Dreißig Jahre nach Abschluss eines Architekturstudiums wieder an die TU Wien zurückzukehren, ist selten. Doch es kommt vor. Eine Zeitreise.
Betritt man heute die Räumlichkeiten an der Architekturfakultät der TU Wien, hört man Handys klingeln, Tastaturen klackern und Studierende über digitale 3D-Modelle debattieren. Studienorganisation und Teamarbeiten spielen sich online ab. Vor drei Jahrzehnten hingegen begegnete man oft langen Warteschlangen, die sich zur Anmeldung der Prüfungen und Kurse bildeten.

In den Zeichensälen klapperten maximal Zeichenschienen, Lineale und Tuschefüller – es war eine andere Welt. Doch was hat sich wirklich verändert, jenseits der Technik? Und wie wirkt sich das heute auf Berufseinsteiger aus?
Gender und Klischee
Mitte der 1990er Jahre war der obligatorische Student männlich, der Frauenanteil betrug weniger als 40%. Das war typisch für technisch geprägte Studiengänge. Unnötig zu erwähnen, dass es an der TU Wien damals keine weiblich besetzten Professuren gab. Von den wenigen Absolventinnen kamen nicht alle in den Beruf, die Leistungsphasen der Architektur waren noch nicht so stark voneinander zu trennen. Die damals gängigen patriarchalen Umgangsformen in der Bauleitung dürften wohl einige abgeschreckt haben.


Im Jahr 2002 erreichte Frauenanteil bereits 50% und stieg seither weiter kontinuierlich an. 2025 begannen laut Statistik der TU Wien 139 Frauen und 84 Männer ein Architekturstudium, was einem Prozentanteil von 60% Frauen entspricht. 1
Analoges Handwerk
In den frühen 1990er-Jahren war Architektur noch ein Diplomstudium mit stark handwerklich/technischer Prägung. Studierende verbrachten unzählige Stunden am Zeichenbrett, lernten proportionalen Entwurf und klassische Darstellungsformen. Computer und CAD (computerunterstütztes Design) waren vorhanden, aber nicht Gegenstand und schon gar kein Kernbestand der Lehre. Sie waren sehr teuer und galten als Zusatzwerkzeuge zur Erstellung von fotorealistischen Darstellungen, Layouts und Grafiken. Die Lerninhalte beschränkten sich auf Architektonisches Entwerfen, Bautechnik und Konstruktion, Baugeschichte, Theorie, Baudurchführung und Baurecht, Städtebau und Raumplanung, Freihandzeichnen, Darstellung,

Bevor digitale Medien und 2006 die BolognaStruktur (Bachelor, Master und ETCS-Punkte) die Ausbildung reformierten, lag der Fokus stärker auf ganzheitlichem Entwerfen, klassischer handwerklicher Kompetenz und theoretischer Reflexion.Junge Architekten und Architektinnen traten in Büros ein, in denen man viel durch Zuschauen und Mitmachen lernte. Praktika dauerten oft lange, man arbeitete Monate an Zeichnungen und die Verantwortung wuchs langsam. Kommunikation und Austausch erfolgte überwiegend persönlich, in Meetings und am Zeichenbrett. Das wichtigste Kommunikationstool waren Skizzen und handbeschriftete Planausschnitte, die per Fax übermittelt wurden.



Mit der Jahrtausendwende kam der Computer endgültig im Zentrum der Lehre an. Die TU Wien integrierte zunehmend CAD, 3D-Modellierung und Renderings in den Studienplan. Programme wie AutoCAD, ArchiCAD, später Revit und Rhino wurden Teil des Curriculums. Studierende lernten nun parallel zu den ursprünglichen Disziplinen auch digitale Entwurfsmethoden, BIM (Building Information Modeling), strukturierte Planung über Lebenszyklen, Visualisierungen, Animationen und weiterhin Grundlagen des physischen Modellbaus.
In der Berufspraxis zeigte sich der Wandel deutlich. Berufseinsteiger mussten zunehmend digitale Kompetenz mitbringen. Die Büros verlangten schnelle CAD-Umsetzungen, 3D-Visualisierungen für Wettbewerbe und Projektkommunikation über E-Mail und digitale Plattformen. Die Geschwindigkeit der Planung stieg, Fehler konnten schneller korrigiert, aber auch schneller verbreitet werden.

In den letzten Jahren hat das Studium eine weitere, tiefgreifende Wendung erfahren. Heute ist es nicht nur „digital“, sondern vielmehr auch vernetzt und interdisziplinär. Zusätzliche Lerninhalte sind standardmäßig BIM und digitale Planung, parametrisches und algorithmisches Design, Simulationen (Licht, Energie, Struktur), digitale Darstellungen mittels virtueller oder erweiterter Realität (VR/AR), Teamarbeit über digitale Plattformen, Nachhaltigkeit und Resilienz. Die Lehrinhalte sind nicht mehr linear. Es ist möglich, den Entwurf direkt im 3D-Raum zu beginnen oder generative Werkzeuge und KI gestützte Tools zu verwenden.
Transformation in Studium und Beruf
Um Formen und Abläufe zu erforschen werden generative Werkzeuge und KI-gestützte Tools verwendet. Parallel dazu finden sozial-ökologische Themen wie Klimawandel, energieeffiziente Gebäude, urbane Transformation, Partizipation und sozioökonomische Stadtplanung stärker Berücksichtigung. Die Entwicklung vollzog sich von klassischen gestalterischen, technischen und historischen Schwerpunkten hin zu interdisziplinären, technologischen und gesellschaftlich relevanten Themen.
Der Architekt war in den 1990er Jahren vor allem ein künstlerisch-handwerklicher Generalist, der entwarf, plante und Bauprojekte weitgehend selbst – oft mit großem Entscheidungsspielraum – überwachte. Die gesellschaftliche Anerkennung war hoch, die Arbeit stark persönlich geprägt, technische Hilfsmittel beschränkten sich auf Handzeichnungen und der Beruf war fast ausschließlich männlich besetzt.

