. Sofas mit blumigen Stoffbezügen, bodenlange Vorhänge, Pölster, Teppiche und Stehlampen. „Man kann alles verwenden, was verwendet werden kann,“ schrieb er im Ausstellungskatalog. Natürlich war das eine Provokation, viel mehr aber Ausdruck seiner starken Abneigung gegen jede Form von Absolutheitsanspruch. Stile wie Bauhaus und Moderne empfand er schlicht als zu eindimensional.

„Möbel sollen ein Interieur nicht so reich oder so einfach, sondern so bequem wie möglich machen.“ Für Frank war die wichtigste Aufgabe der Architektur das Wohnhaus, eine Oase der Ruhe, in der man einfach man selbst sein konnte. Sein erstes Haus war das Haus Scholl, das er mit Oskar Strnach und Oskar Wlach 1913/14 plante, sein letztes zeichnete er im Jahr 1957. Es ist eines der vielen Fantasieprojekte, die nie gebaut, aber immer freier wurden – organische Grundrisse, die an Hans Scharoun oder Alvar Aalto erinnern.

House for Vienna XIII, 1926, perspective drawing, 1926 © ArkDes and Svenskt Tenn, Josef Frank Archive, Stockholm
Das Buch „Spaces“ von Mikael Bergquist und Olaf Michélsen versammelt alle Häuser, die Frank in seinem Leben entworfen hat. Sechs Häuser greifen sich die Autoren als „Case Studies“ heraus, um sie systematisch und umfassend einer klassischen Architekturanalyse zu unterziehen. Basis dafür bilden Franks originale Pläne, die mit ihren handgezeichneten Bäumen, Natursteinbelägen, Kieseln und leicht zittrigen, suchenden Nordpfeilen etwas sehr Berührendes haben. Zu einigen Häusern gibt es mehrere Varianten: das ist, als ob man ihm beim Entwerfen über die Schulter sähe. Auf den rosa Seiten am Ende des Buches finden sich alle chronologisch zusammengefasst.

„Joseph Frank ist zugleich ein komplizierter und ein einfacher Architekt,“ schreiben die Autoren in ihrer Einleitung. „Da ist eine täuschende Leichtigkeit seinen Zeichnungen und luftigen perspektivischen Skizzen – eine Atmosphäre, die einen verführen könnte, die Vielschichtigkeit seiner Architektur nicht sofort zu verstehen.“ Frank plädierte für eine Freiheit, die den Nutzer*inn ihren schlechten Geschmack und ihre geerbten Möbel zugestand. Was dem Entwerfer viel abverlangte: seine Architektur sollte einen Hintergrund schaffen, in dem sich das Raffinierte mit dem Banalen begegnen konnten. Sie fasst das Leben in all seiner Unplanbarkeit und wahrt dabei immer ihre Würde.

Dieses Buch nimmt einen schon mit seinem eigenwilligen, originellen Layout für sich ein. Welches Architekturbuch hat schon rosa Planseiten und rote Texte? Es enthält auch historische Schwarz-Weiß-Aufnahmen, handgezeichete Pläne und Skizzen, sowie bezaubernde Aquarelle von den phantastischen Häusern, die Frank nie baute. Diese Kombination aus Verspieltheit und Ernsthaftigkeit passt zu Architektur und Persönlichkeit von Josef Frank.
„Eine fundamentale Qualität seiner Architektur ist der Maßstab. Vom kleinsten Haus bis zum größten findet man immer dieselben räumliche Qualitäten. Frank war sich sehr bewußt, dass kleine Dimensionswechsel in der Architektur entscheidend sein können. Raumhöhen, die Größe und Anordnung eines Fensters, die Art und Weise, wie uns Licht durch ein Gebäude führt“, so die Autoren. Räumliche Qualitäten, Wegführungen, die Beziehungen von offenen zu geschlossenen Nischen, von innen und außen, Form, Volumen bis hin zu den Proportionen werden mit roten Linien, Pfeilen, Axonometrien und Fotos veranschaulicht. Die Strichstärke dieser Linien und die kontrastreichen Farben, in der die Raumbereiche angelegt sind, wirkt über Franks Plänen direkt grob, ist dafür aber umso deutlicher verständlich.

„Case Study House n.1“ ist das Claëson Haus in Fasterbo, das Frank zwischen 1924 und 1927 für seine Schwägerin Signhild und deren Mann Axel Claëson plante. Hier sind alle drei Versionen der Pläne abgedruckt. Die halbgewendelte Treppe wandert vom Rand in die Mitte und zieht sich dann als Wendeltreppe gleichermaßen zu einem Mittelpunkt zusammen, um den sich windradartig die Räume gruppieren, die eigentlich nur noch unterschiedliche, ineinander übergehende Bereiche sind. Man kann die Entwicklung vom konventionellen Ansatz zu dieser offenen Lösung nachverfolgen. „Um mehr Raum zu erzeugen, nutze ich oft angebaute „Taschen“, wird Frank zitiert. Er war ein schreibender Architekt, der die eigene Arbeit oft reflektierte.

„Case Study House no. 4“ ist die berühmte Villa Beer. Hier vermitteln besonders die hervorragenden Schwarz-Weiß Fotografien aus der Zeit, als sie noch von der Familie Beer bewohnt war, die räumliche Qualitäten dieses Hauses und wie es eingerichtet war. Hier ist man auch für die farbig angelegte Axonomie sehr dankbar.


Beim „Case Study House no.9“ handelt es sich um eines seiner Fantasiehäuser, es stammt aus einer Serie der Skizzen für dreizehn Häuser, die er für Dagmar Grill machte. Es ist völlig freigeformt. „Wenn du meine Theorien gelesen hast, dann steht da, dass wenn man eine Linie krumm zeichnet, ohne darüber als Grundriss nachzudenken, wäre das nicht immer noch besser, als ein sorgfältig gezeichneter, rechtwinkeliger Plan von irgendeinem funktionalistischen Architekten?“, schrieb er auf die Skizze, die mit 4. August 1947 datiert ist. „Könnte noch weniger Glas sein“, notierte er beim ersten Stock. Nummer neun war ihm der liebste seiner dreizehn Entwürfe, in diesem Projekt gibt es keine rechten Winkel und keine geraden Linien mehr.

Josef Frank – Spaces By Mikael Bergquist and Olof Michélsen Park Books





