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Reise nach Tirana

Isabella MarboevonIsabella Marboe


Tirana boomt, der Skanderbeg-Platz ist sein Dreh- und Angelpunkt von Albaniens Hauptstadt. Das niederländische Büro 51N4E hat ihn hervorragend gestaltet, rundherum diktiert schnelles Geld das schnelle Wachstum hoher Häuser, für die Premier Edi Rama internationale Architekturprominenz wie MVRDV und BIG verpflichtet hat.

Der Flughafen von Tirana ist nicht groß. Keine 14.000 m² bringt er auf die Piste, nur wenig mehr als Innsbruck. Seine Architektur aber ist unaufgeregt anspruchsvoll, sein Passagieraufkommen gewaltig. Wie die Stadt selbst wächst es rasant: 2005 zählte der Flughafen noch 785.000 Fluggäste, was in etwa der Innsbrucker Zahl im Jahr 2022 entspricht. 2007 wurde erstmals die Millionengrenze überschritten, 2025 waren es bereits 11,64 Millionen. In den ersten vier Monaten des heurigen Jahres wurden weitere 3,29 Millionen Passagiere abgefertigt.

Zentrum von Tirana

Das Terminal erinnert ein wenig an Norman Foster und ein wenig an die 1990er Jahre, stammt aber aus dem Jahr 2007. Die Halle ist großzügig, hoch und hell. Ihre Stahlkonstruktion wirkt leicht überdimensioniert, zugleich aber ambitioniert und schwungvoll. Die blau getönte Schrägverglasung mit Punkthalterung und die leicht gebogene Decke mit reflektierender Untersicht münden in ein weit ausladendes Vordach, das sich zu den transparenten Rändern hin hebt. Eine junge, aufstrebende Nation hebt ab. Geplant wurde das Terminal von Hin Tan. Dass er bei Santiago Calatrava gearbeitet hat, ist ebenso unverkennbar, dass der Flughafen in den 1950er Jahren ursprünglich von den Sowjets geplant worden war, aber ist kaum mehr zu merken. Tans Büro HTAL Architects and Designers ist auf Flughafenterminals spezialisiert und weltweit tätig.

Seit 25. Mai zählt der Flughafen zu den „most beautiful airports in Europe“, wie die Website der albanischen Regierung stolz verkündet. Der italienische Architekt Marco Casamonti vom Büro Archea Associati setzte eine 500 Meter lange, perforierte Fassade aus Marmor und Granit vor die Flughafenzufahrt. Ihr T-förmiger Querschnitt überdacht den Vorplatz, ihr Muster aus unterschiedlich großen Rhomben erinnert an orientalische Ornamente oder volkstümliche Gewebe, die leicht schimmernde Oberfläche an Blei. Inspiriert sei sie von den Bewegungen eines Adlers, erklärt Casamonti – die Shqiptarë verstehen sich schließlich als „Volk der Adler“.

Als „einen der schönsten Flughäfen der Welt“ betitelt die albanische Regierung den Airport von Tirana

Noch sind die Öffnungen der Fassade leer. Künftig sollen sie mit rotem Glas gefüllt und nachts mit Projektionen von Tirana illuminiert werden. „Dieser Platz wird der roten albanischen Flagge ähneln“, sagt Casamonti. Das ist symptomatisch: hinter den gleißenden Fassaden und spektakulären Bauten steckt der Nationalismus eines Volkes, das kaum je unabhängig war. Albanien strebt vorwärts, hebt ab und richtet den Blick zugleich zurück – auf Skanderbeg, Gjergj Kastrioti, der zwischen 1444 und 1468 die albanische Fürstenallianz im Kampf gegen die Osmanen anführte. Ein Mythos von Freiheit.

Der Skanderbeg-Platz ist der Dreh- und Angelpunkt der Stadt, und zugleich der rote Faden durch die Entwicklung dieser sehr jungen Metropole, die als osmanische Stadt ohne Bebauungsplan begann und ihre erste Vermessung der Besatzung durch Österreich-Ungarn im Jahr 1917 verdankt. Auch die Anlage des Platzes geht auf sie zurück, fertig wurde er erst 1930, ihrer unregulierten Tradition blieb die Stadt trotzdem treu. Bis heute scheint hier fast alles jenseits massentouristischer Trampelpfade ungezügeltem Wildwuchs zu frönen. Auf Wänden, Balkonen, Konsolen, über Trämen und Traufkanten wuchern Veranden, setzen sich Einfamilienhäuser auf Flachdächer, werden Bestände aufgestockt, Bretterverschläge zu kleinen Kiosken geadelt. Auch wenn die große Goldgräberzeit nach dem Fall des Kommunismus vorbei ist, es gibt noch immer genug zu schürfen.

