Gio Ponti war ein Multitalent. Das englischsprachige Buch „Gio Ponti. More than One“ zeichnet ein vielschichtiges Bild von ihm, auch kritische Stimmen klingen in den Essays des Sammelbandes an.

Architekt, Designer und Art Director, Herausgeber der Domus und der Zeitschrift Stile, Grafiker und vieles mehr: Gio Ponti war ein Tausendsassa, um dieses Wort mal zu benutzen. In Norditalien ist der Mailänder, Jahrgag 1891, bis heute fast allgegenwärtig. Das liegt sicherlich auch daran, dass seine Entwürfe für Alltagsgegenstände und Möbel immer noch von bekannten Firmen wie Molteni oder Cassina als Ikonen des italienischen Designs gefeiert, produziert und weltweit vertrieben werden. In anderen Ländern ist Ponti vor allem für die Architektur des Pirelli-Turms im Zentrum von Mailand bekannt.


© Gio Ponti Archives /Archivio storico degli Eredi di Gio Ponti/ Lars Müller Publishers


© Archivio Gio Ponti/lars Müller Publishers
Als Gestalter von Alltagsdingen – darunter Türgriffe und Fliesen, Badkeramik und Stühle, war Gio Ponti ein Ausnahmetalent. Viele seiner Architekturprojekte, zum Beispiel das Hotel Parco dei Principi in Sorrent, sind als Gesamtkunstwerk gestaltet, wobei der Architekt eigene Entwürfe einbrachte, die teils heute noch in Serie produziert werden. Der Band „Gio Ponti. More than One”, herausgegeben von Manfredo di Robilant und Manuel Orazi, zeichnet ein schillerndes Bild der verschiedenen Tätigkeitsfelder des Mailänders. Auf Italienisch bereits vor einigen Jahren erschienen, sind die Essays und Texte zu Ponti als Kritiker, Herausgeber, Grafiker, Architekt und Produktdesigner nun auch im Englischen bei Lars Müller Publishers gedruckt.
Architekt und Designer der Nachkriegsära
Gio Ponti hatte 1928 die Zeitschrift Domus gegründet und der Nachkriegsmoderne in Mailand mit seinen Bauten ein Gesicht gegeben. Seine Montecatini Headquarters (1936 –1939) waren der erste reine Bürokomplex in der norditalienischen Metropole – rund 1500 Angestellte hatten hier ihren Arbeitsplatz. 1963 wurde der Pirelli-Turm, Pontis Hauptwerk, fertiggestellt und galt sofort als Symbol für das Italien der Nachkriegsära. Heute residiert die Regionalregierung der Lombardei in dem Hochhaus am Bahnhof von Mailand. Weniger bekannt sind andere Bauten des Mailänder Architekten, die heute wie das Hotel Paradiso del Cevedale in Südtirol verlassen sind, oder weit entfernt in Pakistan, im Iran oder in Venezuela errichtet wurden.

Gio Pontis eigenes Wohnhaus in der Via Randaccio von 1926 – noch in der Vorkriegszeit entstanden – wirkt eigentümlich klassizistisch. Womit wir auch gleich bei einem der spannendsten Punkte wären: War Gio Ponti ein Avantgardist? Manfredo di Robilant und Manuel Orazi zeichnen in ihrem Vorwort die Rezeption Pontis vor dem Hintergrund des jeweils aktuellen Diskurses auf und kommen zu dem Ergebnis, dass er an keinen Visionen, sondern an Umsetzungen interessiert war. Während Zeitgenossen von Ponti wie Bruno Zevi vor dem Antisemitismus der Faschisten flohen, verbrachte Ponti die ersten beiden Dekaden seines Beruflichen Lebens unter den Faschisten und war auch an wichtigen Bauaufträgen beteiligt, stand sogar in direktem Kontakt mit Mussolini.

Man hätte sich angesichts der geballten Expertise, die in diesem Buch durch Autoren wie Elena Dellapiana, Fulvio Irace und andere zusammenkommt, mehr deutliche Worte gewünscht, die sich zum Mythos Gio Ponti positionieren. Letztlich aber bleiben Pontis politische Haltung und seine Tätigkeit von 1936 bis 1952 unbelichtet und ausgespart. Auch die Biografie Pontis, die am Buchende in Bildern wiedergegeben ist, lässt die faschistische Ära und den zweiten Weltkrieg gezielt weg. Ein blinder Fleck also. Als spannende Ergänzung der Essays darf hingegen die Fotoserie von Paolo Roselli gelten: Der Mailänder Fotograf hat zahlreiche Ponti-Gebäude heute festgehalten, nicht als architektonische Ikonen in menschenleerem Setting, sondern als lebendige, im Alltag verwurzelte Orte. Und eben diese Sicht macht Ponti auch nahbar – und zeigt unmissverständlich, warum die Entwürfe des Mailänders heute noch spannend sind.
genau! dankt Sandra Hofmeister von unserem Medienpartner castellobooks.com für diesen Beitrag.





