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Isabella MarboevonIsabella Marboe

Wo heute das Universitätszentrums am Althangrund ist, soll mit dem „Campus Althangrund“ der größte Bildungscampus Österreichs werden. Am 18. Dezember um 14 Uhr endete die Einreichfrist der ersten Stufe des offenen, EU weiten Wettbewerbs. Zeitgleich brachte die „Allianz Alte WU“ eine Argumentation für Bestandserhalt und Transformation heraus.

Die Alte Wirtschaftsuniversität ist ein Gebäude, das seit jeher polarisiert, seit jeher Universität war und nun wieder Universität werden soll. Und nicht irgendeine, sondern gleich der größte Bildungscampus von ganz Österreich. Mit dem „Campus Althangrund“ will die BIG dort, wo heute noch die Alte WU und das ehemalige Biologiezentrum der Universität Wien sind, einen modernen Bildungscampus der Superlative errichten. Das bedeutet konkret: 60.000 m² Grundfläche, um Raum mit etwa 84.000 m² Nutzfläche für „Forschung und Lehre im internationalen Spitzenfeld“ zu schaffen, den rund 16.000 Studierende, 1.750 Schüler und Schülerinnen, sowie über 3.000 Beschäftigte der Universitäten und Schulen nutzen. Das ist schon eine kleine Stadt.

Aula der Alten WU, 2024

Dafür muss allerdings viel Bestand weichen. Denn er kann das geforderte Raumprogramm nicht stemmen und „zum Großteil leider nicht für die aktuellen bautechnischen und nutzungspezifischen Anforderungen an einem modernen Bildungsstandort adaptiert werden – von den vorhandenen Schadstoffen gar nicht zu sprechen“, schreibt die BIG auf Anfrage. Eine Bestandsevaluierung 2023 aber führte dazu, dass im EU-weiten, offenen Realisierungswettbewerb „Campus-Althangrund“ vorgegeben ist, mindestens 40% der Tragstruktur zu erhalten. Es können auch mehr sein.

Kurt Hlawenicka, Karl Schwanzer und Gerhard Krampf haben das Universitätszentrum am Althangrund 1 (UZA1) zwischen 1975 und 1982 auf der Überplattung des Franz-Josefs-Bahnhofs geplant. In der Spätphase der Nachkriegsmoderne waren große Monostrukturen angesagt, was auch große Dunkelzonen mit sich brachte. Die sehr robuste Tragstruktur aus Stahlbeton hat in diesem Fall jedoch sehr praktikable, flexible Spannweiten von 7,2 Meter. Das gesamte UZA1 umfasst etwa 110.000 m² Bruttogeschossfläche und steht nicht unter Denkmalschutz, dadurch kann man besser, kreativer und weitreichender eingreifen, wenn man aus-, umbauen oder korrigieren will. Es speichert enorm viel grauer Energie, ein Argument, das in Zeiten der Klimakrise zunehmed an Gewicht gewinnt. Bestand, den man erhält, muss allerdings heutigen Bauvorschriften genügen. Umso mehr, wenn er öffentlich genutzt wird. Das führt dazu, dass ein Haus, das gerade 43 Jahre alt und als Universität geplant ist, abgerissen werden muss, obwohl man es wieder als Universität nutzen will.

Etappenweise will man hier frühestens ab 2028 den neuen Campus errichten, der 21 Kleinstandorte der Universität, die Fakultät der Sozialwissenschaften der Universität Wien, die derzeit auf 15 Standorte verteilt ist, sowie einen Standort der BOKU, die notorisch aus allen Nähten platzt und zwei Bundesschulen – eine AHS und eine HTL – aufnehmen wird. Natürlich so energieeffizient wie möglich, mit attraktiven Freiräumen auf entsiegelten Flächen. „Vermutlich muss ein Teil des Bestands abgetragen werden, denn seine Erdbebensicherheit erfüllt heutige Normen nicht; weiters würden niedrige Raumhöhen, mangelnde natürliche Belichtung und störende Vibrationen keine zeitgemäße, konkurrenzfähige Nutzung als Bildungsstandort möglich machen und die Integration des Campus in den umliegenden Stadtraum könnte nicht verwirklicht werden“, steht auf der Website der BIG zu lesen. Außerdem: „Kreislaufwirtschaft wird von Anfang an mitgedacht und umgesetzt.“

Trotzdem regt sich Widerstand: denn die Alte WU stand seit 2013 leer, beherbergte unterschiedlichste Zwischennutzungen als Ausweichquartier für andere Universitäten, Tanz- und Volkshochschule, Künstlerateliers, Gemeinschaftsbüros, Filmproduktionen und mehr. Sie erwies sich dabei als sehr aneignungsfreudig, resilient, robust und fand immer mehr Menschen, die sie lieben. Vor rund eineinhalb Jahren gründete sich die „Allianz Alte WU“. Dieses offene und zivilgesellschaftliche Netzwerk aus Architektur Institutionen (IG Architektur, Allianz für Substanz, Architects for Future Austria), Interessensgemeinschaften, engagierten Kultur – und Architekturschaffenden sowie Nutzerinnen der alten WU (Kollektiv Raumstation) kämpft um den größt- und bestmöglichen Erhalt der Alten WU. Es sieht nicht seine Mängel, sondern vor allem sein Potential für eine „zukunftsweisende Transformation der gesamten Gebäudestruktur.“ Der geplante Campus soll mindestens eine Milliarde Euro kosten – eine enorme Summe, um Gebäude zu ersetzen, die erst 43 Jahre alt sind, argumentiert die Allianz. Und: „Seit Veröffentlichung der Projektabsicht am 18.3.2024 fordern wir, das Raumprogramm an das Gebäude und nicht das Gebäude an das Raumprogramm anzupassen denn dies bedeutet Abbruch.“

