Achtzehn Jahre ist es her, dass die Müllverbrennungsanlage Pfaffenau eröffnet wurde. Hinter der schnittigen, orangen Karosserie, die sie zur Landmark macht, stecken Architektin Sne Veselinovic, die Architekten Herwig und Erwing Resetarits, sowie das Statikbüro Gmeiner Haferl.
Der Blick in das Innere des Bunkers der Müllverbrennungsanlage Pfaffenau ist gewaltig: 18.000 m3 Müll. Berge von Stoff, Metall, Plastik, Nylon, Behältnissen, Restmüll in der vorderen, Industrieabfälle in der hinteren Kammer. Ebene sechs ist gleichermaßen die Kommandozentrale: Hier ist der Monitorraum und hier sitzt der Kranfahrer in seiner Kabine. Draußen kontrollieren zwei Kollegen den Wasserdampf. Vier Männer, mehr braucht diese Anlage nicht zum Betrieb. Mit einem großen Greifer mischt der Kranfahrer den Müll ordentlich durch und wirft ihn in einen der zwei Verbrennungsöfen. Dort wird er bei mindestens 850° Celsius verbrannt, in der Flamme sind es 1.000°. Bis zu 32 Tonnen Müll pro Stunde werfen Greifer in die Rostfeuerung, bis zu ca. 750 Tonnen pro Tag, bis zu 250.00 Tonnen im Jahr. Die Rauchgase werden zu Strom für 25.000 und Fernwärme für 50.000 Wiener Haushalte umgewandelt.

Nach einer rekordverdächtigen Bauzeit von zwei Jahren und acht Monaten wurde die Müllverbrennungsanlage Pfaffenau im Jahr 2008 eröffnet, den zweistufigen EU-weiten Wettbewerb zur Gestaltung der Anlage inklusive Betriebs- und Portiergebäude hat die ARGE Veselinovic/Resetarits/Gmeiner-Haferl gewonnen.Auch hinter der schnittigen Karosserie der Müllverbrennungsanlage Pfaffenau steht eine Frau. Architektin Sne Veselinovic plante sie zwar nicht allein, sondern in einer Arbeitsgemeinschaft mit Herwig und Erwing Resetarits, sowie dem Statikbüro Gmeiner Haferl. 18 Jahre danach erweist sich die Großform als absolut unmodisch: Sie hat die Prüfung durch die Zeit bestanden. Die Umgebung ist geprägt von Industrie, gegenüber befindet sich die Sondermüllverbrennungs-, dahinter die Hauptkläranlage, städtebaulich herrschen Wildwuchs und Lieblosigkeit. Die Müllverbrennung Pfaffenau hebt sich deutlich davon ab: Sie wirkt als Landmark. Selbst die Anlage, die inzwischen daneben gebaut wurde, schmälert ihre Wirkung nicht.
„Städtebaulich ist die Müllverbrennung sehr relevant. In Simmering gibt es eine Tradition herausragender Industriebauten wie der Gasometer, an die wir anknüpfen wollten“, sagt Architektin Sne Veselinovic. Die technischen Anlagen und ihre Anordnung waren zwingend vorgeschrieben, die Architektin und die Ingenieure beschlossen, sie als markante Großform zusammenzufassen. Eine Unterkonstruktion aus Stahl gibt der Streckmetallfassade eine dreidimensionale Form und macht sie zu einer präzise gearbeiteten Bauplastik. Deren rautenförmige Struktur ist belastbar, raumbildend und transluzent. Man sieht die Konturen der Anlage, ihre Baukörper und Freiräume genau.


Wie die Karosserie eines schnittigen Rennwagens gleitet die südliche Längsfassade der Müllverbrennungsanlage aus pulverbeschichtetem orangem Streckmetall an der Johann-Petrak- Gasse entlang, wo auch die Zufahrt ist und die Portiersloge liegt. Im Norden verläuft die Simmeringer Lände am Donaukanal entlang, hier macht die Fassade einen leichten Knick und es gibt Rankgitter für Pflanzen. 265 m liegen zwischen der Zufahrt und dem letzten Bauteil im Osten, aus dem ein Schlot 86 m hoch in den Himmel ragt. Mit einer dynamischen Linienführung steigt die Fassade bis auf die 52 m Höhe an, wo sich der Kranrevisionsplatz befindet, der bereits in die Hochhausverordnung fällt. Von hier fällt die Gebäudehülle bis zur Ladefläche der Müllfahrzeuge schräg ab und bildet ein transluzentes Dach aus, das in die beiden Seitenflanken übergeht, die leichtgliedrig wie die Fühler eines Insekts spitz auf den Boden zulaufen.
Zwischen ihnen aber liegt eine 100 m breite umwelttechnologische Maschinerie: eine Vergärungsanlage der Biogas Wien, Müllbunker, Abhitzekessel, Elektrofilter, Wäscher, Aktivkohlefilter und Denoxanlage. Diese technischen Bauten bestimmten das Gebäudevolumen. „Die Zusammenarbeit mit der Anlagentechnik war sehr professionell“, sagt Veselinovic. Souverän bändigt die Müllerverbrennungsanlage gewaltige Dimensionen in eine elegante Großform und setzt so ein selbstbewusstes Zeichen. Die Architektin arbeitete viel am Modell und betrachtete.