Die Wende kam mit einer scheinbar kleinen, umso plakativeren und daher weltweit medienwirksamen Intervention: Der damalige Bürgermeister Edi Rama ließ im Jahr 2000 die kommunistischen Wohnblöcke bunt streichen und katapultierte Tirana damit schlagartig auf die internationale Architekturlandkarte. Gleichzeitig wurden illegale Bauten entlang des Flusses Lana, der mitten durch die Stadt fließt, geschliffen. Später schrieb Rama einen Wettbewerb zur Neugestaltung des Skanderbeg-Platzes aus. Das belgische Büro 51N4E und der albanische Künstler Anri Sala befreiten den Platz vom bis dato ständig um ihn kreisenden Verkehr und bewiesen Mut zur Leere: Der knapp 100.000 m² große, mit 130.000 Mosaiken aus den albanischen Steinen Bilisht, Korça, Lezha und Kukës gepflasterte Platz, in den 100 Springbrunnen eingelassen sind, blieb frei. Doch er ist nicht eben, sondern bildet eine kaum merklich von den Rändern aus um 3% ansteigende Pyramide. Dadurch steht man in der Mitte 1,75 Meter hoch, was die Oper und das nationalhistorische Museum gleichermaßen von ihren hohen Sockeln hebt.

Die Umsetzung aber dauerte lang: Ramas Nachfolger Lulzim Basha verfügte einen Baustopp, erst fünf Jahre später wurden 51N4E vom nächsten Bürgermeister Eiron Veliaj noch einmal beauftragt. 2017 wurde der Platz endlich fertig. Die Ära Hoxha hinterließ dem Land 170.000 Bunker, aber nur wenige Repräsentationsbauten. Eines davon ist das nationalhistorische Museum, dessen Fassade das 10 Meter hohe, 40 Meter breite heroische Mosaik „Shqiptarët“ (deutsch: die Albaner) ziert.

Die Ränder des Skanderbeg Platztes sind begrünt und beschattet….
…..und perfekt geeignet zum entspannten Sitzen

Die Oper war ein Geschenk von Nikita Chruschtschow. Sie wurde 1953 von einem sowjetischen Team unter dem Chefarchitekten Vladimir Alexandrowitsch Butuzov als Kulturpalast geplant, den symbolischen Grundstein legte Genosse Nikita Chruschtschow 1959 noch persönlich, dann kam es zum Bruch, Albaniens Hauptarchitekten Eqerem Dobi, Sokrat Mosko, Besim Daja und Anton Lufi planten um und weiter. 1965 war die feierliche Eröffnung des Gebäudes, das die unaufgeregte, ruhige Feierlichkeit einer bescheidenen Nachkriegsmoderne ausdrückt.

Zwischen 2017 und 2021 hat das albanische Büro Agikons die Oper sorgfältig denkmalgerecht erneuert. Die neuen Garderoben, das Foyer, sowie der Saal mit den holzverkleideten Logenreihen, bequemen Sitzen, der angenehmen Farbgebung und feierlichen Beleuchtung wurden vom albanischen Atelier 4 geplant, die hervorragende Akustik stammt vom belgischen studio Kalhe Acoustics & TTAS. Ende Mai 2026 wurde hier die Oper Fundi i Golemëve (Das Ende der Golems) von Nikolla Zoraqi und Kolë Jakova uraufgeführt. Das 1963 komponierte, bis dato nie aufgeführte Werk gilt als „stille Legende“ der albanischen Kultur. In einer hölzernen Inszenierung voller Feuer, Blut und Tränen erzählt es vom Untergang der Adelsfamilie Golem nach dem Tod Skanderbegs. Es ist dramatisches Epos um Loyalität, Verrat, Liebe, Treue, Opferbereitschaft und Krieg. Bevor der Vorhang fällt, haucht selbst das Kind des Heldenpaares zwischen den sterbenden Eltern sein Leben aus. Nachdem der Vorhang gefallen war, liegt es immer noch blutüberströmt auf der Bühne, Applaus brandet auf. Musikalisch überzeugt die Oper, szenisch huldigt ihre späte Uraufführung einem verstaubten Heldenmythos. Das Publikum ist tief ergriffen.

Die Oper aus der Nachkriegszeit wurde vom Büro….ziemlich vorbildlich.saniert
Schlussszene der Uraufführung von „Das Ende der Golems“

In der Pause und nach der Aufführung strömen die gut gekleideten Menschen auf den Platz, zwischen den 18 Säulen des erhöhten Portikus sitzen immer Leute und beobachten das Treiben am Platz, der an seinen Rändern in weitere kleine Plätze, Parks und Gärten ausfließt, von denen die angrenzenden Ministerien, das Rathaus und die kleine, fein ziselierte Et’hem Bey Moschee der Bauzeit 1791-1819 sehr schön eingebunden werden. Der Platz ist beliebt, gern sitzt man im Schatten der Bäume, die ihn säumen, das Restaurant in den Arkaden der Oper und die dortige internationale Buchhandlung sind gut besucht. Sie verleihen dem Peristyl eine kultivierte, kosmopolitische Atmosphäre. „Tirana wächst schneller als jede andere Stadt der Region“, sagt der junge Buchhändler. Architekturführer gibt es keine, dafür einen prächtigen Fotoband und viel Literatur – vor allem von Lina Lupa und Ismail Kadare.

