Der Wiener Glasverlag Lobmeyr zählt zu den traditionsreichsten österreichischen Unternehmen, das Geschäft auf der Wiener Kärtnerstraße existiert seit 1895, die Architekten Hubmann & Vass adaptierten es sehr behutsam.
In der New Yorker Met, dem dortigen MoMA, im Wiener Musikverein oder dem Sacher: Luster von Lobmeyr finden sich in den besten Häusern. Spiralnebel und Sternenbahnen inspirierten Hans Harald Rath zu seinem Kronleuchter „Metropolitan“ in der Met. Er entwarf ihn 1963 und traf damit den Nerv der Zeit. Im Musikverein hängt passend zur Institution ein „Wiener-Grüstl“ aus dem Biedermeier. Es wurde 1820 von Josef Zahn & Co entworfen, drei Jahre später eröffnete der Glasergeselle Josef Lobmeyr in der Wiener Weihburgasse sein erstes Geschäft. Als Meister übersiedelte er ein Jahr später an das prominente Eck gegenüber, begann mit eigenen Entwürfen und avancierte zum Hoflieferanten.

Ehrgeizig, qualitätsbewusst, experimentierfreudig und innovativ drang sein Sohn Ludwig in neue Dimensionen vor. Seine Designs sind längst Klassiker, er gründete das heutige Museum für angewandte Kunst mit, war 1867 auf der Pariser, 1873 auf der Wiener Weltausstellung vertreten, stattete 1882 die Redoutensäle mit den ersten elektrischen Lustern aus. Dann fiel sein Geschäft auf kaiserlichen Befehl der Verbreiterung der Kärntner Straße zum luxuriösen Einkaufsboulevard zum Opfer. 1896 eröffnete er auf Anraten Otto Wagners ebendort seinen neuen „Flagship-Store“ auf Nummer 26.
Architekt des Häuserblocks mit der einheitlichen Portalzone war Wurm von Arnkreuz. Als erster Mieter konnte Lobmeyr in die Planung eingreifen. Sein Geschäft erstreckt sich über drei Geschosse und ist sehr tief. Ganz hinten führt eine ausladende Freitreppe in schwungvollem Bogen auf die umlaufende Galerie, die von verzierten Säulen getragen wird. Auf diese Galerie folgt eine weitere. Ihre Stützen sind wesentlich filigraner, ihr Geländer aus industriell gefertigtem Maschendraht wurde in den 1970er Jahren von Architekt Karl Mang in einem Raster geplant, der sich durchaus mit dem Bestand verträgt. Ansonsten vertrug sich die Massenware vom Fließband mit ihrem zart besaiteten Umfeld nicht wirklich. Hubmann & Vass überlegten lange und setzten schließlich einen haptisch angenehmen Handlauf aus Eichenholz auf das Geländer. Der kleine Eingriff wirkt erstaunlich verbindlich.
Keine schnelle Skizze
Seit 2012 arbeiten die Architekten Hubmann & Vass an der umfassenden Neugestaltung des Geschäfts. Als sie ihren Auftrag übernahmen, lag am Boden ein zerschlissener grüner Teppich und hingen unzählige Luster von der Decke. „Ich will gar nicht denken, wie es ausgesehen hat“, sagt Andreas Rath. Er führt gemeinsam mit seinen Cousins Leonid und Johannes das Unternehmen in sechster Generation. Die erste Besprechung verlief alles andere als vielversprechend. Die Bauherren baten „um eine schnelle Skizze, was wir verändern können.“ Damit waren sie bei Hubmann und Vass falsch, glücklicherweise hatten sie die Größe, mit ihnen einen Dialog zu beginnen, der bis heute andauert.


„Glashandlung, gegründet 1823“ steht in Goldlettern auf der Glastür, die zwischen den flankierenden Schaufenstervitrinen eingerückt ist. Das schafft eine kleine Schwelle am Übergang vom Gewusel der Fußgängerzone in die gepflegte Welt erlesener Glaskultur und definiert die Tiefe der Auslagen. Eine hübsche Glashändlerin und ein junger Glasbläser aus Zinkguss rahmen das Glas im ersten Stock. Sie trägt einen Glaspokal, er einen Blasebalg. Eine Verbeugung vor dem Handwerk, dem Gläser, Vasen und Luster ihre Existenz verdanken. Hinter ihren Formen stehen die größten Architekten und Gestalter ihrer Zeit. Ludwig Lobmeyr, Theopil Hansen, Adolf Loos, Josef Hoffmann, Oswald Haerdtl, Stephan Rath bis hin zu zeitgenössischen Designern wie Stefan Sagmeister, Marco Dessi, mischer’traxler arbeiteten für Lobmeyr.

