Claudia Mazanek war eine ikonosche Lektorin und ein außergewöhnlicher Mensch. Am 16. Mai ist sie gestorben. Die unzähligen Bücher, Kataloge und Texte, an denen sie gefeilt hat, werden bleiben.
Jahrzehntelang sah Claudia Mazanek aus wie Patti Smith, sie hatte auch deren abgeklärte Coolness, unprätentiöse Lässigkeit und Größe. Bis der Brustkrebs kam und mit ihm ein sehr aparter, graumelierter Pagenkopf. Ihr fein geschnittenes Gesicht sah damit noch sensibler aus, die äußere Ähnlichkeit zu Patti Smith war dahin, die innere blieb. Mazanek war keine Pop-Ikone, aber eine ikonische Lektorin. Kaum jemand war annähernd so genau, annähernd so belesen, umfassend gebildet, aufmerksam, vornehm — und garantiert niemand all das zusammen. Denn alles, was sie tat, tat sie voller Hingabe.

Claudia Mazanek, Jahrgang 1951, war ausgebildete Physiotherapeutin, arbeitete einige Monate am Orthopädischen Spital in Kopenhagen und begann danach ihr Studium der Philosophie, Politikwissenschaft sowie Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Wien. Sie schloss es mit der ersten dort je verfassten feministischen Dissertation ab: „Die Frau als Subjekt und Objekt des Philosophierens“.
Ein Foto auf der Website der ögfa zeigt die zwanzigjährige Schönheit entspannt mit ausgestreckten Beinen im Gras an einen uralten dänischen Baumstamm gelehnt. Ab 1980 arbeitete sie im renommierten Löcker Verlag, wo sie von der Autoren- und Autorinnenbetreuung über Buchhaltung, Vertragsverhandlungen, Lektorat bis hin zur Drucküberwachung alle Phasen der Entstehung eines Buches begleitete. Ihre Interessensschwerpunkte lagen bei Architektur und Literatur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Zeitgeschichte und Judaica.
Ab 1994 war sie als selbständige Lektorin tätig. Sie hatte die Ruhe eines Menschen, der um die Welt weiß. Ihr ganzes Wesen strahlte Gelassenheit aus. Über drei Jahre hinweg war sie monatelang mit dem Segelboot unterwegs — in die Türkei, auf die Kanaren, in die Karibik, nach Venezuela, auf die Azoren und wieder in die Türkei zurück. Sie kannte die Erfahrung von Stille, Weite, Ausgesetztsein und Grundvertrauen. Claudia Mazanek war außergewöhnlich großzügig. Der Autorin dieser Zeilen schenkte sie einen kleinen, sehr besonderen, metallumwickelten Fisch aus Indien, der seit Jahrzehnten deren Schreibtisch bewohnt, als wäre er ein Korallenriff.

2013 gründete sie gemeinsam mit Eva Guttmann und Gabriele Kaiser Diachron – Verein zur Verbreitung und Vertiefung des Wissens über Architektur. Der Verein brachte unter anderem das Faksimile des englischen Typoskripts der „Happy-open-end-environmental-design-science-fiction-image-story“ heraus — auf Deutsch: „The Weltanschauung as an Ersatz Gestalt“ von Jan Turnovský. Damit setzten die drei einer der charismatischsten und tragischsten Professorenpersönlichkeiten der TU Wien ein editorisches Denkmal, das seiner Einzigartigkeit gerecht wurde. Alles andere als leicht, doch Diachron scheute Herausforderungen nie, bewies aber auch Humor: In das schmale, erlesene Verlagsprogramm fällt auch das Buch „wie entwirft man einen architekten?“ von friedrich achleitner, der darin Architektinnen und Architekten von Aalto bis Zumthor porträtierte.
In einem Text über Claudia Mazanek führt Gabriele Kaiser deren Interesse an Architektur und Kultur „auf frühkindliche Prägungen“ zurück. Ihr Vater verstarb früh, hatte aber Architektur studiert, später als Papierwarenvertreter und im Wiederaufbau-Ministerium gearbeitet. „Doch das Spiel mit dem domus-Baukasten, Drehbleistiften, diversen Federn, mit Reißschienen, Modellen, Zeichnungen und verschiedensten Papieren blieb ihr ebenso eindrücklich in Erinnerung wie die Sammlung von Briefmarken aus aller Welt, die der Onkel an die Wände der Toilette geklebt hatte.“
Sie lebte von, mit und in Büchern — jenen, die sie lektorierte, redigierte und herausgab, genauso wie jenen, die sie las. Selbst ihre Küche — andere Räume kennt die Autorin von ihren zwei viel zu seltenen Besuchen bei ihr nicht — war voll davon und voller anderer Dinge, die meist ideellen Wert hatten. An den Wänden: Postkarten, Bilder, Teppiche, Fotos, Pflanzen, Geschirr — jedes Stück besonders. Nach einem beglückenden Gespräch, bewirtet mit Kaffee und Osterstollen, verließ man die Wohnung mit einer hübschen Espressotasse und einem Band von Josef Franks „Betrachtungen über die Kunst unserer Zeit“. Ein Mammutwerk, das sie 2023 gemeinsam mit Tano Bojankin, Caterina Cardamone, Hermann Czech und Christopher Long herausgab. Frank hatte hunderte Essays, Aufsätze, Briefe und Schriften verfasst.


Gabriele Kaiser schreibt dazu: „In ihren editorischen Anmerkungen heißt es lapidar: ,Der Text wird mit all seinen Eigenarten erfasst und hier wiedergegeben.‘ … Claudia Mazanek hat in der Ausübung eines oft unterschätzten Berufs den Beweis erbracht, dass Lektorieren alles andere als ein stures Verwalten von Buchstaben und Satzzeichen ist, sondern eine den Geist öffnende, ganzheitliche Arbeit.“ Im Hinblick auf den Lektoratsanspruch der „Fehlerlosigkeit“ verwies sie gerne auf einen Nam June Paik zugeschriebenen Satz: „when too perfect, lieber gott böse!“ Sie hinterlässt uns viele Bücher, die auf eine sehr lebendige Art vollkommen sind. gott glücklich.
Claudia Mazanek war ein außergewöhnlich zugewandter Mensch. Veranstaltungen der ögfa, einschlägigen Buchpräsentationen sowie Architekturvorträgen folgte sie mit wachsamer Präsenz und spürbarem Interesse. Jede Begegnung war von warmer Herzlichkeit und Klugheit geprägt. Kein Gespräch, aus dem man nicht um einen neuen Gedanken, eine Buchempfehlung, eine Information oder eine ehrliche Meinung bereichert hinausgegangen wäre.
2024 wurde sie mit dem Goldenen Ehrenzeichen der Republik Österreich ausgezeichnet, ein Jahr später mit der Ehrenmitgliedschaft. Ihrer Krebserkrankung begegnete Claudia Mazanek unprätentiös aufrichtig und in zäher Tapferkeit. Am 16. Mai 2026 ist sie daran gestorben. Schmerzfrei und klar.







