Vom altmodischen, gediegenen „Capri“ zum Pionier einer nachhaltigen Hotellerie: Die Geschichte der Verwandlung eines gastlichen Wiener Hauses.
Jahrzehnte lang wehte über die Praterstraße 44-46 ein Hauch von Capri. So hieß das dortige Hotel, bis Henriette das Heft übernahm. Die erste Gattin des Walzerkönigs Johann lebte vier Häuser weiter, nach ihr benannten Verena Brandtner-Pastuszyn und ihr Mann Georg Pastuszyn das Hotel, das sie 2008 in zweiter Generation übernommen haben. „Es war sehr gediegen, aber altmodisch, meiner Oma hätte es gefallen“, erinnert sich Verena. „Die Zimmer waren typisch 1980er, sie hatten Spannteppiche und Buchenholzmöbel mit wilden Farben und wilden Mustern.“

Die beiden setzten immer konsequenter auf Nachhaltigkeit – auch wenn auf diesem Weg das Capri verloren ging. Henriette übernahm die Stafette. Das Hotel ist inzwischen Craddle-to-Craddle zertifiziert, hier lebt man die Kreislaufwirtschaft. Das heißt, dass Materialien so weit wie möglichst wieder- oder weiterverwendet, umgewandelt, aufgewertet, aber nicht weggeworfen werden. Inzwischen ist man bei der Gemeinwohlorientierung und damit beim Alleinstellungsmerkmal angelangt. Henriette ist das erste Gemeinwohl-Hotel Wiens und das erste mit Circular-Living-Zimmern. Das bedeutet, dass alle Materialien biologisch und Möbel zerleg- und wiederverwertbar sind.
Begonnen hatte alles damit, dass Brandtner-Pastuszyn ihren Gästen ein gesundes Schlaferlebnis bieten wollte. Das heißt: keine Chemie, keine synthetischen Fasern, kein Polyester, dafür Naturbettware. Hier sind Decken aus Mais, Pölster aus Bioleinen oder Biowolle. Denn der Faserabrieb beim Waschen von Textilien und Kunststoffen ist laut Fraunhofer Institut immerhin auf Rang zehn unter den Verursachern von Mikroplastik in der Natur. Um das Wasser nicht zu belasten, wird mit ultra-heißem Trockendampf gereinigt.

Jeder Stock ist einem anderen Wiener Thema gewidmet, im fünften Stock sind die Geistesgrößen versammelt. Auf Zimmer 509 logiert die Referenz an Adolf Loos. Das Betthaupt ist aus Fischernetzen, für einen neuen Look genügt ein Austausch. „Was meinen Sie, was das ist?“, fragt Verena erwartungsvoll und zeigt auf die Waschtischplatte im Bad. Ein schönes Material in einer schönen Farbe, dunkelgrün, mit weiß-schwarzen Einsprengseln. Corian in Terrazzooptik? Nein, es sind upgecycelte Kühlschrankteile aus der Ukraine. Eine von bisher rund 170 Nachhaltigkeitsmassnahmen.
Das schlichte Haus stammt aus den frühen 1960er Jahren, hatte Aluminiumfenster, Balkone, ein zartes Vordach und war immerhin von Eugen Wörle geplant. Ihm und seinem Büropartner Max Fellerer hat Wien das Gänsehäufel zu verdanken, die beiden prägten die Nachkriegszeit und haben auch das Parlament mitsamt holzverkleidetem Sitzungssaal ausgestattet. Damals kam Jacek Pastzuszyn nach Wien.Verenas Schwiegervater stammt aus Polen, sein Nachname ist russisch. „Capri war absolut en vogue. Es gab den Ford Capri als Gegenstück zum amerikanischen Mustang und die Caprihose, die bei den Damen anliegend getragen wurde,“ erzählt Jacek mit dem Anflug eines feinen Lächelns. Er ist ein Gentleman der alten Schule, der Damen den Vortritt lässt und ihnen – wie im Fall der Autorin – auch mit ausgesuchter Höflichkeit aus der Jeansjacke hilft. „In Polen bin ich nach zwei Jahren aus der Schule geflogen, die Hotelfachschule aber hab ich mit Auszeichnung abgeschlossen,“ erzählt er mit hörbarem Vergnügen.