Das Portal wurde von den profiliertesten, selbstständigen Restauratoren und Restauratorinen der Stadt befundet, Hubmann & Vass habe es mit viel Expertise sorgfältig saniert. Tausend Arbeitsstunden fallen da schon an. „Unser Ziel war maximale Transparenz“, sagt Vass. „Im Wien um 1900 gab es keine Auslagen im heutigen Sinn, an allem herrschte eine Überfülle. Man zeigte so viel wie möglich. Die Kärntner Straße war damals die teuerste Geschäftsstraße Wiens. Heute wird Exklusivität durch Offenheit vermittelt.“
Gründerzeitliches Einkaufserlebnis
Ein Oberlicht krönt das dreigeschossige Atrium in der Mitte, das Geschäft ist eines der wenigen erhaltenen Zeugen luxuriösen Konsums des Wiener Historismus. Arnkreuz kostete dessen Stilvielfalt genussvoll aus. Er türmte ionische auf korinthische Säulenkapitelle, verzierte den Schaft mit Figuren und überzog die Decke mit Rauten aus Stuck. „Eine tiefe Vorzone und ein großes Verkaufsatrium war typisch für die damalige Wiener Einkaufskultur“, erklärt Vass. „Die Waren wurden an den Wänden präsentiert. Das ist eines der letzten Orte, wo man das noch 1:1 erleben kann.“ Selbst die originalen Vitrinen finden sich hier. „Sie sind aus Holz, haben aber schon Eisenverbindungen“, ergänzt Hubmann. Im zweiten Stock, der Schausammlung über 200 Jahre Lobmeyr Glaskunst, wurden die Vitrinen bereits rahmenlos neu verglast und die Lichtlösung auf den neuesten Stand gebracht. Sie bringt die Schönheit der Glasobjekte zur Geltung, ist kaum sichtbar und essentiell für die Präsentation. Denn das Licht zeichnet Konturen nach, seine Reflexion macht Körper spürbar.
Spiegel an den Rückwänden erweitern den Raum. Was die Dichte der Präsentation ursprünglich noch steigern sollte, wirkt für heutige Sehgewohnheiten gerade im Verkauf überfordernd. Der Untergrund spielt da als Kontrast eine wichtige Rolle. So experimentierten die Architekten im Erdgeschoss mit dunkelgrauem Karton, der die Spiegel teilweise abdeckt. So bleibt raumerweiternde Wirkung bestehen und kommen die zarten Gläser klarer zur Geltung. Nicht der Preis, die Angemessenheit und der Umgang mit einem Material führen zu Qualität.

Alle Objekte sind so wertvoll wie zerbrechlich. Trotzdem stehen einige ausgesuchte Stücke frei auf Möbeln im Raum. Vor Jahren hatten Hubmann & Vass ein altes Flugdach aus Beton entdeckt, das schichtenweise abgeplatzt war. Sie experimentieren drauf mit verschiedenen Betonmischungen, um einen ähnlich ephemeren, informellen Effekt zu erzielen Die Tischplatten aus Beton mit der veredelten Oberfläche im Geschäft wirken wie die Schalen von Austern auf stacksigen Stahlbeinen. „Es geht auch um die Präsentation der Warengruppen und praktische Fragen wie die Organisation des Geschäfts“, sagt Vass. Fast alle neuen Möbel sind flexibel, variabel nutzbar und auch zum Messeeinsatz geeignet.
Hundert Jahre Weltausstellung 1925
Im ersten Stock widmet Lobmeyr dem Jubiläum der Pariser Weltausstellung des art décoratifs et industriels im Jahr 1925 einen kleinen Raum. Auch dieser wurde von Hubmann & Vass gestaltet.Auf dieser Schau der Superlative kam die Stilrichtung des Art Decó zu ihrem Namen. Deutschland war nicht eingeladen, Österreich sehr wohl. Zugelassen waren nur Objekte im „neuen Stil.“ Joseph Hoffmann kuratierte den österreichischen Pavillon, in dem die Wiener Werkstätte und moderne Architekten (Oskar Strnad, Josef Frank) vertreten waren. 15.000 Aussteller aus 18 Ländern präsentierten, 16 Millionen Besucher und Besucherinnen kamen.


Im Wiener Kunst – und Kulturleben geht dieses Jubiläum weitgehend unter. Für Österreich war die Weltausstellung ein wirtschaftliches Desaster, für Lobmeyr ein fulminanter Erfolg. Als einziges hiesiges Unternehmen hatte man darauf beharrt, in einem eigenen Raum vertreten zu sein. „Gut, dass wir standhaft geblieben sind, wir wären sonst untergegangen“, notierte Stephan Rath, der Neffe des Firmengründers in sein Tagebuch. Man hatte nämlich eine neue Produktlinie aus hauchdünnem Mousselinglas zu zeigen, das hier seinen internationalen Durchbruch feierte. Ludwig Lobmeyrs Service des Jahres 1856 inspirierte Oswald Haerdtl zum bahnbrechenden Design seiner Mousselingläser, die heute unter dem lapidaren Titel OH 1925 firmieren.


Dünnwandige Glasobjekte in originalen Vitrinen so zu präsentieren, dass ihre transparente Leichtigkeit optimal zur Geltung kommt, ohne die Lichtquelle zu bemerken ist eine große Kunst. Der Architekt und Bühnenbildner Oskar Strnad beherrschte sie perfekt: er entwarf die kleine Koje von gerade zwei mal zwei Meter, hinter nachtblauen Samtvorhängen fiel indirektes Licht auf eines der wichtigsten Stücke. „Die Sockel der Gläser waren goldgerahmte Spiegel, das Glas muss von innen geleuchtet haben“, sagt Andreas Vass. Vor schwarzem Hintergrund kam es in all seiner fast magischen Zartheit optimal zur Geltung kam.
Bei Lobmeyr sind nun viele der originalen Exponate von damals in Glasvitrinen zu sehen und einige Entdeckungen zu machen. Auch Frauen waren vertreten: Lotte Fink zeichnete eine emanzipierte Jagdgöttin Diana, die zwanzigjährige Marianne Rath spielte in einer sehr abstrakten Vase aus dickwandigem Glas mit dessen Masse. Die Antithese zu Haerdtl, der das Mousselinglas bis an seine Bruchgrenze ausreizte. Seine Kugeldose hat die Anmutung einer Seifenblase, ihr Griff wirkt wie ein hochspringender Wassertropfen. Nur eine Handvoll Glasbläser weltweit können seine Skizzen zur Kugeldose machen. Und das nur sonntags, wenn es in der Glashütte ruhig ist.








