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Filmstill NAZA ©Polyfilm Verleih

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„Insanely fun“

Isabella MarboevonIsabella Marboe

NAZA bedeutet Kollateralschaden. So heißt der verstörende Dokumentarfilm von Yuval Abraham und Rachel Szor. 24 anonyme Angehörige des israelischen Militärs und Geheimdienstes berichten auf nächtlichen Flachdächern in Tel Aviv sehr präzise über ihre Aufgaben in der systematischen Abwicklung eines Massenmordes.

Zwei schwarze Männersilhouetten, meist im Profil, auf verschiedenen Flachdächern in Tel Aviv vor den Lichtern der Skyline dieser pulsierenden Stadt. Immer ist Nacht. Einer fragt, sein Gesicht ist zu sehen. Es ist Yuval Abraham, der mit Rachel Szor den Dokumentarfilm „NAZA“ gedreht hat. Vierundzwanzig antworten, jeder einzeln, einer nach dem anderen. Sie bleiben kaum mehr als Scherenschnitte, ihre Stimmen sind verfremdet, sie müssen anonym bleiben. Es sind Angehörige des Geheimdienstes und der israelischen Streitkräfte, einige aus Eliteeinheiten. Sie durchbrechen das Schweigetabu, das alle, deren Alltag die systematische Auslöschung anderer ist, zum kollektiven Ganzen verschweißt. Der Anteil an Technologie ist hoch, künstliche Intelligenz mache das Töten leichter, wird einer sagen.

Dieser Film besteht aus Gesprächen in der Finsternis, Skizzen, die jemand auf weißes Papier zeichnet, ein paar historischen Filmdokumenten, Alltagsszenen aus den Hochhäusern gegenüber, Sequenzen aus den Fernsehnachrichten – und zählt doch mit Sicherheit zu den eindringlichsten in der Geschichte des Kinos. Hier ist nichts Spekulation und alles Zeugenschaft. Das macht ihn so zwingend.

„Während wir NAZA filmten, stellten wir uns genau die Fragen, die sich bereits die Generation unserer Großeltern im gesamten 20. Jahrhundert stellte: Wie kann eine Gruppe von Menschen die vollkommene Entmenschlichung einer anderen zulassen? Wie sehen die inneren Abläufe eines solchen Systems aus?“, erzählen die Regisseure in einem Interview.

„NAZA“ ist ein hebräisches militärisches Akronym für Kollateralschaden. In Gaza bedeutet das, wie viele zivile Opfer für jeden mutmaßlichen Hamas-Kämpfer in Kauf genommen werden. Bis zu zwanzig zivile Opfer seien gestattet, jemand erinnert sich an die Zahl 500. „Das ist eine Kleinstadt in Israel.“ – „Ja.“ Was sich hier mit jedem Gesprächspartner mehr und mehr entrollt, sind die alltäglichen Routinen eines Genozids, der von einem der Gesprächspartner auch ohne zu zögern als solcher bezeichnet wird. Künstliche Intelligenz macht das Töten leichter – und effizienter. „Es ist wie ein Computerspiel“, sagt hier nicht nur einer.

Immer wieder fragt Yuval Abraham nach, versucht zumindest stückweise, besser zu begreifen. Immer wieder bittet er die Soldaten um Skizzen. In schlafwandlerischer Sicherheit zeichnen sie, was sie auf ihren Schirmen sehen, ihre Ziele: Hochhäuser in Gaza, jedes Geschoss drei Meter, Wohnblöcke, U-förmig um einen Garten angelegt, vier Geschosse, jeder Stock zwei Einheiten, jede Wohnung etwa fünf Personen. Jede Nachbarschaft ist von der AI farblich markiert. 25, 50, 75, 100 Prozent noch bewohnte und bereits evakuierte Quartiere. Das Ziel sei, erstere in zweitere zu verwandeln.

