Italien ist ein Land des schnellen Frühstücks am Tresen – Kaffee und Croissant und ab in den Tag. Gerät man an ein Hotel mit Frühstücksbuffet, kann auch das einen spezifischen Reiz entfalten.
„In Italien nie Frühstück“, sagt meine Tante, bekennender Gourmet und weltgereiste Stewardess. Es ging ums Hotel, mit Frühstück oder ohne. Ein starker Espresso in einer kleinen Bar auf einer italienischen Piazza und alles ist gut. Ich reise einige Preisklassen niedriger als Tantchen, immer ohne Frühstück, egal wo. Nicht aus kulinarischer Überheblichkeit, sondern weil ich lang schlafen will. Das wichtigste – den starken Espresso – gibt es in Italien überall so perfekt, wie man ihn in Wien lang suchen muss. Gegen einen italienischen Espresso, der dort unter „Caffè“ firmiert, ist der in der Bar des Wiener Imperial nur ein gestreckter Verlängerter. Wahrscheinlich darf man dort wirklich nur Champagner trinken.

Ich bin in Cervia, einem kleinen Städtchen an der Adria in einem Hotel, das so ist, wie die Hotels in Ulrich Seidls Film „Rimini“. Auch hier treten Life-Sänger und Sängerinnen auf, sommerbedingt draußen. Man hört sie weit, auf der Promenade vermischen sich Stile und Stimmen, hallen lang nach und machen Stimmung. Ein mit Inbrunst singendes Pärchen – er eine braungebrannte italienische Version von Hansy Hinterseer, sie langhaarig und sexy, der Keyboarder stoisch unbewegt, singen voll Inbrunst das Lied „Shallow“ aus „A Star is born“. Auch die Chemie zwischen ihnen ist die gleiche wie zwischen Lady Gaga und Bradley Cooper. Die Sängerin sieht ihr sogar ähnlich. Vor ihnen bildet sich eine Traube, wettergegerbte Haudegen wippen im Takt, Frauen mit feuchten Augen und einsamen Herzen tanzen, zwei kleine Mädchen vor der Bühne auch.

Mein Hotel ist eine Bettenburg aus den 1980ern, Frühstück inkludiert. Jedes Zimmer hat Balkon, läge meins auf der richtigen Seite und etwas höher, könnte ich vielleicht das Meer sehen, so sehe ich einen Hinterhof mit Müllplatz. Ich wache um zehn auf, eine Viertel Stunde später bin ich an der Rezeption und frage nach dem Frühstück. Um zehn war Schluss, die Rezeptionistin reagiert ganz freundlich. „Ich zeige Ihnen, wo es ist.“ Sie führt mich auf die Straße, einmal ums Eck, drei Hotels weiter in einen riesigen Speisesaal. „Lagomare“, heißt der mediterrane Kasten.
Der Speisesaal wirkt wie aus der Zeit gefallen. Baujahr 1980 plus, typologisch eine massentouristisch auf Klischees novellierte Kreuzung aus Hotelarchitektur der Jahrhundertwende und Postkommunismus. Vereinzelt finden sich solche Interieurs heute nur noch in Kantinen und Mensen, Einrichtungen, die am Zenit der Essenzustellung per App oder Bote schon antiquiert wirken. Der Saal ist riesig, von Natur aus halbduster, er liegt bestens geborgen in der Tiefe der Gebäudemitte. Kunstlicht hilft, die Fenster mit Blick auf die Promenade sind weit, die Wände bunt bemalt. Art brut, ein Konzentrat von mediterranem Lebensgefühl. Blaues Meer mit weitem Horizont, Schiffe, ein gelber Sandstrand voller Schirme, bunte Häuser, Blumen, nackte Engel mit Flügeln, aus denen eine Wandlampe ragt.

Der Patrone im weißen Hemd mit Gilet und schwarzer Hose sieht aus wie James Gandolfini von den „Sopranos.“ Etwa fünfzig, gedrungen, beginnende Glatze, das schüttere Resthaar darüber gekämmt, das Gilet spannt, die Hitze setzt ihm zu. All das wird mit höchster Zuvorkommenheit mehr als kompensiert.
Der Boden: Schachbrettmuster in grau und gelb, die Tische: quadratisch, mit gelben Tischtüchern unter wischfreundlichen Plastikplanen, darüber ockerfarbenes Einwegtuch in Stoffoptik, Plastikuntersetzer, Papierserviette, auf jedem Tisch eine Tafel mit Zimmernummer, handgeschrieben. Ich bin die letzte, nur noch eine Familie und ein Pensionistenpaar sitzen da. Der Tisch mit meiner Nummer befindet sich in der menschenleeren Tiefe des Saales. Der Patrone setzt sich zuvorkommend darüber hinweg und weist mir einen Platz bei der Kaffeemaschine zu. Menschen sind Herdentiere, ich bin froh, die letzten verbliebenen Frühstücksgenossen und -genossinnen in meinem Rücken zu wissen. Rasch legt die Kellnerin eine Papierserviette, Messer und Kaffeelöffel auf meinen Untersetzer. Die Tische rundherum tragen alle schon Mittagsgarnitur.