Heute – im Jahr 2026 – ist der Architektenberuf eine hochprofessionelle, arbeitsteilige Disziplin. Architekten und Architektinnen arbeiten zunehmend als Dienstleistende und Koordinierende in größeren Teams. Sie sind Teil eines komplexen Bau- und Planungssystems. Entwerfen ist eng mit Normen, Genehmigungen und ökonomischen Zwängen verknüpft, technische Hilfsmittel prägen den Alltag. Macht und Autonomie sind eingeschränkt, starke Egos fehl am Platz, Verantwortung und Haftung gestiegen. Der Beruf ist stärker von Marktmechanismen und rechtlichen Vorgaben geprägt. Digitale, dreidimensionale Darstellungsmethoden ermöglichen einen schnelleren Einstieg in Projekte und unterstützen die räumliche Vorstellungskraft enorm. Grundsätzlich hat sich das Tätigkeitsfeld durch Visualisierungen, Datenanalysen, Nachhaltigkeitsplanung und die Koordination von interdisziplinären Arbeitsgemeinschaften vergrößert. Digitale Werkzeuge haben die internationale Mobilität und den Austausch erhöht, die Kompetenzanforderung des Berufs sind heute wesentlich breiter gefächert als vor etwa dreißig Jahren.
Datenmanagement, BIM und Ablagestandards der Büros, Software-Skills, Projektkoordination, digitale Portfolios und das globale Netzwerken über Social Media oder Online-Plattformen gehören zum Berufsalltag. Büros erwarten, dass junge Architekten und Architektinnen schnell in digitalen Workflows produktiv sind und Bürostandards rasch erfassen. Das bringt eine steile Lernkurve mit sich, der Arbeitsrhythmus erfordert Flexibilität, da Projekte schneller ablaufen können und Kommunikation rund um die Uhr möglich ist. Die Lerninhalte haben sich im Lauf der Zeit von einer primär gestalterisch-historischen Ausbildung zu einem vielschichtigen, technologie- und gesellschaftsbezogenen Curriculum hin entwickelt. Heute gehören neben dem klassische Entwerfen auch digitale Werkzeuge, Nachhaltigkeit, soziale Verantwortung und interdisziplinäre Kompetenzen zu den Kerninhalten. Die Lehre hat sich also von einer eher traditionellen Handwerks- und Theorieausbildung zu einem modernen, breit gefächerten Bildungs- und Forschungsfeld gewandelt.

Die Gleichberechtigung und -behandlung der Geschlechter hat sich stark verbessert. Besonders in der Planung trifft man viele junge, engagierte und kompetente Architektinnen, die nicht zuletzt auch durch ihren sozialisierten „will to please“ wertvolle Mitarbeiterinnen und hilfsbereite Teamkolleginnen sind. Auch gibt es immer mehr Frauen in Führungspositionen. Leider ist jedoch festzustellen, dass die Carearbeit im Privatleben noch immer in erster Linie die Frauen übernehmen. Das führt fast zwangsläufig dazu, dass sie sich beruflich zurücknehmen und meist nicht mehr zur vollen Berufstätigkeit zurückkehren. Im Jahr 2024 waren die Absolventinnen des Architekturstudiums durchschnittlich 29Jahre alt. Bis zum ersten Kind bleiben da nur wenige Jahre für die berufliche Weiterentwicklung in einem Büro bleibt. In ihrem Berufsleben stellte die Autorin fest, dass ältere Architektinnen in Vollzeitjobs eher die Ausnahme sind.
1https://openpower.finanz.tuwien.ac.at/Reports/powerbi/Produktiv/tardis_BRZ_Statistik?rs:embed=true TU Wien – Gender Monitoring: Daten zur Fakultät Architektur und Anteil Frauen Studierende (2023/24) https://www.tuwien.at/fileadmin/Assets/dienstleister/Gender_Equality_Office/gender_ressourcen/Zahlen_und_Fakten/Frauenbericht/Results___developments_at_a_glance.pdf?utm_source=chatgpt.com TU coLAB-Studienstatistik 2025 – konkrete Zahlen nach Geschlecht für Architekturstudiengänge https://openpower.finanz.tuwien.ac.at/Reports/powerbi/Produktiv/2024_Gendermonitoring?rs:embed=true„Die Architektinnen“ – Architekturstudium (Claiming*Spaces) dokumentier kritisch die historische wie aktuelle Geschlechterverteilung im Architekturstudium an der TU Wien.






