Architekturschaffende werden immer Skizzen machen, genauso wie das Buch nie aussterben wird. Im Berufsalltag sind sie auf Computer und Zeichenprogramme angewiesen. Die sind inzwischen so teuer, dass ihre Anschaffung für kleine, junge Büros schon zur Existenzfrage wird. Ein Bericht von der Front.
Wenn Architektur als Baukunst ein anspruchsvolles Handwerk ist, wie es der altgriechische Begriff der „téchnē“ beschreibt, dann spielen neben Kompetenz und Erfahrung auch die Werkzeuge eine entscheidende Rolle. Die Mittel zum Entwerfen und Planen sind heute vor allem CAD-Programme, mit denen Pläne und Detailzeichnungen für Gebäude erstellt werden können. Diese digitalen Zeichentische haben ihren Preis.

Sie sind das Handwerkszeug und die Grundausstattung jedes praktizierenden Architekturschaffenden. Ihre Anschaffungskosten aber übersteigen oft die jeder anderen Büroausstattung und stellen inzwischen ein wesentliches Kriterium bei der Gründung neuer Büros dar. Dass unsere Honorare solche Ausgaben kaum widerspiegeln, bleibt eine wenig liebenswürdige Marotte unseres Berufs.
Flexiblere Softwarelösungen
Ein Problem ist die Abhängigkeit vieler Büros von wenigen Anbietern. In Österreich und Deutschland ist beispielsweise das Programm Archicad der Firma Graphisoft weit verbreitet. Das beginnt an Schulen und Universitäten, wo Softwarehersteller großzügig die Ausbildung unterstützen, setzt sich fort in einem architekturfreundlichen Auftreten bei fachlichen Anlässen, Veranstaltungen, Vorträgen oder Messen und mündet – so empfinden es manche – in einer eher restriktiven Verkaufspolitik gegenüber Einzelbüros.

Junge Architekten am Gängelband einiger weniger CAD-Firmen ©Chatgpt nach einem Prompt von Isabella Marboe
Zudem ist die Produktauswahl in Leistungsumfang und Kapazität sehr begrenzt. Angeboten werden Ferraris mit allen Funktions-Features (inklusive BIM – Building Information Modeling), aber keine Kleinwagenversionen für den Alltagsverkehr. Dabei sind für viele Büros nicht vorrangig BIM-fähige Arbeitsplätze für Großprojekte wichtig, sondern solche mit robusten 2D-Zeichenprogrammen für Wohnhäuser, Wettbewerbe oder Ausstellungen. Der Lageplan für einen Wettbewerb oder der Einreichplan einer Turnhalle lassen sich hervorragend in 2D bewältigen. Eine sinnvolle Lösung wäre die Einführung schlanker, günstiger Light-Versionen. Sie müssen Grundstein einer abgestuften Angebotspalette sein, nicht ein „Nice-to-have“, das leider gerade nicht verfügbar ist.
Marktmacht versus Marktvielfalt
Nur einen Steinwurf von unserem Büro entfernt liegt der Wiener Naschmarkt, der leider die schöne Metapher vom Markt als Garant für Wettbewerb und Qualität infrage stellt. Ein Markt kann kippen und seine selbstregulierende Kraft verlieren (er muss dann überprüft und durch klare Regeln belebt werden). Ein unbedarfter Beobachter könnte geneigt sein, Symptome dafür auch auf dem CAD-Software-Markt zu erkennen. Mono- oder duopolartige Strukturen schaffen eine Marktmacht, die den Verbrauchern und Verbraucherinnen kaum Verhandlungsspielraum lässt. Die Folge: Wer Software benötigt, muss die vorgegebenen Preise akzeptieren. Die Qualität des Angebots entwickelt sich einseitig und wenig flexibel.

Ein weiteres Problem ist der Trend zu Online-Abonnements. Wenn Software nur noch gemietet statt gekauft wird, schwindet die Unabhängigkeit der Büros vollständig. Updates und Upgrades sind nicht mehr optional, sondern müssen mitgemacht werden, koste es, was es wolle. Und was passiert mit alten Projekten, wenn der Anbieter gewechselt wird – auch in Hinblick auf die 30-jährige Datenspeicherung, die gerne in Architektenverträge hineingeschrieben wird?
Offen für neue Programme
Um solche Abhängigkeiten gar nicht erst entstehen zu lassen, sollte in der Ausbildung eine Vielfalt an Programmen gefördert werden. Dazu ein Appell an uns selbst: Lassen wir die Experimentierfreude neuen Programmen gegenüber, die den meisten von uns im Studium eigen war, im Büroleben nicht verkümmern! Es gibt vielversprechende Alternativen, darunter Anwendungen kleinerer Softwareanbieter (Elitecad, BricsCAD etc.) und Open-Source-Systeme (FreeCAD, Blender etc.). Wir müssen es schaffen, diese Neugier im Berufsalltag aufzufrischen und unsere Erfahrungen untereinander auszutauschen!

Gemeinsam statt einsam ©Chatgpt nach einem Prompt von Isabella Marboe
Es ist keineswegs in Stein gemeißelt, dass sich CAD-Software notwendigerweise in Richtung „immer komplexer und teurer“ entwickeln muss – auch wenn es derzeit so scheint. Oft bildet sich eine Gegenbewegung: klein, beweglich, schnell erlernbar. Wir werden zwar einen über Österreich hinausreichenden Markt nicht direkt beeinflussen, aber vielleicht können wir bestehende Möglichkeiten klug nutzen und neue Wechselwirkungen anstoßen. Der enge Austausch mit den benachbarten Kammern kann hier viel bringen. Wir werden uns aber auch gedanklich und praktisch umstellen müssen: Nicht jeder Arbeitsplatz wird mit der Gesamtpalette an Programmen ausgestattet sein. Wie in einer Werkstatt wird hier bemaßt und dort gerendert werden.
Statt als monadenhaft abgeschlossene Einzelbüros zu agieren, sollten wir gemeinsam über den Tellerrand blicken und ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass wir ein Problem haben. Es braucht den Austausch von Erfahrungen innerhalb unseres Berufsstandes– zwischen Newcomern, mittleren und großen Büros. Dabei geht es einerseits um Konkretes wie Werkzeuge und Mittel, im weiteren Sinn aber auch darum, wie wir unsere Handlungsmacht bewahren und weiterhin gute Häuser bauen.
Dieser Text erschien erstmals in der Zeitschrift der österr. zt:Kammer „der Plan“– Die Redaktion von „genau!“ dankt herzlich.