Ein Wolkenkratzer von MVRDV wächst seiner Vollendung entgegen.

Ismael Kadare lebte in einem mehrgeschossigen kommunistischen Apartementhaus, dessen Architektur außergewöhnlich ambitioniert und modern war. Architekt Max Velo plante ihm die Wohnung um – es war die einzige mit Kamin und einer Schiebewand, um den Wohnraum für die mitunter exzessiven Feiern der Kadares vergrößern zu können. Velo musste dafür vor Gericht. Die Wohnung ist heute Museum – und noch original mit den Möbeln aus dem staatlichen Katalog eingerichtet. Sehr gute Handarbeit, sehr passables Design. Unweit davon entsteht gerade ein atemberaubender Wolkenkratzer von MVRDV. Der niederländische Thinktank von Weltformat baute auch die Pyramide von Enver Hoxha sehr intelligent um. Was als Kultstätte der Diktatorenverehrung 1988 eröffnet worden war, ist heute ein pulsierender öffentlicher Ort in einem neuen Park. Das Projekt ist längst eine Touristenattraktion und ein Herzeigebeispiel der Transformation von Bestand, dessen wechselhafte Geschichte vielfach kontaminiert war.

Zuerst ein Prestigebau des Diktators, dann Radiostation, Nachtclub, Konferenzzentrum, Fernsehstudio, während des Kosovokrieges war die NATO dort stationiert. Die Mehrheit der Bevölkerung aber war dagegen, die Pyramide abzureißen. MVRDV machten ihre Schrägflächen zur Treppenlandschaft, schnitten Lichtschlitze ein und verteilten farbige Boxen mit Cafés, Start-up-Unternehmen und Kreativen an und um die Konsruktion. Für albanische Kinder und Jugendliche gibt es Gratis-Unterricht in neuen Technologien. Die Stiegenlandschaft mit ihren zahlreichen Plattformen ist besonders bei Sonnenuntergang sehr beliebt. Denn dann ist der Blick von dem leicht erhöhten Standpunkt auf die Stadt besonders schön.

Gleich daneben lockt der „Cloud Pavillon“, eine weiße Gitterskulptur von Sou Fujimoto zum Sitzen oder beklettern. Sie ist ei Geschenk von LUMA – Foundation for the promotion of art in Albania. Die dahinterliegende Galeria Combëtare e Arteve – ein Ort für zeitgenössische Kunst – ist gerade wegen Umbau geschlossen. Unweit davon ist ein neues Nationaltheater schon im Bau: BIG, das Büro des einst unverbraucht originellen, Kultstatus verdächtigen Dänen Bjarke Ingels ist längst eine Art internationaler Kreativkonzern. Es entwarf einen Kulturkomplex aus terrakottafarbenem Ziegel, mit 9.300 m2 Fläche und einer sehr markanten Geometrie, die an eine Masche erinnert. Bezeichnenderweise heißt es „Bow-tie“. Die Schirmherrschaft über den Bau hat Premierminister Edi Rama, er wird ganz aus staatlichen Geldern finanziert. Auch das Büro Agikons – wir kennen es von der Oper – ist wieder beteiligt.

Seit Jahren treibt Rama den architektonischen Umbau Tiranas mit internationalen Stararchitekten voran. Stefano Boeri entwickelte den Masterplan 2030, Christian Kerez vergleicht den Wandel mit China um 2000 – allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: In Tirana werde die Entwicklung vom Premierminister persönlich kuratiert.

Genau dagegen regt sich inzwischen Widerstand. Viele Albanerinnen und Albaner haben genug davon, ihr Land charismatischen Männern und deren Entourage zu überlassen. Der Bauboom hält unvermindert an. In Einkaufszentren werden bereits die nächsten Luxusresorts an der Küste vermarktet.

Symbol dieser Entwicklung ist Ivanka Trumps geplantes Luxusresort in einem Naturschutzgebiet. Die Genehmigungen wurden rasch erteilt, die Bagger sind längst aufgefahren. Das Projekt erschüttert nicht nur eine sensible Landschaft, sondern auch die Gesellschaft. Proteste dieses Ausmaßes hat Albanien bislang nicht erlebt. Es scheint, als würde das Land gerade in der Freiheit ankommen.

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