Jeder Mensch in Gaza hat ein Handy und jedes Handy wird zum Ortungsgerät des nächsten Ziels. „Where is Daddy?“ heißt das Programm, weil viele Telefonate von Kindern die Information zum Abschuss der Väter und ihrer Familien geben. Jedes Haus hat eine Nummer, es sind keine Menschen, keine Männer, keine Frauen, keine Kinder. Es sind Ziele. Ziele, die Selfies mit ihren lachenden kleinen Mädchen am Balkon auf ihren Handys haben, Ziele, die verzweifelt schreien, wenn sie ihre angeschossene Tochter bei lebendigem Leib verbrennen sehen, Ziele, die beten, die spielen, die schlafen. Die Soldaten sehen all das auf ihren Schirmen, sie hören die letzten Worte eines Menschen, bevor er stirbt. „Du fühlst dich ein wenig wie Gott.“ Einer schildert, wie sich die Leichen erschossener Menschen aufeinanderstapeln. Es sei kein zufälliges, es sei absichtliches Töten. „It’s so insanely fun.“

Filmplakat ©McLarenArt

Sehr viele grausame Sätze fallen, sehr viele grausame Skizzen entstehen. Ein Soldat zeichnet, wie ein Scharfschütze ein Kind, das sich bei einer Nahrungsmittelausgabe anstellt, erschießt und es fällt. Seine Hand kritzelt lange an der zusammengeknüllten Figur herum. „Es gibt Dinge, die erspare ich euch. Sie sind so grauenhaft, dass ich nicht darüber reden kann.“

Hin und wieder zoomt die Kamera näher, dann blickt man durch große Scheiben dem Zipfel eines Alltags in den Wohnungen dahinter zu. Die Hände einer Frau, die einen Kochtopf auswäscht, die Arme einer Mutter, die ihr Baby an die Brust drückt, ein paar entspannte Füße auf einem Lederschemel. Man sieht einen Alltag, aus dem palästinensische Familien an derselben Küste 60 Kilometer weiter einfach in den Tod gebombt werden. Nicht zufällig, absichtlich.

Immer wieder zerreißt die pulsierende Großstadt Tel Aviv mit ihrem berühmt-berüchtigten heißen Nachtleben das Dunkel. Irgendwann standen hier palästinensische Dörfer. Der Film zeigt einen Park, der Torso eines arabischen Hauses steht noch dort. Das letzte Relikt, der erste Vorbote einer schleichenden Entwicklung. Man sieht die Wellen des Meeres an den Strand branden, sechzig Kilometer weiter auf demselben Strand stand einmal Gaza City. Auch eine pulsierende Stadt, auch Strandleben, auch Hochhäuser. Heute ist es eine Wüstenlandschaft, nichts als eine planierte Fläche.

Holocaust Memorial Day in Tel Aviv. Kollektive Trauer, alle Autos stehen still, Bibi Netanyahu spricht, aller Häupter senken sich betroffen. In Gaza geht das Morden weiter.

Die letzte Szene ist die einzige und erste aus Gaza. Sie ist drei Jahre alt. Wie Gaza heute aussieht, will man sich gar nicht ausmalen. Es gibt noch Ruinen und sehr viel Schutt. Ein einstürzendes Haus begräbt eine Familie unter den Trümmern, der verzweifelte Vater läuft darauf zu, kriecht über den Schutt, in den Spalt unter dem zerborstenen Flachdach und sucht seinen Sohn. „Said! Said!“, ruft er verzweifelt. „Warum hast du nicht auf deine Schwester aufgepasst?“ Die Kamera filmt in den Schlitz – kleine, tote Füße und staubige Knie lugen hervor, einige Kinder, nebeneinander. Eine Hand legt sich auf den Rücken des Trauernden. Erstmals Mitgefühl.

Fünf Jahre lang hatten Yuval Abraham und Rachel Szor gemeinsam mit Basel Adra und Hamdam Ballal den Film „No Other Land“ gedreht, der die Zerstörung des palästinensischen Dorfes Masafer Yatta dokumentiert. Er zeigt viel kalkulierte Gewalt auf israelischer sowie sehr viel Ohnmacht, Schmerz, aber auch Wärme und Zusammenhalt auf palästinensischer Seite. „Unsere Kritik hat sich immer auf Verbrechen konzentriert, die systemisch sind“, sagen Yuval Abraham und Rachel Szor in einem Interview. „Wir wollten mit „No Other Land“ ein umfassenderes Bild eines Systems der Besatzung und ethnischen Vorherrschaft zeichnen, das auf die Vertreibung der Palästinenser aus dem Westjordanland abzielt.“ Der Film endet unmittelbar vor den Ereignissen des 7. Oktober 2023 und ist wieder erschreckend aktuell.

„NAZA“ wurde von The Guardian und James Wilson (JW Films) produziert, Executive Producer ist Jonathan Glazer, der Regisseur von „The Zone of Interest“. Der Film feierte im September 2026 bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig seine Uraufführung und wurde mit dem Sonderpreis der Jury ausgezeichnet.

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