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Tod in Triest

Gregor SchuberthvonGregor Schuberth

Warum starb Johann Joachim Winckelmann, der geistige Vater des Klassizismus in einem Hotelzimmer eines gewaltsamen Todes? Kennt die Architektur der Moderne eine Norm? Und wo hat sie begonnen? Auf den Pfaden von Architektur und Theorie in Triest.

Er war auf der Durchreise von Wien nach Rom, als Johann Joachim Winckelmann 1768 nur 51-jährig in Triest ermordet wurde. Dem Vernehmen nach erstach ihn ein vorbestrafter Koch in seinem Hotelzimmer, dem er arglos wertvolle Medaillen gezeigt hatte. Zweiterer „bezahlte“ später gemäß den damaligen Gesetzen mit dem Tod durch Rädern. Winckelmann war der Star der deutschen Altertumsforschung, Kunsthistoriker und Archäologe.

Johann Joachim Winckelmann (Raphael Mengs, nach 1755)
Johann Joachim Winckelmann (Anton von Maron 1768)

Sein Hauptwerk Gedanken über die Nachahmung der Griechischen Wercke in der Mahlerey und Bildhauer-Kunst machte ihn europaweit bekannt. Der etwas jüngere Lessing sagte, er gäbe fünf Jahre seines Lebens für ein weiteres Lebensjahr Winckelmanns. Was für eine Ehrenbezeugung!

Grabmal im Tempelhäuschen

In Triest steht seit dem 19. Jahrhundert ein Kenotaph für Winckelmann, ein leeres Grabmal, während seine Überreste in einem allgemeinen Beinhaus ruhen sollen. Am Fuße des Hügels San Giusto gelegen, umgeben von einem Lapidarium (Garten mit antiken Fundstücken), ist das Werk aus weißem Carrara-Marmor in einem kleinen Tempelhäuschen aufgestellt. Die Figur eines trauernden Genius wacht über dem Grab, darunter zeigt ein Relief, wie Winckelmann den Musen der Künste und Wissenschaften (Malerei, Skulptur, Architektur, Geschichte, Kritik, Philosophie, Archäologie) den Weg weist, indem er mit der Fackel antike Fundstücke ausleuchtet.

Johann Winckelmanns theoretische Anfänge und sein Hauptwerk © open commons

„Edle Einfalt, stille Größe“ attestierte Winckelmann den alten Griechen und prägte damit das Bild von deren weißer, klassischer Architektur: idealtypisch und kaum wieder erreicht. Lessing warf Winckelmann in seinem Laokoon-Aufsatz von 1766 vor, dass das Bild der gelassenen Stoiker eigentlich besser zu den späteren Römern passte. Die Griechen wären durchaus affektgetrieben und gefühlsbetont. Zwar scheint der Priester Laokoon in der berühmten, erst 1506 wieder ausgegrabenen Statuengruppe tatsächlich nicht zu schreien – obwohl er und seine Söhne gerade von der Schlange erwürgt werden.

Kenotaph für Winckelmann (in Toga und Fackel) © Gregor Schuberth

Lessing erklärt das nicht mit einer inneren Haltung, sondern mit der Wirkung der Skulptur. Sie kann vorzüglich Schönheit ausdrücken und dazu passen verzerrte Gesichtszüge wenig. In Vergils erzählerischer Bearbeitung derselben Szene schreit der Priester im Todeskampf tatsächlich. Aus der Gegenüberstellung der zwei Medien Skulptur und Literatur entwickelt Lessing eine noch heute interessante Gattungskunde. Skulptur und Malerei könnten die Schönheit und den „fruchtbaren Augenblick“ besser darstellen, Literatur wiederum die Handlung und zwar „aufeinander folgend“ in der Zeit. Zwei Arten der Kunstrezeption werden dabei unterschieden: gleichzeitig (auf einen Blick) und sukzessiv (hintereinander). Trotz Lessings Einwänden führten der Fleiß und die Begeisterung Winckelmanns zu einer Neuaufstellung der Altertumswissenschaften und lösten besonders in Deutschland eine Antikenbegeisterung aus, die von Hegel zur Berliner Museumsinsel bis zu Heidegger mit „seinen Griechen“ reicht.

Il Quadrilatero di Rozzol Melara

Zurück nach Triest. Auf den karstigen Hügeln östlich der Stadt aber springen die Zeit und der Maßstab gewaltig. Il Quadrilatero di Rozzol Melara, das Quadrat, ist eine typische Großform der 1970er Jahre von der megalomanen Sorte. Vier Kilometer vom Zentrum entfernt wurde eine Satellitenstadt aus Beton als quadratische Megaform für rund 2500 Menschen errichtet.

