Elizabeth Scheu Close – Amerikanische Architektin mit Wiener Wurzeln ist die erste deutschsprachige Monografie dieser Ausnahmepersönlichkeit. Eine Entdeckung!
Elizabeth Scheu Close ist eine absolute Ausnahmegestalt in der Architekturgeschichte der Moderne. Ihren Eltern hat die Welt das Haus Scheu von Adolf Loos zu verdanken. Das Mädchen Lisl wuchs im Wien der Zwischenkriegszeit darin auf, studierte später an der dortigen Technischen Universität Architektur und las die Zeichen der Zeit sehr früh richtig. Sie emigrierte1932 nach Amerika, setzte ihr Studium am renommierten MIT – Massachusetts Institute of Technology fort und machte in Übersee Karriere. Und was für eine! Über fünfzig Jahre lang führte sie mit ihrem Mann Winston Close ein Büro, das insgesamt 456 Projekte vom Einfamilien- über das vorfabrizierte Wohn- bis zum Büro- und Krankenhaus umsetzte. 2002 wurde die geborene Wienerin mit der Minnesota Gold Medal des American Institute of Architects (AIA) ausgezeichnet. In Österreich ist sie weitgehend unbekannt.

Die Architektin Judith Eiblmayr hat Elizabeth Scheu Close im Rahmen ihrer Gastprofessur an der University of Minnesota in Minneapolis entdeckt, beforscht und schließt nun diese unfassbare Wissenslücke mit dem Buch. „Elizabeth Scheu Close – Amerikanische Architektin mit Wiener Wurzeln.“ Es ist das umfassende Porträt einer außergewöhnlichen Frau mit einer außergewöhnlichen Biografie in einer außergewöhnlichen Zeit. Scheu-Close wurde 1912 in Wien in eine der kunstsinnigen, weltoffenen Familien des jüdischen Bürgertums hineingeboren, die als aufgeschlossene Bauherren und Mäzene die Wiener Moderne der Zwischenkriegszeit erst zur Hochblüte brachten. Sie starb 2011 einige Monate vor ihrem hundertsten Geburtstag in Minneapolis. Dazwischen liegt das Leben einer mutigen Frau, die sich als eine der ersten Architektinnen in Amerika selbständig, darüber aber nie besonderes Aufhebens machte. Jane Hession zitiert sie mit dem Satz: „I am an architect who happened to be a woman.“

Eiblmayrs Buch ist weit mehr als ihre erste deutschsprachige Monografie. Es zeichnet auch das Bild einer Epoche der Um- und Aufbrüche. Sein Reichtum an privaten und historischen Aufnahmen, Plänen, aktuellen Fotos ihrer wichtigsten Bauten, Dokumenten wie einem Faksimile ihres Passes mit Ausreisegenehmigung aus dem Jahr 1932 – „Gültig für sämtliche Staaten Europas, sowie den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika und Canada“ –, dem Fotoalbum ihres Roadtrips durch Amerika oder dem Abdruck ihrer Bachelor- und Masterarbeiten ist außergewöhnlich. Dazu ist dieses Buch in seiner Analyse der Folgen des Housing und Federal Highway Act eine profunde Kapitalismuskritik, sowie eine ebenso informative wie kurzweilige Lektüre, die einen hin und wieder auch zum Schmunzeln bringt. So beschrieb Roy Close die Hochzeit seiner Eltern folgendermaßen: „Am 11. April 1938 spazierten die beiden in der Mittagspause zum Rathaus, wo sie Hap und Christy, die Trauzeugen trafen, ließen sich trauen, gingen wieder zurück ins Büro und arbeiteten weiter.“

Zu Beginn entführt das Buch in Kindheit und Jugend im ikonischen Terrassenhaus von Adolf Loos. Elizabeths Mutter, Helene Scheu-Riesz war Journalistin, Schriftstellerin, Übersetzerin und Frauenrechtlerin, Vater Gustav Rechtsanwalt und bekennender Sozialist. Er engagierte sich für die Gartenstadt, was sich auch in der späteren Berufslaufbahn der Tochter bemerkbar machen wird. Im Salon der Scheus verkehrten Geistesgrößen von internationalem Format wie Alban Berg, Yella Hertzka, Eugenie Schwarzwald, Aldo van Eyck, sowie Dione und Richard Neutra, um nur einige zu nennen. Ein ganzes Kapitel ist dem Gästebuch dieses Hauses gewidmet. Das Aufwachsen in diesem Gebäude, mit dem sie die Aufmerksamkeit aller Erwachsenen teilen musste, hat ihre Wahrnehmung von Raum, Bewegung und Licht sicher geprägt. Später wird sie ihm attestieren, sie „indoktriniert“ zu haben. Die Kamine aus Sichtziegeln und schlichten Einbauregale in ihren frühen amerikanischen Häusern – dem Faulkner Haus des Jahres 1938 und dem Luyten Haus von 1940 – weisen durchaus Ähnlichkeiten mit dem Haus Scheu auf. Viele Einfamilienhäuser würden Elizabeth Scheu Close und ihr Mann Winston Close im Lauf ihrer Karriere noch planen, die sich allesamt durch die große Zufriedenheit der Bauherren und Bauherrinnen auszeichnen. In dieser Hinsicht agierten sie wie Adolf Loos, der trotz seines verbrieft schwierigen Charakters sehr stark auf die Wünsche seiner Bauherrschaften eingehen konnte.



