Blickt man aus dem Bürofenster des ORTE Architekturnetzerks Niederösterreich, sieht man direkt auf die Justizanstalt Krems Stein. Ausgangspunkt für eine philosophische Stadtbetrachtung.
Am Anfang war der Stein. Blickt man aus dem Fenster des ORTE Büros in Krems, sieht man die Weinberge. Der Stein der Wachau ist der Löss, der eignet sich gut für den Wein. Er ist sehr weich und tonig. Man rutscht leicht aus. Zum Anbauen ist es ein guter, zum Bauen ein schlechter Grund.


Vor den horizontalen Linien der natürlichen, genau genommen der kultivierten Naturlandschaft verlaufen andere. Sie sind industriell gefertigt, gerastert, modular, steinhart und wasserundurchlässig. Waschbeton, mit kleinen Steinen, an den Kanten abgeschrägt, darunter beginnen die Fensterbänder aus schwarzem Metall. Es ist das Gebäude der Justizanstalt „Stein.“ Dort sitzen nur die härtesten Fälle ein.
Die Justizanstalt liegt an der Steiner Landstraße, kurz vor dem Steiner Tor. Man kann durchgehen. Durch die Justizanstalt Stein eher nicht. Da bleibt man drinnen. Oder geht hinein und wieder hinaus, als Justizwachebeamte – weiblich, männlich, Sternchen –, oder auch als Häftling – weiblich, männlich, Sternchen. Einmal vor der Haft und einmal danach.
„Ausfahrt freihalten“ steht auf einem Schild auf der Fassade der Justizanstalt. Müsste es nicht „Justizhaft- oder Justizstrafanstalt“ heißen? Ausfahrt freihalten. Käme man als Häftling, Häftlingin oder Sternchen mit Auto leichter hinaus? Allerdings haben die wahrscheinlich keine Autos.


Neben der Justizanstalt steht die Parkgarage vom Campus Krems. Auch Betonfertigteile, aber Sichtbeton, nicht Waschbeton. Hier ist alles glatt, dort bräuchte es einen Schliff. Allerdings würde das dem industriellen Betonfertigteil das letzte nehmen, was an ihm noch spezifisch ist. Den natürlichen Zuschlag, Stein, der wahrscheinlich aus Stein kommt. Die Garage hat keine Fenster, nur Öffnungen, davor Maschendrahtgitter. Gegenüber bei der Justizanstalt Stäbe aus massivem Eisen, dahinter Sicherheitsglas. Einbruchssicher, schusssicher, vor allem aber ausbruchssicher.
Die Kurve der Auf- und Abfahrtsrampe buchtet sich in einem schönen, runden Kreisbogen aus der geradlinigen Garagenfassade: hier kann man umdrehen, wenden, die Richtung wechseln. Die Wände der Justizanstalt gegenüber sind schnurgerade, sie ändern nur ein wenig ihre Fluchtlinie. Fluchtlinie statt Wendekreis. Flucht als Alternative zur Wendemöglichkeit, weil sie nicht möglich ist, denke ich. Vielleicht sollten die Häftlinge – weiblich, männlich, Sternchen – auch eine Wendemöglichkeit haben.

Auf dem matschigen Weg gleitet man leicht aus. Eine Frau mit rabenschwarz gefärbten Haaren überholt mich. „All we need is love“ steht auf dem Rücken ihres schwarzen Hoodie. Die Gefängnismauer ist hundert Meter lang und 7,5 Meter hoch, lese ich auf dem Schild, das die Kunst am Bau erklärt. Sie ist von Ramesch Daha und heißt 6.4.45. An diesem Tag geschah ein „Endphasenverbrechen.“ Angehörige der Waffen-SS, der Wehrmacht und der SA ermordeten damals 386 überwiegend politische Häftlinge, Daha übertrug Auszüge des Strafgefangenenregisters als überdimensionale Blaupausen an die Mauer. Nummer 986 Bellini Guiseppe, 981 Reiter, den Vornamen kann ich nicht lesen, 981, Reichl Franz, 984 Sarnitz Heinz, 1002 Hahn Johann.

Zwei Fenster zerschneiden einige Nahmen, ihre massiven Eisengitter sind rostig. Eisenbahngleise trennen die Justizanstalt von angrenzenden Campus. Hier könnte eine Wendemöglichkeit liegen. Sie empfängt einen mit der Campusordnung.
Dieser Text entstand im Rahmen des Workshops „Schreib mir die Stadt“ im ORTE Architekturnetzwerk.