Luftbild Il Quadrilatero di Rozzol Melara © Screenshot google maps

Die Urheberschaft teilt sich ein Kollektiv aus 29 Architekten und Ingenieuren, wie berichtet wird. Dem Ideal autarker Stadtkörper verpflichtet, sollten – nach dem Vorbild von Le Corbusiers Unité d’Habitation – Wohnen, Geschäftsstraßen und Grünanlagen wie eine Maschine am Reißbrett konzipiert werden. Die Anlage ist aus zwei L-förmigen Hüften zusammengesetzt, die sich dem Hügelverlauf folgend abstufen, gekreuzt von einer brückenartigen Passage.

Das Viereck il Quarilatero vom Rozzo Malera © Gregor Schuberth
Rozzol Melara Complex © Roberto Conte Architectuul

Der Brutalismus ist eine spezielle Ausprägung der architektonischen Moderne (man könnte sagen eine Stil-Blüte), in der Funktionalität und Konstruktion besonders hervorgehoben wurden. Das zelebrierte man expressiv mit rohen und einfachen Materialien, oft Sichtbeton (béton brut) oder Stahl. Die Unruhe und Aufgeregtheit, mit der die Planer die Zukunft herbeibauen wollten, sind der Anlage noch im Alter anzumerken, ihre Mängel und Schwächen kaum zu übersehen.

Man schlendert wie durch eine vergangene Zukunft. Wir tun das möglichst beiläufig, um keinen Anschein von Schaulust zu erwecken. Die aufgeständerte Passage erinnert an Verkehrswege oder großzügige Anlieferungen. Immerhin lassen sich surreale Handyvideos drehen, minutenlange Kamerafahrten an graffiti-bedeckten Betonwänden entlang, als trendige One-Shots. Aber auch Versuche, die Anlage zu beleben, sind zu bemerken, mit einer Bibliothek als didaktischem Anfang.

Monte Grisa

Eine Unruhe haftet auch der Wallfahrtskirche am Monte Grisa an. Der Triestiner Bauingenieur Antonio Guacci plante dieses Monument des Brutalismus, das 1963–1966 gebaut wurde. Hoch über dem Meer auf der Kuppe einer Hügelzunge gelegen, ist es von der Küstenstraße aus von weitem sichtbar. Mehrere abgeschrägte Kuben, gestaffelt angeordnet, bilden den Baukörper, dessen Fassade in dreiecksförmige Betonfachwerke aufgelöst ist. Ein ingenieursmäßiger Kraftakt, der sich über jeden traditionellen Typus hinwegsetzt. Die obere Halle ist spektakulär, schon die Räume darunter wirken funktional wie die Aula einer Schule oder eines Gemeindezentrums jener Zeit. Effektvoll und schwer zu bespielen. Das Bemühen, die Innenräume dem kirchlichen Alltag anzupassen, ist den Vitrinen und Wandschmuck anzumerken. Mit seinem beträchtlichen Aufwand ist dieses brutalistische Monument dem nahen Märchenschloss Miramare vergleichbar –­ allerdings bei deutlich geringerem Besucherinteresse.

Miramare © Marboe

Es ist faszinierend, welch unterschiedliche Bauten in einer Gegenwart aus Ungleichzeitigkeiten in einer gewachsenen Region koexistieren können. Bei allen Verschiedenheiten weisen die angeführten Beispiele doch Ähnlichkeiten auf. Klassizismus und Moderne beanspruchen mehr als andere Strömungen, nicht ein Stil, sondern der Stil zu sein, der Stil der Stile. Genauer: kein Stil, sondern eine Art universale Norm zu sein. Diese ist keinem Wandel unterworfen, nicht Stil, sondern die Kunst an sich. Nicht umsonst wird der Winckelmannsche Klassizismus am Beginn der Moderne angesiedelt.