Der Kaffee aus der Maschine ist sehr passabel, Italien gewinnt selbst dem Massentourismus noch Würde ab. Die Stühle: Thonet, zwar Stahlrohr und Plastikgeflecht. Trotzdem. Die Form ist unkaputtbar, sie hat Stil. Das Geschirr: Espressotassen, schwarz und weiß, Porzellan, alle verschieden, alle in malerischer Unordnung umgedreht. Die daneben aufgestapelten Tellerchen haben mit ihnen nichts zu tun, aber das stört keinen großen Geist. Mit einer angedeuteten Verbeugung weist der Patrone auf das Buffet. Ich staune: auf sonnengelben Tischtüchern und Plastikplanen sind Kuchen und Kekse aller Art drapiert. Einige auf weißen Porzellantellern mit spitzenumsäumten Papierservietten, andere auf aluminiumsilbernen Tabletts drapiert. Kuchen, Muffins, Cantuccini, Brownies. Einiges ist beschriftet: Torta die Mele (burro, uova) steht auf einem Schild. Darunter: Apple pie (butter, egg). Oder: Crostata albicocca/ciliegia (burro, uova) – Apricot / Cherry tart (butter, egg). Lebensmittelkennzeichnungspflicht? Allergieverordnung? Rücksicht auf Menschen mit Weizen- oder Eiweißallergie? Nur die wenigsten tragen keine Aufschrift, bleiben also inkognito und fast unzuorenbar, irgendwie sind sie sich alle ähnlich. Ähnliche Farbe, ähnlicher Teig, ähnliche Größe. Großpackungen von Keksen im Plastiksackerl, die relativ lieb- und achtlos an der Spitze dieser Tortenanordnung liegen, bestärken den Verdacht.
Der Wille zur schönen Anordnung ist überall sichtbar. Abgepackter Zwieback, Kekse, Knäckebrot, Marmelade, Butter sind in geflochtenen Körben nebeneinander geschlichtet. Lieblosigkeit und Sorgfalt, industrielle Massenproduktion und der Wunsch nach Schönheit treffen hier überall aufeinander. Die Tetrapackungen mit Hafer-, Reis- und Sojamilch liegen in friedlicher Koexistenz in einer gemeinsamen Salatschüssel, die auf altrosa Tuch vor der Kopie einer antiken Statue posiert. Auch für Croissants – pur, Albicocca, Vaniglia, Cioccolato – gibt es Aluminiumtabletts, eine eigene Anrichte, altrosa Tuch und eine Skulptur. Dieses Frühstücksbuffet ist wie ein Gebirgszug, man schreitet ständig an Anrichten, Kredenzen und Tischen entlang, jede anders dekoriert, jede mit einer anderen Kultur an Essbarem besiedelt. Das Angebotene besticht weniger mit Qualität als vielmehr mit Masse und einer Vielfalt an Wahlmöglichkeit. Das Prinzip Selbstbedienung funktioniert verlässlich noch immer. Jeder und jede bedient sich, am nächsten Tag werde ich eine deutsche Mutter dabei beobachten, wie sie Kuchenstücke und Zwieback in Papierservietten packt und einsteckt. Wie meine Großmutter früher die Semmeln in einer kleinen Kärntner Hotelpension. Ich schämte mich fast zu Tode.





Meine persönlichen Höhepunkte in der Topografie dieses Frühstücksbuffets sind die Kaffeemaschine, die kreisförmige Anordnung der Mineralwasserflaschen und die Anrichte mit Joghurt. Heidelbeer oder Natur, Cerealien aller Art, Dörrpflaumen eingelegt in Wasser, Obstkompott aus der Dose. Die Schüsseln dafür stehen alle schon auf den Servierwagen der Kellner, alle gebraucht. Notfalls ginge eine Kaffeetasse. Ich frage den Patrone, er versteht – nickt, geht mit beschwingtem Schritt zur Espressomaschine und reicht mir eine Kaffeetasse. Es ist nicht leicht, sie mit Joghurt zu befüllen, ich lade mehrmals nach und bin nun wirklich die letzte. Der Patrone hat Hemd und Gilet abgelegt, sein Feinrippleiberl legt sich eng um seine Fettröllchen, am Rücken dezente Schweißspuren. Der Gürtel um die Hose ist so eng geschnallt, dass sie zwischen den Schlaufen Falten wirft. Er geht zum Buffet, das schon abgeräumt wird, stopft sich en passant eine Scheibe Toast und zwei Scheiben Mortadella in den Mund, und setzt sich dann über seine Kassabücher. Das Personal deckt im Akkord für Mittag weiter, auf das Buffet kommt ein dunkelrotes Tischtuch mit Rosenstickerei, auf jeden Tisch ein Behälter mit Grissini und Salzstangerl – alle abgepackt, diesmal Folie, gold und dunkelrot. Ein Kellner, der so mager ist, dass sich die Schädelknochen an seinen Schläfen abzeichnen, zieht auch sein Hemd aus. Er ist noch wesentlich dürrer, als die schlackernde Kellnerhose vermuten liess und dicht tätowiert. Ich bin bei meiner Torte angelangt und verspreche, mich zu sputen. Das Personal winkt freundlich ab, ich solle mir Zeit nehmen. Sie tratschen, lachen, einer summt sogar. Der Geschäftsführer kommt, spricht mit dem Patrone, kontrolliert das Besteck. Ich denke, er wird mich aufscheuchen, doch er fragt nur, woher ich käme. Austria, Vienna. „Schöne Stadt, Sachertorte“, sagt er. „Torta di Mela“, antworte ich. Meine Tante ahnt nicht, was sie versäumt.







