„Die obsolete Stadt – Wege in die Zirkularität“ liest sich schockierend. Doch gerade die Bauten und Infrastrukturen, die heute obsolet und aus der Funktion gefallen sind, könnten die Zukunft der Stadt retten. Stefan Rettich und Sabine Tastel zeigen in diesem Buch Wege dorthin.
„Obsolet ist ein Gegenstand dann, wenn er nicht mehr gebräuchlich, im schlimmsten Fall so abgewertet ist, dass er als regelrecht überflüssig wahrgenommen wird“, steht auf Seite 41 im Buch „Die obsolete Stadt – Wege in die Zirkularität“ von Stefan Rettich und Sabine Tastel. Das klingt alarmierend. Umso mehr, wenn man weiß, dass 2007 erstmals mehr als 50% der Menschheit in Städten oder städtischen Agglomerationen lebten und es in fünf Jahren bereits über 60% sein sollen.

Das Obsolete einer Stadt meint ebenjene Bauten und Infrastrukturen, die der Klimawandel, sowie gesellschaftliche und technologische Transformationsprozesse um ihre Nutzung gebracht und daher obsolet gemacht haben. Ausgerechnet in ihnen aber liegt ein Schlüssel zu einer Urbanität im Kreislauf. Der Boden auf dem sie stehen, die Materalien, aus denen sie gebaut sind, das CO2, das letztere binden, den Ort, den sie bilden, das kulturelle Wissen, das sie bergen: all das sind wertvolle Bausteine einer umweltverträglicheren, resilienteren Stadt von morgen. Dafür steht der goldene, leicht gedellte Kreis am Cover. Auch das Unrunde passt: Denn die obsoleten Bauten und Infrastrukturen müssen ihren Platz und ihre spezifische Funktion erst finden.

Um welche Dimensionen es sich dabei handelt, wird schon an den ersten doppelseitigen, ursprüglich schwarz-weißen Fotos deutlich. In symbolträchtiges Gold getaucht, sind sie dem Beginn des Buches vorangestellt. Das erste zeigt Möbel Höffer, Holsteiner Chaussee 130, 22523 Hamburg: eine riesige Halle, vermutlich bereits erweitert, wie sie für den Fachmarkthandel üblich sind. Es gibt sie an unzähligen Autobahnein- und Ausfahrten an den Rändern jeder größeren und mittleren Stadt der westlichen Welt. Leicht ortsangepasste Systembauweise, rundherum ausreichend Parkplätze. Gut automobil erreichbar, die informative Bildunterschrift hat es in sich: 39.000 m2 Verkaufsfläche, 21.800 m² Parkplatz.
Nächste Seite: IKEA und Bauhaus, Unterer Landweg 77, 22113 Hamburg. 19.800 m² Verkaufsfläche IKEA, 12.180 m² Verkaufsfläche Bauhaus, 50.760 m² Parkplatzfläche. Diese beiden Großmärkte grenzen im Süden an ein locker bebautes Einfamilienhausgebiet. Das gilt auch für den IKEA am Wunderbrunnen 1, der es auf 18.550 m² Verkaufs- und 22.460 m² Parkplatzfläche bringt. Was für eine Ressource, die Obsoleszens eines Großteils dieser Typologie zeichnet sich schon ab: Die Verlagerung in den Online-Handel setzt dem stationären Verkauf massiv zu, die Zahl an Leerständen steigt, was sich in Geschäftstraßen schon geraume Zeit deutlich bemerkbar macht. Kleinere Einzelhändler in Innenstadtlagen sind davon ebenso betroffen wie Einkaufszentren und Kaufhäuser. Flaggschiffe der letzteren Gattung sind unlängst medienwirksam gemeinsam mit René Benkos Signa gescheitert.

„Nein, dieses Buch ist kein Anschlag auf die Stadt als soziales, politisches und kulturelles Projekt – ganz im Gegenteil“, stellt das Autorenduo schon im Vorwort klar. Es zeigt eine Gegenstrategie zu verantwortungsloser Verbauung und Bodenspekulation auf. Ein gravierendes Problem mit weitreichenden Folgen. Betrug der Wert einer Immobilie in Deutschland noch vor wenigen Jahren die 15-20 fache Nettokaltmiete, liegt er nun beim über 40-fachen. Auf dem Grundstück eines ehemaligen Mineralöltanklagers in Spreelage wollte der deutsche Werk Bund Berlin e.V. 2014 ein Vorzeigequartier entwickeln. Als die Bodenwerte vier Jahre später von 200 €/ m² auf 2000 €/ pro m² angestiegen waren, verkaufte die Spreebogen Projektmanagement Gesellschaft das Gelände. So viel Gewinn bei so wenig Risiko führt dazu, dass immer noch viel zu viel Grund verbaut und günstiger Wohnraum zur Mangelware wird.