Brüder im Geiste

Beide – Klassizismus und Moderne – beanspruchen ein Primat, eine Sonderrolle unter den Kunstströmungen. Andere Ausprägungen oder Epochen werden zu Variationen oder Vorstufen degradiert. Gotik oder Barock sind für den Klassizismus minderwertig, das Biedermeier für die Moderne höchstens vormodern. Damit lassen sich zwei Anschauungen unterscheiden: die Kunstgeschichte als Abfolge eigenständiger Bewegungen zu denken, die einander beeinflussen und eine Art Kontinuum bilden. Oder von einem beherrschenden Zentrum auszugehen, das von einer Idee, einem Ideal, einer Norm gesteuert wird

Luftbild Monte Grisa © google maps

Nach dem Kunsthistoriker Ernst Gombrich fand im 19. Jahrhundert so ein Übergang vom Ideal einer Hauptidee zum Stilpluralismus statt. In Österreich zeigt sich das anschaulich im architektonischen Historismus, wo die Stile differenziert und im Prinzip gleichwertig eingesetzt sind. Die Moderne dreht das wieder, würden wir heute ergänzen. Setzt man Klassizismus und Moderne diesbezüglich gleich, fällt ein neuer Unterschied ins Auge: die zeitliche Blickrichtung, nach hinten in die Vergangenheit oder nach vorne. Letztere bewertet Altes und Vergangenes als etwas Vormodernes, ein Noch-nicht. Erstere betrachtet die Gegenwart eher als eine Verfallsgeschichte, ein Nicht-mehr. Dazu passt Hegels Schlagwort vom Vergangenheitscharakter der Kunst, die ihre höchste Bestimmung bei den alten Griechen erreicht hatte. Aber damit wäre er wohl zu einseitig ausgelegt.

Ideal …. ©Gregor Schuberth

Schon die Klassizisten suchten in der Antike ein normatives Modell (mit Harmonie, Proportion der Teile, Einfachheit in der Vielheit), auf das sich die Gegenwart beziehen konnte. Diese Gegenwart unterschied sich bereits deutlich vom Athen des Parthenon; sie unterlag raschen Veränderungen, Anpassungen und Verbesserungen. Dazu hatten Künste und Technik die Tendenz, Regeln und Regelhaftigkeit zu institutionalisieren. Geometrie und Zentralperspektive wurden an den Akademien wissenschaftlich betrieben und gelehrt. Diese Regeln wurden zunehmend aus der eigenen Zeit, den gegebenen Verhältnissen und der Vernunft geschöpft.

..und Wirklichkeit. Santuario Mariano di Monte Grisa, Triest © Giorgio Galeotti

Schließlich war es Immanuel Kant, der das Wort „Fortschritt“ für die Aufklärung in Stellung brachte, mindestens ab da (und Hegel) wurde es üblich, Geschichte mit einer Entwicklungsrichtung und nicht bloß als Aufeinanderfolge wechselnder Zeiten zu denken oer als lose Serie von Verbesserungsepisoden. Diese Strömungen flossen ineinander. Durch die Verankerung von Regelhaftigkeit und Norm in der Gegenwart ließ sich die Zeit als Epoche selbstbewusst fassen. Und wurde noch gesteigert durch die Ausrichtung nach vorne als treibende Kraft, der sich Ingenieure wie Künstler geradezu verpflichtend als Katalysatoren anzuschließen hatten.

Zurück zum Anfang, dem Kenotaph von Winckelmann: Der Forscher im Philosophengewand erhellt mit einer Fackel archäologische Fundstücke der „Alten“ und zeigt sie den Musen der Gegenwart. War die Zukunft in der moderaten Form noch ein Horizont von Möglichkeiten, die abzuwägen der Gegenwart offenstand, wurde sie zunehmend ein berechenbares und folglich berechnetes Gut. Die Wohnsiedlung Quadrilatero von Rozzol Melara scheint mit monumentaler Geste auf die Zukunft zu wetten. Die Siedlung will Zukunft geradezu vorwegnehmen, aber wie soll das gehen?

Das fiktive Relief der Wohnsiedlung müsste vielleicht so aussehen: Statt der Musen ist ein Kollektiv aus Architekten und Ingenieuren dargestellt, die im Lichte elektrischer Scheinwerfer (statt der Fackel) mit Ernst und Zuversicht in die frühe Dämmerung blicken, während auf einer futuristischen Baustelle mit Kränen, Maschinen und Hubschraubern die ersten Konturen dieses Morgens erkennbar sind.

Lese- und Hörempfehlungen des Autors: Gespräche mit Laurenz Fellner; Richard Heinrich: Vorlesung Elemente der philosophischen Ästhetik, 2017, nachzuhören auf der philosophischen Audiothek Hans Ulrich Gumbrecht:
Die ewige Krise der Geisteswissenschaften 2015; die Arbeiten von Winckelmann und Lessing sind im Text genannt.

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