Auf dem Campus St. Michael der Erzdiözese Mündchen und Freising in Traunstein steht eine kleine Architektursensation. Dort setzten Anna Heringer und Lehm Ton Erde Baukunst den ersten bewitterten, freitragenden Lehmbau in Deutschland um.
Schon in der Ausschreibung legte sich die Bauherrin auf das Baumaterial Lehm fest. Mit Anna Heringer fand sie eine Architektin, die ihre Erfahrungen mit Stampflehmbauten aus Ländern des globalen Südens nun in Deutschland einsetzen konnte. Gemeinsam mit Martin Rauch und Lehm Ton Erde Baukunst in Schlins entstand ein Bau, der die Möglichkeiten des Materials auf beeindruckende Weise zeigt und in Deutschland neue Maßstäbe setzt.

Die Fassade zeigt Konstruktion und Material. In Schichten der gestampften Erde zeichnen sich Kieselsteine ab, sie stabilisieren die massiven Mauern und schützen sie vor eindringender Feuchtigkeit. Helle Streifen aus Trasskalk durchziehen den Lehm wie feine Adern und mindern die Erosion. An der Westseite wechseln die Fenster unregelmäßig zwischen größeren und kleineren Formaten; ihre hell gerahmten Laibungen werden mit der Zeit Patina ansetzen. „Ich habe mich ganz auf die Kraft des Materials verlassen“, sagt Anna Heringer. „Das war nicht einfach, weil die Bauvorschriften hier wie Naturgesetze angesehen werden. “ Davon aber ließ sie sich nicht beirren, in dieser Konsequenz liegt auch die Qualität des Projekts. Es vertraut auf die physische Präsenz, die Alterungsfähigkeit und die ökologische Logik von gestampfter Erde.
Der flache, bis zu zwei Geschosse hohe Baukörper fügt sich in das Zentrum des Campus in Traunstein ein. Seine vor- und rückspringenden Flügel mäandern zwischen dem denkmalgeschützten Internatsgebäude von 1929, einem Kindergarten und dem neuen Holzbau des Jungeninternats hindurch. Im Osten öffnet sich ein Hofplatz mit Brunnen, Steinstufen führen auf das begrünte Dach. Dort entsteht ein Garten mit Kräutern und Insektenhotel – ein weiterer Baustein des Nachhaltigkeitscampus.

Die tragenden Stampflehmelemente wurden in der Werkhalle von Lehm Ton Erde Baukunst in Schlins vorgefertigt und getrocknet. Auf der Baustelle wurden die bis zu 75 Zentimeter dicken Module wie übergroße Bauklötze in versetztem Muster montiert. So wirkt das Haus, als wachse es aus dem Boden heraus. Seine Wände bestehen aus reiner Erde ohne weitere Zusätze. Sie können weiterverwendet oder wieder in den natürlichen Kreislauf zurückgeführt werden – ein entscheidender Unterschied zu konventionellen Baustoffen.
Die Zulassung der Lehmwände war eine Herausforderung, mit Lehm in dieser Größenordnung zu bauen ist in Bayern Neuland, die Vorsicht der Behörden deshalb umso größer. „Es war mühsam, aber machbar“, resümiert Anna Heringer den Prozess. Auf dem Betonfundament des Gebäudes wurden insgesamt 967 vorfabrizierte Lehmelemente für 1850 Quadratmeter Wandfläche verbaut. Das entspricht einem Gesamtgewicht von 1817 Tonnen. Mit großen Lehmsteine samt 2-3 cm großen Holzklötzen wurden mit Schlaufen von einem Kran angehoben, die Hohlräume im Anschluss mit demselben Lehm wie die Module gefüllt.



Auch im Inneren prägt Lehm die Atmosphäre. Fotos (3) ©Theresa Buchberger
Auch im Inneren prägt Lehm die Atmosphäre. Das Lehmhaus bündelt zentrale Funktionen des Campus: ein Inklusionscafé der Caritas, einen Secondhand-Spielzeugladen, Büros der Stiftung, Co-Working-Flächen für nachhaltige Start-ups, den großen Erdensaal für Veranstaltungen sowie die Mensa der Internatsschüler. Alle Räume gruppieren sich um zwei Innenhöfe; Korridore werden zu kommunikativen Aufenthaltszonen. Tiefe Fensterlaibungen mit Sitznischen machen die Stärke der Stampflehmwände räumlich erfahrbar – Anna Heringer hat sie von der islamischen Architekturtradition nach Bayern übertragen.
Der unbehandelte Stampflehm verbessert die Akustik und trägt zu einem angenehmen Raumklima bei. Er speichert Feuchtigkeit, gibt sie zeitversetzt wieder ab und schafft so eine ruhige, erdige Stimmung. Kaseinoberflächen, gebrauchte Möbel und handwerklich gefertigte Einbauten ergänzen den Lehm, auch hier verbindet Studio Heringer lokale Ressourcen mit ihren Erfahrungen aus dem globalen Süden. Die bestickten Sitzkissen stammen von Dipdii Textiles aus Rudrapur in Bangladesch, einem NGO und Herzensprojekt von Anna Heringer, die Keramikwaschbecken aus einer regionalen Töpferei, die Karak-Fliesen aus Erde wurden in Vorarlberg gebrannt.

Das Projekt zeigt, dass Lehmbau nicht nostalgisch oder experimentell bleiben muss. In Traunstein wird er tragend, bewittert, öffentlich und alltagstauglich eingesetzt. Damit verschiebt dieses Lehmhaus die Maßstäbe des nachhaltigen Bauens in Deutschland. Es macht sichtbar, dass Klimaschutz, Kreislauffähigkeit, Handwerk und architektonische Qualität keine Gegensätze sind. Anna Heringers Erfahrungen aus Bangladesch erweisen sich dabei als produktiver Impuls für Mitteleuropa: Die Architektur der Industrienationen sollte sich drauf einstellen, dass sie vom Globalen Süden lernen kann.
Diesen Beitrag stellte uns Sandra Hofmeister von castello books zur Verfügung. genau! dankt herzlichst!