Zur Zeit des Wettbewerbs – 2003 – war Streckmetall noch ein sehr exotisches Material, die Rautenstruktur der 1,5 mal 3 m großen Paneele ist mit 24 cm außergewöhnlich grobmaschig. „Man sieht diese Karosserie vor allem vom Auto aus, wir haben gewaltige Dimensionen und insgesamt 20.000 m2 Fassadenfläche“, sagt Veselinovic. Nichts wurde dem Zufall überlassen, es bedurfte einiger Recherche, um die RAL-Nummer des Orange herauszufinden, das für die MA 48 typisch ist. In den riesigen Dimensionen wirkte die Farbe viel zu grell, die Architekten entschieden sich für ein wärmeres Orange. Gut so. Für eine dreidimensionale Anwendung der Paneele gab es keinerlei Referenzwerte, um sie zu formen, mussten eigens Werkzeuge hergestellt werden. Erwin Resetarits und Manfred Gmeiner bauten 1:1-Modelle und belasteten sie mit Zementsäcken von 50 kg, um zu sehen, wie groß die Durchbiegung ist. Das Statikbüro Gmeiner-Haferl testete auch, welchen Schnee- und Windlasten die Fassade ausgesetzt ist. Sie hat sich absolut bewährt und ihre Form bewahrt. Dem orangen Streckmetall ist sein Alter in keinster Weise anzusehen, für die schwarzen Schlieren kann siees nichts, sie stammen von den Emissionen der Sondermüllanlage gegenüber. Mit einer Reinigung wäre die Fassade schlagartig wie neu.



„Immer liest man über Plastikberge, die im Meer schwimmen, dabei haben wir in Europa eine sehr gute Lösung gefunden, um das zu vermeiden“, sagt Christian Anderle, Geschäftsführer der Wiener Kommunal-Umweltschutzprojekt GmbH (WKU). „Es gibt mehr als 200 verschiedene Kunststoffarten. Alle werden bei uns verbrannt. Sie landen weder auf einer Deponie noch im Meer.“ Die WKU plant und realisiert Infrastrukturprojekte für die Stadt Wien, vor allem für die MA 48 und die Wien Energie. Auch 17 Jahre nach Inbetriebnahme zählt die Anlage Pfaffenau zu den modernsten Europas. „Weiterentwickeln geht fast nicht mehr, unsere Filter haben bereits vier Reinigungsstufen.“ Die Anlage unterschreitet die Grenzwerte der EU-weit strengsten Umweltgesetze um ein Vielfaches. Die Staubemissionen liegen um 90 % unter den erlaubten Grenzwerten, der Wert bei Schwefeldioxid wird um 95 % unterschritten, der Wirkungsgrad liegt bei 76 %, die Schlacke wird zu Aschen-Schlacken-Beton verfestigt und auf der Deponie Rautenweg der MA 48 gelagert. Viele Delegationen aus dem In- und Ausland sowie von Fachhochschulen und Universitäten besichtigen die Anlage, auch für interessierte Wiener und Wienerinnen gibt es Führungen.
Von der Portiersloge mit dem weit ausladenden Vordach, die groß genug ist, um sich zu sammeln, führt ein glasgedeckter Besuchersteg über die Lkw-Zufahrt ins Empfangsfoyer. „Das war sehr wichtig, damit die Menschen nicht vor die Müllwägen laufen.“ Die Spannweite des Stegs musste weit genug sein, um die Zufahrt stützenfrei zu überbrücken. 35 m schreitet man hier in 6 m Höhe zum Empfangsfoyer empor.

Dort steht neben dem Schulungsraum mit dem Beamer das Wettbewerbsmodell. Es sieht genauso aus wie die heutige Anlage. Die technischen Vorgaben waren von Anfang an klar, die Entscheidung, ob es auch eine Fachhochschule geben solle und wie viele Büros man definitiv brauchen würde, fiel erst spät. Sechs oder sieben Varianten zeichneten die Architekten. Auch im Inneren wurden langlebige Materialien verwendet: Sichtbeton, Glas, Metall, orange Terrazzofliesen, die immer noch gut aussehen.
Rund 30 Techniker und Technikerinnen, zwei Sekretärinnen, eine Buchhalterin, eine Controllerin und Christian Anderle arbeiten hier. Mehr als ursprünglich geplant. Ihre Büros im achten Stock verfügen über Oberlichtbänder in der Decke und im Boden, eine zweigeschoßige interne Erschließung mit einer leichten, einläufigen Treppe, gläserne Brüstungen und Wände. All das schafft eine angenehme, helle Atmosphäre. Ihr Zustand ist tipptopp, sie werden gut gepflegt. Helmut Allgeuer, der für die Planung der Anlagentechnik verantwortlich war, begrüßt die Architektin herzlich. Alles bewährte sich, auch die Kantine im fünften Stock ist beliebt, sie hat sogar eine Terrasse. „Es gibt nicht viele Industrieanlagen, die so hochwertige Räume haben“, sagt Anderle. Er arbeitet sehr gern in der Müllverbrennungsanlage Pfaffenau.
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