Rettich und Tastel sind überzeugt: Die Stadt von morgen ist schon da, es muss nicht mehr Land verbraucht, sondern nur das Obsolete sinnvoll genutzt werden, um künftiges Wachstum zu stemmen. Und das noch dazu im Kreislauf. Diese Strategie ist nicht neu: Die Geschichte kennt viele Phasen der Transformation, die zum Verschwinden gewisser Typologien und damit zu einem mehr oder großflächigen Stadtumbau führten. So machte erst das Schleifen der obsoleten Festungsanlagen den sozialgeschichtlichen Wandel im 19. Jahrhundert möglich. In Hamburg wurden dadurch 95,4 Hektar frei, das Wiener Glacis war bis zu 450 Meter breit und sehr beliebt. Trotzdem trennte sich die Stadt davon, machte der Ringstraße Platz, für deren Gestaltung man einen internationalen, städtebaulichen Wettbewerb ausschrieb. Damals ein Novum, von dem Wien bis heute zehrt.

Als wesentliche Treiber einer Transformation machen die Autoren folgende „Megatrends“ fest: Die Säkularisierung und Inividualisierug der Gesellschaft, die Mobilitätswende und die Digitalisierung, die einen einschneidenden Wandel von Handel, Arbeit und Kultur mit sich bringt. All diese Prozesse verlaufen schleichend, doch unüberseh- und unaufhaltbar. Auf dem Weg zur autofreien Stadt der kurzen Wege werden viele einschlägige Infrastrukturen obsolet, die zunehmende Säkularisierung erzeugt laufend einen immer größeren Leerstand an Kirchen und Pfarrgebäuden, die Digitalisierung umfasst alle Lebensbereiche. Diese grundlegende Wandel manifestiert sich natürlich auch in der Stadt. Veraltete Industrien hinterlassen riesige Fabriksbestände, die ihrer ursprünlichen Nutzung enthoben und obsolet geworden sind. Die Covid-19 Pandemie ebnete dem Home-Office den Weg, das nun viele Büroflächen überflüssig macht. Plattformökonomien wie Amazon und Foodora wirken sich massiv auf den Handel und die Arbeitswelt aus. Streaming-Dienste bringen Kinos zum Verschwinden.

Diese ausgemusterten Altbauten einfach als Altstofflager zu betrachten, brauchbares Baumaterial sortenrein zu trennen, so effizient wie möglich weiter- und wieder zu verwenden, den Rest abzureißen und neu zu bauen, greift viel zu kurz. Im Gegenteil: es ändert nichts an der Problematik, die allem zugrunde liegt. Denn letztlich geht es um den Kampf um Boden als endliches Gut. Dieser lässt sich nur dadurch vermerhren, man ihn noch dichter bebaut. Abriss und Neubau sind dabei ein beliebtes, bewährtes und erfolgreiches Geschäftsmodell, das der Kreislaufwirtschaft massiv im Wege steht. Bestandsbauten bergen nämlich auch sehr viel graue Energie, sie sind gleichermaßen CO2-Speicher und als solche aus ökologischer Sicht dem Neubau immer überlegen.

Stefan Rettich und Sabine Tastel extrahieren sechzehn unterschiedliche Bautypen aus den Sparten Handel, Kultur, Arbeit, Verkehr und Kirche, die sich aber auch als Typenfamilien zusammenfassen und unterschiedlich kombinieren lassen. Zur Disposition stehen Ladenlokal, Fachmarkt/Discounter, Shoppingmall, Kaufhaus, Messe, Kino, Gewerbehalle, Industrieareal, Büro, Autohaus, Tankstelle, Parkhaus und -platz, Flughafen, Friedhof und Kirche. Wie sich diese in den komplexen Strukturen einer Stadt kombinieren lassen, liest man am besten selbst nach.
Rettich und Tastel analysieren den Umgang mit Stadt sehr gründlich, sowohl historisch, als auch rechtlich. Sie zeigen bereits bestehende Instrumentarien wie die sanfte Stadterneuerung auf und haben zuletzt die Stadt Hamburg als Modellfall auf ihr Transformationspotential abgeklopft. Für alle, die sich für städtiche Strukturen und den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen interessieren, ein sehr lesenswertes Buch, das mit vielen Fakten und genauer Recherche punktet. Es zeigt sehr überzeugend auf, wie die freiwerdenden Flächen durch eine kluge Umnutzung zu einem entscheidenden Faktor auf dem Weg zur Kreislaufwirtschaft werden können. Eine wesentliche Voraussetzung dazu ist, sie nicht nur als Einzelobjekte, sondern gleichermaßen systemisch in ihrer Ganzheit zu betrachten. Denn der Weg in die Zirkularität kann nur ein gesamtheitlicher sein.