In Wien begann er als Liftboy im Hotel Zentrum bei der legendären Markthalle in Landstraße Wien-Mitte. Beides existiert heute nicht mehr. „Da trug man ein Hemd mit Stehkragen und vierzehn Knöpfen, rief den Lift und war beim Aus- und Einsteigen behilflich.“ Er stieg zum Hilfsportier, dann zum Nacht- und weiter zum Tagportier auf, im Hotel Albatros brachte er es bis zum Direktor-Stellvertreter, mit 54 Jahren verlor er seinen Job. Beim AMS hörte er, dass er für seine Branche zu alt sei. Am 1. Jänner 1997 kaufte er das Hotel Capri mitsamt seiner Belegschaft, Gattin Annelie unterstützte ihn dabei. Auch sie ist eine echte feine Dame vom alten Schlag. „Für ihn habe ich meine gute Position als Chefsekretärin aufgegeben“, sagt sie. „Es ist eine Geschichte von absolutem Mut“, sagt ihre Schwiegertochter.
Als das „Capri“ in den 1960er Jahren eröffnet wurde, war die wirtschaftliche Situation sehr unsicher. „Man wollte nicht gleich das ganze Haus als Hotel führen. Im zweiten, dritten und vierten Stock gab es 36 Zimmer, darüber lauter Garconnieren.“ Jede freiwerdende Wohnung baute Jacek zum Zimmer um. Deshalb sind sie so groß. Bis heute ein willkommener Luxus, auch Familien können hier komfortabel nächtigen. Er begann beim ersten Stock, das brachte elf zusätzliche Zimmer, dann verlegte er die Rezeption vom zweiten Stock ins Erdgeschoss, baute den Aufzug um und eine Klimaanlage ein. An die 70 Zimmer hatte das Hotel zuletzt, mit 65 Jahren übergab er es seinem Sohn Georg.


Pastuszyn war ein neuer Lift.© Christopher Mavrič
„Ich wollte etwas Gutes für die Umwelt und die Menschen tun“, sagt dessen Frau. Putzkräfte tragen hier ihre Qualifikation als Wohlfühlexperten und -expertinnen deutlich sichtbar auf ihren dunkelroten T-Shirts. Der respektvolle, wertschätzende Umgang mit Mitarbeitenden gehört selbstverständlich zum Gemeinwohl dazu. Verena Brandtner-Pastuszyn grüßt die Wohlfühlexpertin mit dem imposanten Trockendampf-Gerät im Lift, den leicht beeinträchtigen Maximilian hat sie übernommen, er geht nun als Hausmann seinen Kolleginnen zu Hand. Alle wurden an ihren Wiener Lieblingsorten von einem Profi fotografiert, die Aufnahmen von ihnen hängen nun an der grünen Wand bei der Stiege. Die Grundsteinleger Annelie und Jacek Pastuszyn posieren im Belvederegarten, Kelly Häuseler, die Einblicke in den Hotelalltag gibt, ließ sich auf der Donauinsel festhalten, Wohlfühlexpertin Anastasiia Ranika mag die Müllverbrennungsanlage in der Spittelau. Wer den Pfaden der Mitarbeitenden folgt, gewinnt einen neuen Blick auf Wien.

© Christopher Mavrič
Seine Bauzeit ist dem Hotel heute auf den ersten Blick nicht mehr anzusehen. Architekt Christian Prasser, der einen Steinwurf weit im Nestroyhof sein Büro hat, gestaltete die Fassade neu: Sie ist nun altrosa verputzt, die Balkone sind komplett – Brüstung und Untersicht – mit karierten Fliesenfeldern in dunkel-, hellgrün, altrosa, rotbraun und gelb verkleidet. Auch oben im Speisesaal finden sich die bunten Karos auf den Wandpfeilern wieder, das Interieur ist bunt und gemütlich.
Im Jahr 2021 zog der „Schöne Ernst“ im Erdgeschoss ein. Die Bar in seiner Mitte verweist in Form und Farbigkeit auf die Zeit, als das Hotel Capri eröffnet wurde. Ihre hellgrünen Stäbe finden sich auch als Geländesprossen an der Wendeltreppe, die in die Rezeption im ersten Stock führt. Sie sind eine Referenz an Eugen Wörle und sein Gänsehäufel. Mit dem kleinen Bistro und seinem Schanigarten setzt die Henriette ihren Fuß ins Grätzel. „Wir wollten etwas für unsere Nachbarschaft tun. Abends sind wir eine Aperitivbar, das gibt es hier noch nicht.“

Ein deutsches Pärchen unterhält sich bei einem Porridge, der mit seiner Obstgarnitur zur Schönheit erblüht, am Nebentisch sitzen zwei Leopoldstädterinnen beim Kaffee, sie reden über Der Schanigarten ist gut besucht, das Service außerordentlich freundlich, der Espresso kommt stilgerecht im Glas daher. Er ist schwarz und stark, Bagels gibt’s außerdem. Eine junge Frau mit Kinderwagen betritt das Lokal, sie begrüßt Jacek freudig, beide plaudern ein wenig. Woher er sie kennt? „Sie hat schon bei uns als Stubenmädchen gearbeitet.“
Dieser Text erschien erstmals auf www.zwischenbruecken.at. genau! dankt für die Erlaubnis, ihn online stellen zu dürfen.