Zuvor aber begleitet dieses Buch Elisabeth Scheu auf ihrem Weg in die USA, die sie zuerst einmal mit einer Studienkollegin erkundete. Gemeinsam fuhren die beiden Frauen mit dem Auto von der Ostküste über New Mexiko bis nach Kalifornien. Am meisten beeindruckte sie die Kirche San Franzisco de Asís im Taos Pueblo. „Sie war das erste Stück Architektur, das mich wirklich begeistert hat. Der Klassizismus und Historismus interessierten mich nicht, moderne Bauten gab es ja keine. Und plötzlich war da diese einfache, unheimlich starke Form, die ich in allen ihren Details bewunderte.“ Wie Bernhard Rudofsky erkannte sie die Schönheit der „Architektur ohne Architekten“. Selbst ihre Bachelor und Masterarbeit am MIT sind abgebildet. Erstere – eine Produktionshalle für Fertigteilhäuser in John Nolans idealer Gartenstadt Mariemont, Ohio – sollte „möglichst günstige, einfache und saubere, aber trotzdem formschöne Häuser herstellen, um die Wohnungsnot zu lindern.“ Zweitere war der Entwurf eines öffentlichen Schwimmbades. Beide belegen die soziale Ader der Studentin und ihre Prägung durch das Rote Wien.

Während des zweiten Weltkriegs brauchte es rasch günstigen Wohnraum für Arbeiter in der Kriegswirtschaft, die Abteilung für Kriegsplanung der War Plans Division (WDP) finanzierte Fertigteilhäuser. Eine der Firmen, die sie produzierten, war die Page&Hill Company aus Shakopee, Minnesota. Sie hatte leichte, billige Holzkonstruktionen zur Vorfabrikation entwickelt, Elizabeth Scheu Close war die planende Architektin der Stunde. Sie würde auch nach dem Krieg weiterhin jahrelang für Page & Hill tätig sein. Selbst das vorgefertigte Holzhaus der Page & Hill Company, das auf der Deutschen Industrie Ausstellung im Berlin 1950 den Baufortschritt Amerikas repräsentierte, war von Elizabeth Scheu Close entworfen. Ihre kluge, rationelle Planung hob die Lebensqualität zehntausender amerikanischer Familien.

Eiblmayr bettet ihr Werk in einen breiteren Kontext und zeichnet dabei auch den Wandel der Planungspolitik in den USA vom „New Deal“ unter Präsident Franklin D. Roosevelt, der noch sozialen Wohnbau ermöglichte, bis zum Housing (1949/50) und Federal Aid Highway Act (1956) nach, die zum großflächigen Siegeszug von Suburbia führten. Bezeichnend ist, dass Elizabeth und Winston Scheu Close immer wieder versuchten, Wohnformen jenseits des amerikanischen Traums vom eigenen kleinen Haus mit Garage umzusetzen, aber letztlich damit scheiterten. So gründeten sie 1938 eine „Studiengruppe für genossenschaftliches Wohnen“, das Elizabeth Scheu Close keck „Trotsky Heights“ taufte. Weiter als bis zum Entwurf, der im Buch abgebildet ist, brachte es das genossenschaftliche Projekt in Minneapolis allerdings nicht. Auch ihre Bebauungsstudie für eine Reihenhaussiedlung kam nie über dieses Stadium hinaus, ebenso wie ihr Garden City Project.

Ihre Einfamilienhäuser hatten wesentlich mehr Erfolg, an ihnen sieht man, wie es ihnen gelang, eine Ahnung der Moderne nach Amerika zu bringen. Besonders gelungen ist das Dayton-House, dessen Wohnraum unter dem geneigten Dach bis zu fünf Meter Raumhöhe erreicht und sich mit einer nordwestseitigen Vollverglasung gänzlich zu den Bäumen im Garten öffnet. Der Essplatz hingegen war sehr niedrig, die Atmosphäre dank getäfelter Wände, Natursteinboden, einem marmorgefassten Kamin und furnierten Bücherregalen sehr warm. „Auch, wenn es ein paar Unstimmigkeiten bei der Fertigstellung gab, besteht für uns kein Zweifel, dass uns niemand anderer hier in der Gegend ein schöneres Haus hätte planen können“, so Bauherr Bruce Dayton. Er lebte bis zu seinem Tod im Alter von 97 Jahren darin.

Sich selbst planten die Architekten 1953 sowohl ihr Privat-, als auch ihr Bürohaus, zwei sehr schlichte, kubische Bauten mit hohen Glasflächen unter leicht vorspringenden, beschattenden Flachdächern und Fassaden aus Redwood Holz. Eines ihrer gelungensten und ungewöhnlichsten Häuser war das Duff House, dessen Bauherren partout keine rechten Winkel wollten. Daher bauten sie es auf einem zu Rauten verdrehten Planungsraster auf, deren ungewöhnliche Geometrie auch die Dachvorstände besonders interessant macht. Eiblmayr bezeichnet es sehr als „Diamant“, dessen Architektur auch ausgezeichnet wurde. Leider existiert das Haus nicht mehr. Die Bauaufgaben wurden immer bedeutender, besonders erwähnenswert sind das Peavy Technical Center in Chaska aus dem Jahr 1966 mit seiner feingliedrigen, vorgestellten Lamellenstruktur, sowie das Freshwater Biological Institute.

Es wurde 1975 vom American Institute of Architects Minnesota (AIA) mit einer Auszeichnung gewürdigt. Im Jahr 2002 bekam Elizabeth Scheu Close als erste Frau vom American Institute of Architects (AIA) das goldene Verdienstzeichen, die Minnesota Gold Medal verliehen.
„Elisabeth Scheu Close“ Amerikanische Architektin mit Wiener Wurzeln