Die BIG verweist auf den laufenden Austausch mit Expert*innen, der Stadt Wien, dem Bezirk, den ÖBB, den zwei Universitäten, der Bildungsdirektion, den zuständigen Ministerien, der Architekturfachwelt, sowie Vereinen und Interessensgemeinschaften, die sich mit der Zukunft der Liegenschaft befassen. Darunter auch die Allianz Alte WU und die Allianz für Substanz. „Ergebnisse aus dem laufenden Dialog mit den Vereinen sind auch in die Unterlagen für den Architekturwettbewerb eingeflossen. Wir haben dem Wettbewerb ein 3-D Modell beigegeben sowie sämtliche Bestandspläne, die originalen Einreichpläne aus den 19 siebziger Jahren und Unterlagen zur Statik des Gebäudes. Diese dienen als Basis für alle Wettbewerbsteilnehmer, insbesondere jene, die noch mehr vom Bestand erhalten wollen“, schreibt die BIG.

Die Weichen für dessen Zukunft werden gerade gestellt: am 18. Dezember 2025 um 14:00 endete die Einreichfrist für die erste Stufe, die einen Masterplan für alle Planungsetappen für das gesame Planungsgebiet ausarbeitet. Die Anzahl der Teilnehmenden darf die BIG in einem laufenden Verfahren leider nicht verraten, ob Projekte, die zugunsten von mehr Bestandserhalt die Vorgaben neu interpretieren, in der Wertung bleiben, „obliegt einzig dem Preisgericht.“ Zu den Beurteilungskriterien zählen neben architektonischen, funktionalen und städtebaulichen auch der „schonende Umgang mit Ressourcen“. Das beinhaltet Wirschaftlichkeit, Nachhaltigkeit – inklusive Kreislaufwirtschaft – und Flexibilität.

Kurz vor der Einreichfrist brachte die Allianz alte WU eine „Handreichung zum EU weiten, offenen, zweistufigen Realisierungswettbewerb Campus-Althangrund“ heraus. Diese rief Planungsbüros auf, sich am Wettbewerb zu beteiligen – mit einem realistischen oder kritischen Beitrag. „Auch, wenn die Rahmenbedingungen nicht ideal sind: Es braucht eure Expertise, euren Mut und eure Visionen für eine zukunftsfähige Transformation. Diese ,Handreichung’ zum laufenden Wettbewerb soll dabei unterstützen.“ Diese kleine Broschüre bringt es auf 34 Seiten, glänzt mit schönen Abbildungen der Alten WU, vielen Argumenten und arbeitet sich an einzelnen Punkten des Wettbewerbs ab. So ist beispeilsweise zum verpflichtenden Erhalt von mindestens 40% der Bestandsstruktur zu lesen: „Gemeint ist damit jedoch primär der ,Unterbau’ – also die Betonplatte, Stützen, Balken und Fundamente. Hochbauten bleiben davon unberührt. De facto bedeutet das: 40% Erhalt = 100% Abriss des Hochbaus.“

Diese Handreichung kam – einige Tage vor Abgabefrist – sehr spät. Allerdings ist die „Allianz Alte WU“ ein zivilgesellschaftlicher Zusammenschluss aus lauter Idealisten und Idealistinnen, die unbezahlte Arbeit leisten und alles miteinander abstimmen. „Die nun vorliegende Handreichung ist ein Extrakt von mehr als einem Jahr dauernder intensiver Recherche und Diskussion“, sagt Architekt Johannes Zeininger. Allerdings: zwischen der jetzigen Abgabe und der Jurierung vergeht noch Zeit, die Allianz Alte WU rechnet damit, dass ihre Argumente öffentlich diskutiert werden, sich verbreiten, immer mehr Menschen überzeugen, in das Wettbewerbsverfahren „diffundieren“ und auch das Bewußtsein der Jury erreichen. Bereits im Vorfeld fanden viele informelle, kollegiale Gespräche mit Architekturschaffenden statt, von denen einige tatsächlich Projekte abgegeben haben dürften. Die Architektenkammer entsandte mit den Architektinnen Hemma Fasch und Barbara Buser jedenfalls zwei herausragende Fachjurorinnen. Auch die Statements von Stefan Ehrenberger, einem Projektverantwortlichen der BIG im Mittagsjournal vom 26. August 2025 stimmen zuversichtlich: „Dieses Projekt wird in mehreren Planungs- und Bauetappen verwirklicht. Kein Büro kann das in einem Stück errichten. Wir können in jeder weiteren Etappe dazu lernen.“ Es bleibt also spannend.

Dieser Beitrag wurde erstmals auf www.gat.news veröffentlicht.„genau!“ dankt herzlich!

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